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Minister Jens Spahn und CDU-Landratskandidat Marco Voge im Anmarsch. Foto: Wolfgang Teipel

Lüdenscheid. „Herr Spahn, als Pflegerin und Oma sage ich Ihnen: Sie laden Schuld auf sich.“ Den stillen, auf braunen Pappkarton gepinselten Protest, dürfte der Bundesgesundheitsminister nach seinem Auftritt im Biergarten auf der Hohe Steinert kaum wahrgenommen haben. Zu schnell verließ die Autokolonne mit dem Spitzenpolitiker an Bord das Gelände.

Der Kritik von Schaustellerpräsident Albert Ritter konnte Jens Spahn bei der Veranstaltung der Lüdenscheider CDU am Montag nicht ausweichen. „Unsere Branche liegt seit acht Monaten brach“, klagte Ritter. Er fordert Gleichbehandlung. Ein Kirmesplatz sei doch nicht anderes als eine Fußgängerzone oder eine Strandpromenade mit Einzelhandel links und rechts. Die Schausteller könnten Sicherheit garantieren und hätten gute Hygienekonzepte. „Wir wollen nicht in die soziale Hängematte. Wir wollen arbeiten oder wenigstens unbürokratische Hilfe“, fordert Ritter im gut besuchten Biergarten.

Auf der Bühne im Biergarten: CDU-Bürgermeisterkandidat Christoph Weiland, Gesundheitsminister Jens Spahn und CDU-Landtagskandidat Marco Voge. Foto: Wolfgang Teipel

Jens Spahn hört geduldig zu. Er kennt die Argumente des Schausteller-Präsidenten aus vielen Gesprächen und verspricht, auch dieses Thema mit nach Berlin zu nehmen.

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Balance zwischen Risiko und Sicherheit halten

Jens Spahn: Nicht ich bin der Spielverderber. Das Virus ist der Spielverderber.” Foto: Wolfgang Teipel

Zuvor hatte er aber klare Prioritäten gesetzt. Kitas, Schulen, Wirtschaft, der Handel und danach das öffentliche Leben – genau in dieser Reihenfolge sei jeden Tag die Balance zwischen Risiko und Sicherheit auszuhandeln. In diesem Zusammenhang kommt der Gesundheitsminister auch auf die wieder steigenden Fallzahlen zu sprechen und sagt: Ich feiere auch gern. Aber nicht ich bin der Spielverderber. Das Virus ist der Spielverderber.“ Er wolle keinesfalls eine Endzeitstimmung beschwören. „Aber es ist ständige Wachsamkeit geboten.“

Jens Spahn bescheinigt allen – von den Rettungskräften über das Pflegepersonal, Erzieherinnen und Erziehern, Lehrerinnen und Lehrern sowie Politik und Verwaltung vor Ort – gute Arbeit geleistet zu haben. Deutschland sei gut durch die Pandemie gekommen.

“Das Erreichte nicht verspielen”

„Jetzt dürfen wir das Erreichte nicht verspielen.“ Diese gute Arbeit sollten auch die Wähler am 13. September anerkennen und bei der Kommunalwahl in NRW ihre Stimmen abgeben. „Die Politiker vor Ort haben den schwersten Job. Sie müssen nämlich auch vertreten, was in Berlin beschlossen wird. Wir brauchen Leute in den Stadträten und Kreistagen, die anpacken können.“ Dass er in diesem Zusammenhang auf seine Parteifreunde Christoph Weiland (Bürgermeisterkandidat in Lüdenscheid) und Marco Voge (MK-Landratskandidat) verweist, muss nicht verwundern.

Schausteller-Präsident Albert Ritter: “Wir wollen nicht in die soziale Hängematte. Wir wollen arbeiten.” Foto: Wolfgang Teipel

Fragen im Vorfeld gesammelt

Christoph Weiland übernahm die Moderation der Fragestunde und leitete eine Vielzahl von Fragen, die im Vorfeld der Veranstaltung gesammelt worden waren, an den Gesundheitsminister weiter. Dabei ging es um einen möglichen zweiten Lockdown (Spahn: „Ich halte nichts davon mit solchen Begriffen zu arbeiten.“) über die Frage, wann ein Impfstoff verfügbar sei, den Sinn kostenloser Tests für Reiserückkehrer bis zu einer etwaigen Impfpflicht. Für Spahn ist klar: „Es wird keine Impfpflicht geben.“ Er rechne damit, dass sich mindestens 65 Prozent der Bevölkerung freiwillig impfen lassen. Das reiche aus, um das Virus in Schach zu halten.

Spahn: Sind gut auf den Herbst vorbereitet

Inzwischen sei auch ausreichend Schutzkleidung für medizinisches Personal und Pflegekräfte vorhanden, bei Desinfektionsmitten und Masken sehe es gut aus. Der Minister verspricht: „Wir sind gut für den Herbst vorbereitet.“ Außerdem: Der Impfstoff werde kommen. Und zwar so schnell wie noch nie in der Menschheitsgeschichte.

Spahn wirbt für die Maskenpflicht und die Corona-App. „Ich hoffe, Sie haben sie alle schon heruntergeladen.“ Was er einräumt: „Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas und zeigt uns, in welchen Bereichen wir noch großen Nachholbedarf haben.“ So habe das gesamte Gesundheitswesen, von den Apotheken über die Gesundheitsämter bis zu den Krankenhäusern in den vergangenen Jahr nicht so im Fokus der Politik gestanden. „Aber dafür machen wir ja den neuen Pakt für Gesundheit“, verspricht Jens Spahn.

An Selbstbewusstsein mangelt es dem 40-jährigen Politiker aus dem Münsterland nicht. Das vieles verbessert werden könne, räumt er immer wieder ein. Dass er Schuld auf sich lädt, wie die einsame Demonstrantin am Rand des Biergartens kritisiert, ist für Jens Spahn offenbar kein Thema.

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