Gibt es eigentlich einen zuverlässigen Indikator, um die Ausbreitung der Corona-Pandemie richtig zu messen?

TK: Um die Ausbreitung der Corona-Pandemie zu messen, wählen wir meist die Inzidenz als Parameter. Die Zahl zeigt an, wie viele Menschen je 100.000 Einwohner sich während der vergangenen sieben Tage nachweislich in einer Region mit dem Virus infiziert haben. Das ist ein guter Messwert, um sich ein Bild vom Infektionsgeschehen zu machen. Aber der Parameter hat Schwächen:

Zum einen fließen in seine Berechnung nur festgestellte Infektionen ein. Damit der Parameter zuverlässig richtige Ergebnisse anzeigt setzt das voraus, dass wir regelmäßig eine zufällig ausgewählte, statistisch repräsentative Stichprobe zur Messung heranziehen. Das tun wir aber nicht. Wir messen eher zufällig. So kommt es, dass an Wochenenden oder Feiertagen die Zahl der Neuinfektionen häufig niedriger liegt als an Wochentagen, weil einfach weniger gemessen wird. Das Virus breitet sich selbstverständlich auch an Wochenenden weiter aus, aber diese Ausbreitung wird einfach nicht festgestellt. Und Menschen, die zwar infiziert, aber weitgehend symptomfrei sind, lassen sich vermutlich gar nicht testen. Die Dunkelziffer bei den Infektionen wird auf den Faktor vier bis fünf geschätzt.

Zum anderen werden die Daten nicht immer in einem gleichmäßigen Fluss an das zuständige Robert Koch-Institut übermittelt, weil zum Beispiel an Wochenenden die Gesundheitsämter keine oder weniger Zahlen weiterleiten. Ferner können in der Übermittlung ganz schlicht technische Fehler auftreten. Wenn wegen einer Datenpanne neue Zahlen fehlen, sinkt die amtlich ausgewiesene Inzidenz. Wenn dann aber der Fehler korrigiert ist, oder wenn die Fälle vom Wochenende im Laufe der Woche nachgemeldet werden, kann die Fallzahl an einem Wochentag plötzlich weit nach oben schnellen.

Untrüglich harte Hinweisgeber auf die Schwere der Pandemie sind hingegen Fakten wie die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit Covid, sowie die der mit Covid-Patienten belegten Klinik- und Intensivbetten. Der Tod an und mit Covid sowie die Klinikeinweisung wegen Covid lassen sich mit großer Zuverlässigkeit flächendeckend feststellen und messen.

Nach einem Jahr mit dem Virus wissen wir: Etwa zwei Wochen nach einer Infektion kommen die schwer erkrankten Patienten ins Krankenhaus, nach wiederum zwei weiteren Wochen erkranken einige von ihnen so schwer, dass sie auf der Intensivstation auf High-Care-Plätze verlegt und häufig invasiv beatmet werden müssen. Nach weiteren zwei Wochen ist – bisher – etwa die Hälfte der invasiv-beatmeten Patienten gestorben. Das sind harte Fakten, an denen wir tatsächlich die Auswirkungen des Infektionsverlaufs ohne jede Deutung und ermessensfrei abschätzen können. Das Krankenhaus ist gleichsam das Fieberthermometer in der Pandemie.

Wenn die Krankenhäuser schon das Fieberthermometer zur Messung der Pandemiefolgen sind: Was zeigt es denn an? Wie stark sind die Kliniken belegt?

TK: Nach Angaben der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin e.V. (DIVI) waren am 22. April 5.049 Menschen in Deutschland wegen Covid-19 in intensivmedizinischer Behandlung. Mehr als die Hälfte von ihnen, 2.840 wurde invasiv beatmet. 1.129 intensivmedizinische Plätze, die für Covid-Patienten geeignet sind, waren noch frei. Wer jetzt im Krankenhaus behandelt wird, hat sich vor vier bis zwei Wochen infiziert. Vor vier Wochen haben wir etwa 15.000 Neuinfektionen am Tag festgestellt, heute sind es etwa 29.000. Die Zahl der Menschen, die wegen Covid im Krankenhaus und sogar intensivmedizinisch behandelt werden müssen, wird in den kommenden Wochen also weiterhin steigen. Die DIVI erwartet bis zu knapp 8.000 Patienten, die Anfang Mai intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Weil wir nun schon ein Jahr Erfahrung mit Covid-19 haben wissen wir, was passieren wird. Wegen der Impfung der alten Menschen ist die Zahl der Todesfälle zwar stark gesunken, aber die Belastung der Intensivstationen steigt, weil die Menschen, die heute schwer erkranken, jünger sind und mehr Widerstandskraft haben, sich über längere Zeit gegen die Infektion und ihre Folgen zu wehren.

Das hat Folgen für die gesamte Gesundheitsversorgung in Deutschland. Nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft stellen heute schon 90 Prozent aller Krankenhäuser 10 Prozent aller Eingriffe zurück, um Personal und Technik für Corona-Patienten einsetzen zu können. Je höher die Versorgungsstufe des Krankenhauses, desto mehr stellt es sich auf Covid-Patienten um und ein. Aus dem Universitätsklinikum Frankfurt heißt es zum Beispiel: Um eine weitere Intensivstation mit zehn bis zwölf Betten für Covid-Patienten aufbauen zu können, müssten im Gegenzug acht Operationssäle und sechs bis sieben Normalstationen geschlossen werden. Ein Covid-19-Patient benötigt – gegenüber einem Nicht-Covid-Patienten – zur Behandlung die fünffache Zahl an hoch qualifizierten Pflegekräften sowie Ärzten. Diese Zahlen machen deutlich, wie viel Spitzen-Personal und Spitzen-Technik die Pandemie in der Versorgungsspitze bindet. Das Personal und die Technik stehen dann für andere Patienten nicht bereit.

Die Messung der Inzidenz ist richtig, aber sie ist ein Hilfsparameter. Die harten Fakten, welche uns die wahre Dimension der Pandemie anzeigen, messen wir in den Krankenhäusern Tag für Tag. Darum appellieren wir auch immer wieder so eindringlich, durch die Vermeidung von Kontakten die Infektionsgefahr zu senken.

Von wem geht denn eine größere Infektionsgefahr aus: Von einem Menschen nach einem negativen Schnelltest oder von einem Menschen nach einer Impfung?

TK: Die Frage, wer ansteckender ist, ein Mensch, der negativ getestet ist, oder ein Mensch, der geimpft ist, kann man nicht pauschal beantworten. Zunächst einmal sind testen und impfen zwei verschiedene Dinge.

Eine Impfung bietet Schutz. Alle bisherigen Erkenntnisse weisen darauf hin, dass Menschen, die geimpft sind, mit hoher Wahrscheinlichkeit vor einer Erkrankung durch die hier vorherrschenden Virusvarianten geschützt sind, und dass im Falle einer Begegnung mit dem Erreger ihre Viruslast gering ist und bleibt. Von Menschen, die geimpft sind, geht also selbst nach einem Kontakt mit dem Virus eine geringe Gefahr für andere Menschen aus, infiziert zu werden.

Ein Test hingegen schützt weder den Getesteten noch seine Kontaktpersonen vor einer Infektion. Ein Test ist eine Momentaufnahme vom Infektionsstatus eines Menschen, und diese Aufnahme ist von unterschiedlicher Qualität.

Am treffsichersten sind PCR-Tests (die Abkürzung steht für Polymerase-Kettenreaktion). Sie werden von geschultem Personal ausgeführt und liefern häufig erst nach einigen Tagen Auswertung im Labor einen relativ zuverlässigen Hinweis auf eine Infektion. Aber bis das Ergebnis vorliegt, kann sich die Person infiziert haben.

Die heute sehr verbreiteten Schnelltests liefern kein annähernd so zuverlässiges Resultat wie ein PCR-Test. Diese Tests basieren (ebenfalls) auf einem Abstrich im Rachenraum. Schon hier stellen sich zwei grundlegende Fragen: Hat die Person, die den Abstrich ausführt, dafür das nötige Wissen und die praktische Kompetenz? Und selbst wenn sie diese hat: Siedeln an der entsprechenden Stelle überhaupt Viren? Denn nach einer Infektion kann es bis zu zwei Wochen dauern, bis sich die Viren vermehren, und im Verlauf der Infektion verlagern sich die Viren im Körper von den oberen in die unteren Atemwege. Es gibt immer wieder falsch positive, aber eben auch falsch negative Ergebnisse. Vor wenigen Tagen hat eine Person mit dem offenkundig falsch-negativen Ergebnis eines Schnell-Tests das Sars-Cov-2-Virus in das Klinikum Dortmund eingetragen und dort mindestens 26 weitere Infektionen ausgelöst.

Ein Schnelltest liefert nur bedingt ein sicheres Ergebnis. Auch mit einem negativen Ergebnis müssen weiterhin alle Hygiene-Regeln eigehalten werden. Vor allem gilt es Abstand zu halten, eine Maske zu tragen und den Aufenthalt in Räumen zu vermeiden. Ein Schnelltest ist keinesfalls ein Freibrief. Wer ihn als solchen missversteht, handelt unverantwortlich. Nur die Impfung kann uns in ein Leben mit weniger Restriktionen zurückführen.

Über Dr. Thorsten Kehe:

Dr. Thorsten Kehe ist Vorsitzender der Geschäftsleitung der Märkischen Kliniken. Foto: Märkische Kliniken

Dr. Thorsten Kehe war viele Jahre als leitender Arzt und Medizinischer Direktor tätig, bevor er 2014 zum Medizinischen Geschäftsführer und dann zum Vorsitzenden der Geschäftsführung der Märkische Kliniken GmbH mit Sitz in Lüdenscheid berufen wurde. Seit 2017 ist er zudem noch Vorsitzender der Märkische Gesundheitsholding GmbH & Co. KG. Im Impf-Update berichtet er über seine Erfahrungen und Überlegungen aus dem Klinikalltag mit dem Coronavirus.

Zum kommunalen Krankenhausverbund Märkische Kliniken GmbH gehören das Klinikum Lüdenscheid und die Stadtklinik Werdohl. In der Kategorie "Gesundheit Aktuell" präsentieren die Märkischen Kliniken in Zusammenarbeit mit dem TACH! regelmäßig spannende Artikel rund um Gesundheitsthemen.

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