Als Zeichen des Protests und der Trauer ließen sich 22 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Mahnwache eine Haarsträhne abschneiden. Foto: Wolfgang Teipel

Lüdenscheid. In Iran gehen Menschen seit Wochen auf die Straße. Auslöser der Proteste war der Tod der 22-jährigen Mahsa Amini Mitte September. Die Sittenpolizei hatte sie wegen ihres angeblich »unislamischen Outfits« festgenommen. Was mit Amini danach geschah, ist unklar. Die Frau fiel ins Koma und starb am 16. September in einem Krankenhaus. Seit dem Tod der Frau demonstrieren landesweit Tausende gegen die Menschenrechtsverletzungen durch die Regierung sowie den Kopftuchzwang.

Sexuell missbraucht und erpresst

„Man kann es nicht verstehen, wenn man es nicht selbst erlebt hat“, zitierte bei einer Mahnwache am Samstag auf dem Rathausplatz Angelika Linnepe aus dem Bericht einer Iranerin, die anonym bleiben möchte. Die Frau war von ihrem Chef sexuell missbraucht und mit Fotos erpresst worden. Frauen sind im Iran vielfach wehrlos, ohne Rechte und offenbar auch ehrlos. Die Frau flüchtete schließlich in die Türkei und später nach Deutschland. „Ich habe zweimal bei null angefangen“, zitierte Angelika Linnepe die Frau.

Frauen sind rechtlos

Angelika Linnepe, die die Mahnwache zusammen mit Sandra Manß organisiert hatte, hatte zuvor die rechtliche Lage der Frauen Iran geschildert.

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Fakt ist: Aussagen von Frauen haben vor Gericht keinen Wert, oft werden sie gar nicht erst als Zeuginnen geladen; Frauen können zur Ehe auf Zeit verpflichtet werden; Männer können sich nach Belieben scheiden lassen, Frauen nicht.

Auch um die freie Meinungsäußerung ist es in Iran schlecht bestellt. In einem Ranking zur Pressefreiheit liegt Iran auf Platz 178 von 180 gelisteten Ländern.

„Bella Ciao“ inoffizielle Hymne der Bewegung

Das alles bringt die Menschen auf die Straßen in dem von religiösen Führern regierten Land. Mittlerweile auch in Lüdenscheid. Zwischen 120 und 150 Frauen und Männer, darunter auch Menschen aus dem Iran, sowie Vertreterinnen und Vertreter der Lüdenscheider Ratsfraktionen nahmen an der Mahnwache auf dem Rathausplatz teil. Sängerin Louisa Sellig trug „Bella Ciao“, ein Kampflied italienischer Frauen in der Widerstandsbewegung gegen die Faschisten, vor. In Iran gilt der Song inzwischen als die inoffizielle Hymne der Protestbewegung. Eine junge Iranerin schilderte die Unterdrückung der Frauen als „Machtspiel religiös-konservativer männlicher Dominanz“. Die Menschen in Iran wollten nichts anderes als ihre Grundrechte und „ein Leben ohne die islamische Republik“.

Dr. Gudrun Benkhofer sprach für die Lüdenscheider „Aktionsgruppe 8. März “. Sie kritisierte, dass sich die Bundesregierung nicht zum Femizid in Iran äußere und fragte: „Wo steht die deutsche Politik?“

T-Shirts und Plakate mit dem Foto von Mahsa Amini

Zahlreiche Teilnehmerinnen trugen T-Shirts und Plakate mit einem Foto von Mahsa Amini und der Aufschrift „Frauen – Leben – Freiheit“.

Insgesamt 22 Frauen und Männer ließen sich nach dem Vorbild iranischer Frauen auch eine Haarsträhne abschneiden. Die Haarbüschel werden einzeln in Kartons  zusammen mit einem Protestbrief an die iranische Botschaft in Deutschland geschickt. Einen vorbereiteten Brief mit einem Appell an Bundesaußenministerin Annalena Baerbock wollen rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach Berlin schicken.