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In Hochform: Stefan Danziger bei den Lüdenscheider Kleinkunsttagen. Foto: Wolfgang Teipel

Lüdenscheid. Schiebermütze, freche Schnauze – Stefan Danziger könnte glatt Zilles Berliner Milieu entsprungen sein. Um es gleich mal klarzustellen: „Der Berliner ist nicht tolerant. Es geht ihm am Arsch vorbei“, sagt Stefan Danziger. Er muss es wissen. Schließlich ist er tagsüber als Fremdenführer in seiner Stadt unterwegs. Geschichte und Geschichten – mit diesem Mix eroberte er am Donnerstag im Kulturhaus die Herzen des Publikums der Lüdenscheider Kleinkunsttage.

Erfrischend präsentierte er die Vorgeschichte des Mauerfalls, ausgelöst durch die Proteste in der Bevölkerung und vollendet durch die Schlüsselfigur Günter Schabowski, den Mann, der am 9. November 1989 offenbar völlig unvorbereitet in die entscheidende Pressekonferenz gegangen war. „Es war die zweite internationale Pressekonferenz der DDR und gleichzeitig die letzte“, kommentiert Stefan Danziger süffisant.

Witzige Sketche

„Was machen Sie eigentlich tagsüber“ heißt der Titel seines Programms, mit dem er sich um die Lüdenscheider Lüsterklemme bewarb. Naja, tagsüber führt er tatsächlich Gäste durch Berlin, nachts steht er als Comedian auf den Bühnen der Republik.



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Dabei studiert er seine Mitmenschen, seziert ihre Eigenarten und verarbeitet seine Erkenntnisse zu witzigen Sketchen.

Kulturelle Widersprüche

Geboren in der DDR, aufgewachsen in der Sowjetunion und dann wieder aus Russland in die damalige BRD zurückgekehrt, beleuchtet seine Comedy europäische Geschichte und viele Geschichten dahinter, behandelt kulturelle Widersprüche und erzählt von kuriosen Alltagserlebnissen.

So wird er als Tourguide öfter mal als „Herr Führer“ angesprochen. „Als ich den Bart abrasiert habe ,war Schluss damit.“ Er amüsiert sich über Amerikaner, die schon mal fragen, warum die Ossis damals nicht einfach um die Maier herumgelaufen seien oder er gibt Nachhilfe in Jiddisch und erklärt, warum es wie Hechtsuppe zieht.

Ein Herz für Looser

Und er hat ein Herz für Looser wie Harro Harring. Er hat den tragischen Helden der politischen Romantik und damals meistgesuchten Deutschen bei einem Besuch in Nordfriesland entdeckt und sein Herz an ihn verloren. Die Zugabe als Glanznummer: Danziger schildert das Leben des Mannes, der  wohl der meistverhaftete, meistverbotene, meistabgeschobene Schriftsteller des 19. Jahrhunderts.  Harring war Dichter, Maler, Schlachtenbummler der europäischen, ach was, der globalen Freiheitskämpfe des 19. Jahrhunderts, Don Quijote der Demokratie, fürstenabhängiger Fürstenschreck, Feminist, Sklavenbefreier, Gangsterrapper des Deutschen Bundes eine romantische Figur, wie sie romantischer nicht sein konnte und bei der einfach nichts klappte.

Danziger punktet beim Publikum

Das Publikum prustet, auch Danziger kann sich zwischendurch kaum halten. Auch das Ende des Mannes, der sich im Alter von 71 Jahren vereinsamt auf den Jersey Inseln das Leben nahm, wird zum Witz. „Wenigstens das hat geklappt“, stellt Danziger fest.

Der Mann aus Berlin punktete beim Publikum auch mit seiner akribischen Vorbereitung auf den Auftrittsort Lüdenscheid. Stadt des Lichts. Die Belgier, Aluminium und der Zeppelin: Danziger hatte sich schlau gemacht. „Ach ihr mit euren Spielzeugautos“, lästerte er und löste schließlich auch das Rätsel um die Potthucke. „Ihr esst hier Potthucke? Das klingt nach Kannibalen, weil das Fleisch noch im Pott hockt!“

 

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