So wie es sich gehört: Herr Müller-Lüdenscheidt (Gerhard Winterhager) und Onkel Willi (Uwe Baumann) zerreißen sich das Maul über Lüdenscheid. Foto: Wolfgang Teipel

Lüdenscheid. Da staunt der unbefangene Beobachter: Eine Gruppe Männer marschiert in den Rosengarten ein. Sie singen die Marseillaise, vorweg ein Mann in Uniform, dazu ein Mönch in Ketten. Er muss die auf französisch vorgetragene Ansage übersetzen. So oder so ähnlich könnte ein Auftritt napoleonischer Truppen in Lüdenscheid gelaufen sein. Wenig später die Erlösung vom französischen Joch, es wird gefeiert.

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Dieser Auftritt im Rosengarten war Bestandteil der Stadtrauminszenierung zum Auftakt der Feiern zum 750. Stadtjubiläum. Kein Bombast mit Feuerwerk und großen Reden, sondern ein gelungener Trip durch die Lüdenscheider Historie – gekonnt dargeboten von Laien unter der Regie von Ingo Löwen (Junge Altstadtbühne) und Murat Isboga (Theater „Halber Apfel“).

19 Vorstellungen an drei Tagen

Die Laienschauspieler absolvierten mit 19 Vorstellungen an drei Tagen ein Mammutprogramm. Hut ab – das Publikum honorierte den Einsatz mit kräftigem Applaus und lernte bei der Tour durch die Oberstadt die Gassen der Bergstadt kennen.

Es sah Szenen aus der Lüdenscheider Stadtgeschichte – Episoden stellvertretend für sechs Epochen. Schauplatz eins war der Graf-Engelbert-Platz. Hier erlebte das Publikum die Stadtwerdung und konnte staunend beobachten, wie damals recht gesprochen wurde. An der Erlöserkirche ging es um den Stadtbrand, bei dem Lüdenscheid in Schutt und Asche versank, und die neue Bauordnung von 1723. Von da an waren strohgedeckte Dächer verboten.

Schluss mit strohgedeckten Häusern: Die neue Bauordnung soll verheerende Stadtbrände ein für alle Mal verhindern. Foto: Wolfgang Teipel

Pläne schmieden mit Graf Zeppelin

Auf die Szene im Rosengarten folgte der Sprung ins Industriezeitalter. An der Luisenstraße im Herzen der Altstadt schmiedeten der Lüdenscheider Industriepionier Carl Berg und Graf Zeppelin Pläne zum Bau von Luftschiffen, die später als Zeppeline in die Geschichte eingingen.

Sticheln, meckern, maulen

Bissig-witzig wurde es am Kulturhaus. Hier zerrissen sich Uwe Baumann als Onkel Willi und Gerhard Winterhager als Herr Müller-Lüdenscheidt das Maul über die Gegenwart. Sie kommentierten den geplanten Kiez an der Hochstraße und ließen weder „Onkel Willi & Söhne“, Visionäre und andere ungeschoren davonkommen. Schließlich glättete Oliver Fröhling in der Gestalt des verstorbenen ehemaligen Bürgermeisters Jürgen Dietrich die Wogen. Er rief dazu auf, sich selbst nicht immer so wichtig zu nehmen.

Lüdenscheid ist das, was wir daraus machen

Sprung in die Zukunft: Im Jahr 2068 entdecken junge Leute in der Phänomenta mit einer ehemaligen Gastarbeiterin, einem RWL-Fan aus besseren Zeiten und Bürgermeister Dieter Dzewas Menschen aus vergangenen Zeiten, die sie in die neuere Geschichte der Stadt einführen. Zum Schluss stoßen sie auf „Onkel Willi“ und seinen Hund Felix. Er lässt sie wissen, war er auf dem Sternplatz so alles hört. Sorgen, Ängste, Zweifel an der Zukunft . . .

Das alles schütteln die jungen Leute locker ab und rufen schließlich ins Publikum: „Lüdenscheid ist das, was wir daraus machen.“ Ein schöner Appell im 750. Jahr der Stadtgeschichte.

Mitwirkende: Ensemble Junge Altstadtbühne, Schüler der weiterführenden Schulen und der Männerchor Lüdenscheid

 

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