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Jenny Bergs. In ihr stecken viele Talente und Gaben. Welche das sind, hat sie uns in einem exklusiven Interview verraten. Foto: Iris Kannenberg

Sympathisch ist sie und so, wie man sich eine Ballerina vorstellt. Klein, zierlich, durchtrainiert und anmutig. Ein sehr aktiver und kraftvoller Mensch ist sie zudem, was schnell spürbar wird, wenn man mit Jenny unterwegs ist. Sie hat Power.

Und natürlich ist sie eine waschechte Lüdenscheiderin. Sie liebt diese Stadt, obwohl sie ihren ersten Wohnsitz während ihres Studiums nach Bielefeld verlegt hat. Was sie jedoch nicht daran hindert, sehr, sehr regelmäßig Lüdenscheid zu besuchen. Schließlich lebt ihr Freund hier, mit dem sie bereits elf Jahre zusammen ist. Und ihre Familie. Zu der auch der Musiker Björn Bergs gehört, den wir ebenfalls bereits hier portraitiert und vorgestellt haben. Die Bergs sind eine Familie, die es in sich hat.

Ich treffe mich mit Jenny in meiner Wohnung. Für beide das einfachste. Nach einigem Hin und Her und Terminverschiebungen finden wir endlich an einem Freitag die Gelegenheit, ein intensives Gespräch zu führen.



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Genauso stellt man sich eine echte Ballerina vor. Anmutig und auch etwas geheimnisvoll. Foto: Anna Evgen

Hej Jenny, schön, dass Du Zeit hast für dieses Interview. Erzähl unseren Lesern kurz einmal, wer Du bist.

Ich heiße Jennifer Bergs, bin 34 Jahre alt, habe in Lüdenscheid Abi am Bergstadt Gymnasium gemacht und bin eigentlich ein echtes Lüdenscheider Urgestein. Ich bin hier geboren und meine Mama auch. Mein Vater ist der Liebe wegen von Aachen ins Sauerland gezogen.

Zudem habe ich eine ganz liebe Schwester, die mit Björn Bergs verheiratet ist.

Bist Du direkt nach dem Abi in Richtung Tanz durchgestartet?

Nein, erst einmal habe ich eine Ausbildung hier in der Sparkasse gemacht, einfach, weil ich mir nach dem Abitur nicht sicher war, was ich beruflich wirklich möchte. Ausbildung oder Studium? Was ganz anderes? Ich hab mir gesagt, ok, ich bewerbe mich jetzt genau einmal. Wenn es klappt, mache ich die Ausbildung. Wenn nicht, gehe ich studieren. Es hat bei der Sparkasse sofort geklappt und so bin ich erst einmal hier geblieben.

Sie tanzt seit ihrem sechsten Lebensjahr. Und hat es weit gebracht. Foto: Anna Evgen

Allerdings habe ich während der Ausbildung immer weiter getanzt und habe verschiedene Prüfungen gemacht. Z.B. bei der Royal Academie of Dance in London. Die bieten da zwei Sparten an. Eine für Laien und eine für diejenigen Tänzer, die Tanzen zu ihrem Beruf machen möchten. Und in dieser zweiten Sparte habe ich Prüfungen abgelegt.

Wie kommt man von Lüdenscheid nach London an die Royal Academie?

Über die Lüdenscheider Ballettschule Klüttermann. Hier habe ich das Tanzen gelernt und mich ausbilden lassen. Manuela und Heidi Klüttermann haben mich für die Academie vorbereitet und sind dann auch mit mir zu den Prüfungen nach London geflogen.

Was ist man dann?

Letztendlich erhält man so die Befähigung dazu, Tanzpädagogik zu studieren. Wenn man diese Hürde genommen hat, kann man bei der Royal Academie noch eine weiterführende Ausbildung im Bereich Pädagogik machen. Die erste Prüfung heißt “Intermediate”. Die braucht jeder, der Tanzpädagogik an der Royal Academie of Dance studieren möchte.

Ich habe dann auch noch eine zweite Prüfung dort abgelegt, die einem bescheinigt, was man als Tänzer so drauf hat. Was man genau kann und wie hoch das Level ist. Das braucht man z.B., wenn man als Tänzer arbeiten möchte.

Hast Du schon immer getanzt?

Tanzperformance in Bad Oeynhausen zwischen den Säulen. Foto: Anna Evgen

Ja, von Kindesbeinen an. Ich war natürlich, wie viele Mädchen, durch die Serie “Anna” mit Silvia Seidel für´s Ballett begeistert worden. Ich war echt wild darauf, eine Tänzerin zu werden. Mit sechs Jahren habe ich in der Lüdenscheider Ballettschule Klütermann mit dem Tanzunterricht begonnen. Das wurde schnell mehr als ein Hobby. Ich hab dann im Teeny-Alter noch Jazzdance, Modern Dance und Flamenco dazugenommen. Und Steptanz.

Nach der Ausbildung bei der Sparkasse und Deinen Prüfungen in London, bist Du aber dann erst einmal wieder einen ganz anderen Weg gegangen …

Das ist schon so. Nach der Ausbildung bin ich nämlich nach Münster gezogen, um Jura zu studieren. Fürs Hauptstudium bin ich später nach Bielefeld gewechselt. Ich habe so auch andere Tanzstudios in anderen Städten kennengelernt und muss einfach – ohne hier Werbung machen zu wollen – sagen, dass die Tanzschule Klüttermann nach wie vor die beste Tanzschule ist, die ich bisher kennengelernt habe. Darauf dürfen die Lüdenscheider zu Recht stolz sein.

Dann bist Du also jetzt sozusagend ein tanzender Jurist;-)

Genau! Ich bin tanzende Diplomjuristin und beginne 2019 mit meiner Doktorarbeit;-)

Du machst ganz schön viel parallel. Da kann einem ja schwindelig werden.

Das sagen alle. Und fragen sich, wie so etwas geht. Aber tatsächlich ist das eine Sache der Organisation und natürlich auch der Leidenschaft fürs Tanzen. Was wirklich gut ist, ist, dass ich von keinem meiner Berufe allein abhängig bin. Weder vom Tanzen noch von der Juristerei. Wenn das eine nicht klappt, kann ich in das andere Genre wechseln. Und umgekehrt. Das nimmt ganz schön viel Druck raus.

Als Ballerina zeichnet man sich durch perfekte Körperbeherrschung aus. Um soweit zu kommen, ist hartes Training und ständige Übung ein Muss. Foto: Anna Evgen

Du gibst zudem auch Unterricht im Bereich Tanz?

Ja, ich habe mich als Tänzerin selbstständig gemacht. Ich trete auf, gebe aber auch Unterricht. Mein Herzblut hängt tatsächlich mittlerweile am Unterrichten. Ich habe erst an der Uni Bielefeld Studenten unterrichtet, da die dringend Tanzlehrer suchten. Parallel habe ich mich weitergebildet in den Bereichen Jazz- und Modern Dance.

Das hat mir aber nicht gereicht und so habe ich neben Jura auch noch begonnen Tanzpädagogik zu studieren.

Neben Jura??

Jaaa, neben Jura. Ich bin tatsächlich jetzt fertig ausgebildete Tanzpädagogin. Das reicht mir aber immer noch nicht. Deshalb habe ich jetzt noch einen Studiengang an der Palucca-Hochschule in Dresden begonnen. Diese Schule bietet seit dem letztem Jahr einen Bachalor of Arts im Bereich Tanz an. Das sind nur acht Wochen im Jahr, die man vor Ort sein muss. Das ist zu schaffen. Bei dieser Tanzlehrerin zu studieren war immer ein großer Traum von mir. Sie ist leider 1992 schon gestorben, aber die Schule wird in ihrem Sinne weitergeführt.

Nicht jeder wird dort genommen. Von 17 Leuten in meinem Semester sind nur drei Deutsche dabei. Tänzer aus der ganzen Welt bewerben sich dort. Die Aufnahmeprüfung ist sehr anspruchsvoll. Aber als Tänzer muss man eben auch immer dranbleiben und sich weiterentwickeln. Von daher ist so eine renommierte Schule eine große Chance. (für Interessierte: http://www.palucca.eu/)

Tänzer müssen nicht nur tanzen können, sondern auch gute Schauspieler sein und ihre Rollen in die Herzen des Publikums transformieren. Bei soviel Talent ist das zumindest für Jenny kein Problem. Foto: Anna Evgen

Aber das war auch noch nicht alles? 

Nee, das war noch nicht alles. Ich hab im Laufe meiner eigenen Tanzpädagogikausbildung einfach gemerkt, dass mir da ein paar Dinge gefehlt haben. Ich habe dann das Gespräch gesucht mit Manuela Klüttermann und Justo Moret, die beide im Vorstand vom Deutschen Berufsverband für Tanzpädagogik sind. Und habe ihnen ein eigenes Konzept vorgelegt. Sie haben mich echt gut beraten. Daraus ist dann ein Konzept entstanden, das ich bei der Bezirksregierung in Detmold eingereicht habe.

Ziel war eine staatliche Anerkennung als Tanzpädagogin. Das Konzept ist für gut befunden worden und so durchgegangen. Jetzt bin ich staatlich anerkannte Tanzpädagogin. Mit meiner einjährigen Tanzpädagogikausbildung bin ich die einzige in ganz Deutschland, die das staatlich anerkannt anbieten kann.

Ok …?!

Eine einjährige Ausbildung kann natürlich keine dreijährige Vollzeitausbildung ersetzen. Jemand, der eine Ballettschule eröffnen will, in der er alle Altersklassen unterrichtet, der sollte auf jeden Fall eine Vollzeitausbildung machen.

Du hattest aber schon zusätzlich Deine anderen Prüfungen abgelegt.

Ja, das kam bei mir hinzu. Und natürlich jetzt noch das Studium an der Hochschule in Dresden. Leider ist der Begriff “Tanzpädagoge” nicht geschützt. Das Resultat ist, dass es auch viele nicht so gute Lehrer in Deutschland gibt. Was gerade bei Tänzern dazu führen kann, dass man sich den Körper wirklich kaputt macht. Deshalb habe ich für mich entschieden, Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – keine Vollzeitausbildung machen können, kompetenten Unterricht anzubieten. Ich hoffe, dass sie nach dem Jahr bei mir den Ansporn haben, sich dann auch noch weiter ausbilden zu lassen. Das ist mir sehr wichtig!

Ensemble und Schüler sind ihr sehr wichtig. Sie hat immer wieder neue Ideen für neue Tänze. Auch mal im Leopardenkostüm. Ihr Hund ist immer dabei. Foto: Anna Evgen

D.h. Du hast jetzt eine eigene Tanzschule?

Das, was ich jetzt habe, nennt sich Tanzzentrum NRW. Wir stehen da quasi auf drei Säulen: Ganz normaler Ballettunterricht in fortlaufenden Kursen, Workshops und die Ausbildung zum Tanzpädagogen.

Diese Ausbildung ist perfekt für Tänzer, die erst einmal schauen wollen, ob das überhaupt etwas für sie ist. Und auch z.B. für Schüler in der Oberstufe. Die Ausbildung findet einmal im Monat an einem Wochenende statt, also ein wirklich überschaubarer Zeitrahmen. Aber, man hat mit dem Abitur dann gleichzeitig einen staatlich anerkannten Berufsabschluss als Tanzpädagoge. Und da bin ich eben die einzige, die diesen Abschluss anbieten darf.

D.h., wenn jemand nach dem Abitur sagt, ja, die Ausbildung bei Jenny war toll, aber ich möchte jetzt lieber etwas anderes studieren, dann hat er trotzdem einen Berufsabschluss und das Abitur und kann an der jeweiligen Uni Kurse anbieten und dort im Bereich Tanz als Dozent arbeiten. Da besteht ein großer Bedarf in den Sportbereichen der Universitäten. Mit so einem Berufsabschluss verdient man dann natürlich mehr.

Du bietest aber auch noch Workshops direkt in Lüdenscheid an

Ja, gemeinsam mit der Ballettschule Klüttermann. Ich fühle mich nach wie vor sehr verbunden mit der Schule, aber eben auch mit der Stadt.

So stellt sich wohl jeder eine echte Tänzerin vor. Foto: Anna Evgen

Und tanzt auch vor Publikum und hast noch andere Projekte.

Wir haben jetzt gerade mit einem Künstler zusammengearbeitet, der seine Bilder ausstellte und uns für seine Vernissage quasi als Performancekünstler dazugeholt hat. Das war ein außergewöhnliches Erlebnis. Wirklich unglaublich. So etwas müsste man viel öfter machen, dass man die Bildende Kunst mit Tänzern zusammenbringt. Ein Erlebnis wie ein Feuerwerk, nicht nur für das Publikum, sondern auch für uns Tänzer und den Künstler selbst.

Ich arbeite aber auch mit Björn Bergs regelmäßig zusammen. Sehr erfolgreich. Ich mochte meinen Schwager immer schon, aber jetzt haben wir durch die Kunst noch einmal eine ganz besondere Verbindung. Wenn ich eine Aufführung meines Ensembles plane, dann flechte ich immer Tänze ein, zu denen er live singt. Einmal im Jahr treten wir so z.B. in Bad Oeynhausen bei den Parklichtern auf. Ein sehr schönes Ambiente, eine tolle Atmosphäre. Björn singt, wir tanzen und das ganze in diesem illuminierten Park zwischen den Säulen historischer Gebäude. Wunderschön.

Jenny und ihr Hund. Ein gutes Team. Foto: Anna Evgen

Nach dem, was Du uns hier erzählt hast, kann man sich kaum vorstellen, dass es noch Zeit in Deinem Leben gibt, für das, was man “Privatleben” nennt?

Tanzen ist mein Leben. Ich liebe, was ich tue und von daher durchdringt es auch mein gesamtes Leben. Ich kann das gar nicht so trennen. Ich bin einfach Künstlerin mit Leib und Seele. Das, was ich tue, tue ich gerne. Im übrigen auch die Juristerei. Jura war etwas, das mich schon während meiner Schulzeit angesprochen hat. Als Selbstständige ist es gut, wenn man auch Ahnung hat von seinen Rechten und Pflichten. Und sollte es mit dem Tanzzentrum – warum auch immer – einmal nicht weitergehen, dann kann ich ebensogut als Jurist arbeiten. Mir gefällt diese Kombination aus Kunst und Bodenständigkeit, die mein Leben ausmacht.

Was mich zudem sehr glücklich macht ist meine Familie und mein Freund, der das alles mitträgt und mich immer auch wieder neu motiviert. Und unser neues Familienmitglied, mein Hund. Ich habe ihn aus einer Auffangstation und das war wirklich Liebe auf den ersten Blick. Ihn würde ich nie wieder abgeben, er ist mir in den Monaten, die ich ihn jetzt habe, sehr ans Herz gewachsen. Und er ist überall dabei.

Träumen erlaubt. Foto: Anna Evgen

Was wünschst Du Dir?

Natürlich Erfolg zu haben mit dem Tanzzentrum. Tänzer zu wirklich guten Pädagogen auszubilden, die wiederum gerade junge Menschen das Tanzen engagiert und kompetent lehren. Junge Tänzer zu fördern, sie auszubilden und ihnen eine Zukunft zu bieten.

Aber natürlich wünsche ich mir auch noch mehr Anerkennung für die Tänzer selbst, Respekt vor ihrer Leistung. Die Arbeit ist oft schlecht bezahlt und verlangt den Tänzern alles ab. Hier noch eine Alternative anzubieten, nämlich als Dozent oder Lehrer zu arbeiten, das ist mir wichtig.

Jenny ist immer auf dem Sprung und neugierig auf Neues. Foto: Anna Evgen

Und natürlich wünsche ich mir Kreativität, immer wieder neue Ideen und die Kraft, sie umzusetzen. Tanzen macht mir einfach großen Spaß und ich möchte immer wieder etwas dazu lernen, Projekte mit anderen Tänzern und Künstlern realisieren und schauen, wohin das alles führt.

Ich liebe mein Team und freue mich auf neue Herausforderungen, die wir dann gemeinsam bewältigen. Ich bin ein sehr positiver Mensch und davon überzeugt, dass immer wieder neue Türen aufgehen, sich die richtigen Menschen treffen, man immer neues lernen kann und es ganz sicher niemals langweilig wird.

Jenny Bergs real zu erleben ist inspirierend und aufrüttelnd zugleich. Sie reißt mit und strahlt eine Lebendigkeit aus, die man so nicht bei vielen Menschen erleben darf. Ihre Augen leuchten, wenn sie von ihrem Leben erzählt, ihren Plänen, ihrer Familie und natürlich von ihrem Hund. Sie ist glücklich und weiß dieses Glück an andere weiterzugeben. Sie berührt das Leben ihres Gegenübers nachhaltig. Man fühlt sich verändert, motiviert und irgendwie mutiger nach der Begegnung mit diesem schönen Menschen. Da ist eine Kraft in ihr, eine Power, die noch vieles bewegen wird. Sie ist Lüdenscheiderin von ganzem Herzen. Und wieder ein begabter Künstler, der aus dieser eher kleinen Stadt in die Welt hinauszieht, um diese vielleicht etwas besser zu machen. Das Zeug dazu hat sie ganz sicher.

Wer nach diesem Interview Jenny und ihr Team persönlich kennenlernen will, vielleicht eine Ausbildung bei ihr machen möchte oder einfach einmal an einem Workshop mit einem richtig guten Tänzer teilnehmen möchte, der findet sie über ihre Webseite: www.tanzzentrum-nrw.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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