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Heinz Lennhoff mit seinen Eltern um 1937
Heinz Lennhoff mit seinen Eltern um 1937 Foto: Stadtarchiv Plettenberg

Plettenberg. Am 9. November jähren sich die Novemberpogrome, bei denen im Jahr 1938 vom NS-Regime organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen gegen Juden in Deutschland und Österreich verübt wurden. Anlässlich des Jahrestages wirft Stadtarchivarin Martina Wittkopp-Beine den Blick zurück auf das Geschehen in Plettenberg und erinnert beispielhaft an das Schicksal der Familie Lennhoff.

„In der Nacht vom 9. zum 10. November des Jahres wurden die Fensterscheiben der jüdischen Geschäfte in Plettenberg und außerdem zum großen Teil auch die Wohnungseinrichtungen der hier wohnenden Juden zerstört. Aufgrund der gegebenen Anordnung wurden dann am frühen Morgen des 10. November die in der anliegenden Liste aufgeführten männlichen Juden festgenommen.“ Vermeintlich nüchterne Fakten über die radikale und grauenvolle Ausgrenzungspolitik und „Arisierungspolitik“ der Plettenberger Nazis, notiert vom damaligen Bürgermeister Heinrich Brüggemann zu den Ereignissen in der Pogromnacht 1938.

Festnahme und Deportation

Die festgenommenen Plettenberger Juden wurden zunächst in örtlichen Gefängnissen untergebracht, bevor sie von der Gestapo in die Steinwache in Dortmund eingeliefert und von dort in das in der Nähe von Berlin gelegene Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert wurden.

Julius Lennhoff, Metzger mit Fleischereiladen in der Steinbrinkstraße, und sein Sohn Heinz waren zwei dieser Männer. Julius Lennhoff kehrte nach mehrwöchiger Inhaftierung, physischer und psychischer Erniedrigung am 22.12.1938 aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen nach Plettenberg zurück. Sein 17-jähriger Sohn Heinz, ehemaliger Schüler des Gymnasiums, das er auf Druck der Nationalsozialisten verlassen musste, war schon Ende November aus der Haft entlassen worden.

Boykott des Geschäftes

Kaum in Plettenberg angekommen, musste sich Julius Lennhoff um die Auswanderung seiner Familie kümmern. Er verkaufte seine Metzgerei. Sie war zuvor auf Geheiß der Nazis boykottiert, die Kundschaft am Betreten gehindert worden. Zu allem Unglück wurde auch noch ein fremdes Ehepaar, die Eheleute Leo Hesse, in Lennhoffs Wohnung zwangsweise einquartiert. Das Leben auf beengtem Raum machte den Lennhoffs zu schaffen. Ein Jahr später zogen sie schließlich die Konsequenzen. Sie suchten Zuflucht in Netphen.

Dort lebte Klara Faber, Schwester von Julius Ehefrau Bertha, geb. Hony, mit ihrem Ehemann Gustav und Tochter Anita. Da diese jedoch mittlerweile in Köln lebte, konnte Lennhoffs Sohn Heinz auch mit im Hause, im Zimmer seiner Cousine wohnen. Julius Lennhoff und sein Schwager Gustav Faber verbanden viele Gemeinsamkeiten: im selben Jahr geboren, Metzger, verheiratet mit den Schwestern Hony aus Nethpen, Teilnehmer am Ersten Weltkrieg, beinamputiert, jeweils Vater eines Kindes, ohne Geschäft und Arbeit, ihr Vermögen gesperrt auf der Bank.

Liebe ohne Zukunftschance

Heinz Lennhoff lernte über seine Cousine Inge Frank aus Weidenau kennen und verliebte sich in sie. Er besuchte sie in jeder freien Minute. Einen Abend vor der Deportation verlobten sich die beiden noch. Heinz versuchte, weiterhin den Kontakt zu halten. Doch vergeblich. Ein letztes Lebenszeichen von Inge datiert vom Januar 1943.

Im Juli 1942 wurden auch Gustav, Klara und Anita Faber deportiert. Die Lennhoffs blieben allein in Netphen, ihnen blieb noch eine „Galgenfrist“. Heinz wurde augenscheinlich als tüchtiger Schweißer, er hatte eine Lehre in einem Siegener Unternehmen gemacht, gebraucht.

Im Februar 1943 wurde Heinz Lennhoff von der Polizei nach Dortmund verschleppt. Ein paar Tage später trafen dort auch seine Eltern ein und sahen ihren Sohn Heinz wieder. Man campierte im Tanzsaal eines Gasthofes.

Todesurteil

Dann begann die Deportation nach Auschwitz. An der Rampe von Birkenau begann dann die Selektion. Julius und Bertha Lennhoff waren für die Zwangsarbeit zu alt, galten als arbeitsunfähig. Das war ihr Todesurteil. Sie wurden ermordet.

Ihr Sohn Heinz hingegen galt als arbeitsfähig. Er wurde auf einen Lkw verladen und kam in ein Kohlebergwerk. Die Befreiung des Lagers Auschwitz im Januar 1945 scheint Heinz Lennhoff nicht mehr miterlebt zu haben. Vermutlich ist er im Dezember 1944 im Konzentrationslager Auschwitz verhungert.

Wir haben uns die bedrückende Geschichte von Julius, Bertha und Heinz Lennhoff vergegenwärtigt. Wir tun dies im Bewusstsein unserer Verantwortung vor der Geschichte, vor den Opfern des Holocaust. Wir tun dies aber auch deshalb, um in Zukunft vor jeglicher Form von Rassismus gewappnet zu sein.

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