Start Lennetal Plettenberg Wer Plastikbäume aufstellt, hat Weihnachten nie gel(i)ebt

Wer Plastikbäume aufstellt, hat Weihnachten nie gel(i)ebt

Florian Teipel schreibt ein Plädoyer für den natürlichen Weihnachtsbaum

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Plettenberg. Ich bin im Sauerland aufgewachsen, mein Vater hat Ende der 1980er Jahre ein Weihnachtsbaumunternehmen aufgebaut. Es war aus der Not heraus geboren, man hatte ihn reingelegt, als er seinen Jahresurlaub für einen Nebenverdienst im Weihnachtsbaumgeschäft nahm und nie dafür bezahlt wurde. Also versuchte er es im nächsten Jahr einfach auf eigene Faust. So ist er: Nicht maulen, machen. Daraus ist bis heute ein respektables Kleinunternehmen entstanden. Der WDR war schon da, letztens SAT1, um zu zeigen, wie das mit den Weihnachtsbäumen so funktioniert.

Familien-Business und Ganzjahresarbeit

Das Weihnachtsbaum-Geschäft bedeutet Ganzjahresarbeit. Foto: privat

Wir sind vier Söhne, mussten immer mit anpacken, manchmal wollten wir sogar. Mein großer Bruder wird das Unternehmen weiterführen und ausbauen. Unsere Ferien haben wir überwiegend in Weihnachtsbaumkulturen verbracht. Im Frühjahr wurden Zäune gebaut und neue Bäume gepflanzt. Im Sommer wurden sie freigemäht, gedüngt oder manchmal auch gegen zu viel Beiwuchs oder Schädlinge gespritzt. Im Herbst wurden Bäume mit Wurzeln ausgegraben, Äste für Kränze und Gestecke geschnitten und ab Anfang November jedes Wochenende Bäume gesägt, geschleppt, eingenetzt, verladen. Ab Dezember hat unser Hofverkauf geöffnet, man kann bei uns auch Bäume selber schlagen. Es ist ein Familien-Business und Ganzjahresarbeit.

Ich verbinde mit Weihnachtsbäumen, Nadel- und Harzgeruch neben der ganzen Arbeit auch viele Emotionen. Kleine Kinder, die sich freuen, ihren ersten eigenen Weihnachtsbaum zu sägen. Streitende Paare, die sich erst nicht einigen können, ob der Baum dick oder dünn, groß oder in diesem Jahr doch auf einen Hocker gestellt werden soll. Echte oder Elektrokerzen – und wie bekommt man einen krummen Baum gerade in den Ständer. Ganze Gruppen, die ihren Weihnachtsbaumkauf zum Event machen, immer ein lockerer Spruch und zum Schluss noch ein bisschen feilschen. Am Ende gehen alle mit lachenden und voller Vorfreude strahlenden Gesichtern von unserem Hof. „Mal ehrlich Herr Teipel, gibt’s was schöneres, als seinen eigenen Weihnachtsbaum zu schlagen?“, hat einer mal gesagt.

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Es ist romantisch

Manche Kunden hat man über Jahre begleitet, Kinder aufwachsen, Großeltern gehen sehen. Man kennt sich. Aus Saftpunsch wurde Glühwein, aus Omas Waffel eine leckere Bratwurst. Oder beides. Traditionen wurden übernommen oder eigene geschaffen. So wie letztes Mal bitte, nur nicht ganz so breit. Ein Schöner soll es sein, aber ihr habt ja sowieso nur Schöne. Weißt du noch letztes Jahr, als wir diese Krücke hatten? Oder vor zwei Jahren, als es so fürchterlich geschneit hat? Immer auf den letzten Drücker, aber ihr kennt mich ja. Könnt ihr den noch anspitzen? Müsste passen.

Jeder, der mal einen Weihnachtsbaum ge- oder verkauft hat, wird das so oder so ähnlich kennen. Es klingt romantisch, weil es so ist.

Das Sauerland ist auch ein Weihnachtsbaumland. Foto: privat

Ursprünglich wollte ich einen Text über Plastikmüll und die zunehmende Flut von Plastikweihnachtsbäumen schreiben. Ich wollte erklären, warum ich niemanden verstehen kann, der bei Bildern vermüllter Natur guten Gewissens einen solchen aufstellt – wenn das Original doch natürlich und nachwachsend ist. Aber während ich das schrieb, ging mir auf, dass es gar nicht in erster Linie der Müll ist, der mich an Plastikweihnachtsbäumen stört. Es ist die Leere, die Kühle, die ein Plastikbaum ausstrahlt. Ein emotionsloses Stück Industrieproduktion. Und das ist nun wirklich nichts, was ich mit Weihnachten verbinde.

Wer also jetzt gerade seinen kümmerlichen PVC-Baum in der Ecke anschaut, sollte seine sieben Sachen packen und raus fahren. Irgendwo gibt es bestimmt noch einen schönen Baum und nächstes Jahr dann eine schöne Geschichte.

Der Autor

Florian Teipel ist Kommunikationsberater und wuchs im Sauerland auf. Mit 20 zog er zu Hause aus, studierte in Passau und lebt seit sieben Jahren in Berlin.

1 KOMMENTAR

  1. Natürlich hat der Weihnachtsmannfachverkäufersohn einen romantischen Blick auf den “natürlich” gewachsenen Baum. “Natürlich” kommen dabei auch Pestizide, Fungizide und Düngemittel zum Einsatz und “natürlich” gehen Restbestände davon in geheizten Räumen die Raumluft über. Der “natürlich” große Flächenverbrauch von Weihnachtsbäumen ist ein anderes Thema.
    Mir scheint der Plastikbaum natürlicher als ein Baum aus dem Tannen-Forst…

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