Martin Walter (links) und sein Nachfolger Christopher Rehnert bei der symbolischen Schlüsselübergabe. Foto: Jan Dämmer.

Lüdenscheid. (PSL) Ausschlafen, mit der Frau gemütlich einen Kaffee trinken und vielleicht ein bisschen im Garten arbeiten – so oder so ähnlich stellt sich Martin Walter seinen ersten Tag im Ruhestand vor. Insgesamt 43 Jahre war Walter bei der Lüdenscheider Feuerwehr tätig, seit 2007 als Leiter. In dieser Zeit hat er die Entwicklung der Feuerwehr in Lüdenscheid geprägt, Menschenleben gerettet, aber auch schwierige Situationen erlebt, die bis heute in seiner Erinnerung haften geblieben sind. Für den 60-Jährigen geht ein ereignisreiches Kapitel zu Ende. Der 31. März ist der letzte Arbeitstag des Mannes, der eigentlich nie Chef hatte werden wollen.

Stressige Phasen mit “Dauerpower”

Der Job habe ihn in zeitlicher Hinsicht, aber auch mental und emotional sehr gefordert, erklärt Martin Walter. Es habe viele stressige Phasen gegeben, in denen er auf „Dauerpower“ geschaltet und viele Überstunden gemacht habe. Und natürlich sei auch das Familienleben manchmal zu kurz gekommen. Kein Wunder, war er doch als Chef Ansprechpartner für alles und jeden.



Und es gab Erlebnisse, die dem Familienvater noch lange nachhingen. Die er bis heute nicht vergessen hat. Der Orkan Kyrill ist ihm besonders in Erinnerung geblieben. Bei einem Einsatz der Lüdenscheider Feuerwehr waren plötzlich mehrere Bäume auf einen Löschzug eingebrochen. Einer von Walters Kameraden verstarb später an den Folgen seiner schweren Verletzungen.

Belastende Erlebnisse

Trotz solch belastender Erlebnisse, nimmt Walter aber auch viele positive Erinnerungen mit: „Ich weiß noch genau, wie wir mal eine alte Dame mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gefahren haben. Als wir bei ihr ankamen, war sie völlig aufgelöst. Unterwegs konnten wir sie aber so aufmuntern, dass sie in Hellersen mit einem Lächeln auf dem Gesicht ausgestiegen ist.“ An solche Einsätze erinnert sich Walter immer wieder gerne zurück.

„Es gibt kein schöneres Gefühl, als anderen Menschen zu helfen“, weiß Walter. Aus dieser Überzeugung heraus ist er der Feuerwehr stets treu geblieben ist. 1984 habe er mal mit sich gehadert. Damals bekam der gelernte Werkzeugmacher ein Jobangebot aus der Industrie, aber letztendlich entschied er sich für die Feuerwehr. „Im Nachhinein kann ich sagen, ich habe alles richtig gemacht“, so Walter.

Feuerwehr-Leiter ab 2007

Sein erfolgreicher Karriereweg bestätigt das: Im Jahr 2007 wurde er Leiter der Lüdenscheider Feuerwehr. Geplant gewesen sei das allerdings nicht – im Gegenteil: „Chef werden wollte ich eigentlich nie“, erklärt Walter. Das sei einfach so passiert. Der Vorschlag sei von seinen Kollegen gekommen, weil er sich stets dafür eingesetzt habe, die Arbeitsbedingungen, aber auch die Arbeitsweise zu verbessern. Also musste er gewissermaßen auch die Rolle des Feuerwehr-Leiters übernehmen, denn: „Manche Dinge haben mir einfach so nicht genügt, waren nicht gut genug.“

Die ersten Frauen in Dienst gebracht

An die erste bedeutende Veränderung, die er als Chef vornahm, kann er sich noch gut erinnern: Die Einsatzfahrzeuge für die Notärzte wurden mit Allradantrieb ausgestattet. „Ich habe als Chef aber nicht nur das erste Allrad-Fahrzeug angeschafft, sondern auch die ersten Frauen in den Dienst gebracht.“ Während seiner Zeit bei der Feuerwehr hat sich einiges verändert: Walter erinnert sich auch noch an Einsätze, bei denen die Feuerwehrleute mit „Hemd und Krawatte“ in ein brennendes Haus gegangen sind. Schutzkleidung gab es erst später.

Von diesen Zeiten hat der erst 37-jährige Christopher Rehnert nichts mitbekommen. Trotzdem habe Walter seinem Nachfolger kaum etwas beibringen müssen. „Der kam schon mit allen Kompetenzen bei uns an“, zeigt sich Walter vom neuen Feuerwehrchef begeistert. Einen Tipp habe er aber doch für seinen jüngeren Nachfolger gehabt: sich Zeit für die Familie nehmen. „Früher war sowas wie Elternzeit für Männer ja völlig unüblich, das wurde nur belächelt“, erklärt Walter, dessen eigene Kinder inzwischen erwachsen sind.

Entspannt in den Ruhestand

Seinem Ruhestand sieht er auch deshalb so entspannt entgegen, weil er sicher ist, mit Christopher Rehnert einen kompetenten Nachfolger gefunden zu haben. „Ich war immer gut darin, schnell pragmatische Lösungen zu finden. Und das kann Christopher Rehnert genauso. Außerdem ist er sehr feinfühlig, was den Umgang mit Menschen angeht.“

Der alte und der neue Feuerwehrchef teilen noch eine Gemeinsamkeit: Beide legen großen Wert auf die Stärkung der freiwilligen Feuerwehr sowie der Kinder- und Jugendfeuerwehr. Die hat sich als wichtiger Nachwuchs-Pool fürs Ehrenamt herausgestellt.

Arbeitgeber haben verstanden

„Mittlerweise haben auch viele Arbeitgeber verstanden, dass ein Mitarbeiter bei der freiwilligen Feuerwehr einen Mehrwert für den Betrieb darstellt“, so Walter. „Die Ehrenamtlichen bringen nicht nur Teamfähigkeit mit, sondern können auch als Ausbilder für Erste Hilfe in den Betrieben fungieren.“ Leider gebe es aber immer noch Arbeitgeber, die nicht wollten, dass ihre Mitarbeiter während der Arbeitszeit zu einem Einsatz gerufen werden könnten.

Verständnisvolles Umfeld

Ein Notfall, das weiß der langjährige Feuerwehrchef aus eigener Erfahrung, lässt sich nun einmal nicht planen. Da brauche es ein verständnisvolles Umfeld – im beruflichen, aber auch im privaten Bereich. „Ich bin meiner Frau sehr dankbar dafür, dass sie mir all die Jahre den Rücken freigehalten hat“, so Walter. Außerdem gilt sein Dank unter anderem dem Löschzug Oberrahmede, der zurzeit die größte Anzahl an Ehrenamtlichen stellt, und allen, von denen er über die Jahre lernen durfte – auch was den Umgang mit schwierigen Erlebnissen angeht.

“Der druck ist raus”

Verabschieden kann er sich von seinen Kameraden aufgrund der Corona-Pandemie nun nicht so, wie er es sich gewünscht hätte. „Vielleicht lässt sich eine Abschiedsfeier ja nachholen. Mal sehen, was möglich ist.“ Walter, der sich selbst als realistischen Pragmatiker beschreibt, nimmt es gelassen.

Und genauso geht er auch – nach all den Jahren im Powermodus – die große Umstellung an, die die Pensionierung mit sich bringt. Walter lässt die neue Lebensphase einfach auf sich zukommen. Er freut sich darauf, das Diensthandy abzugeben und nachts wieder entspannt durchschlafen zu können. „Der Druck ist raus“, sagt der Pragmatiker und lächelt dabei.

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