Die Covid-19-Pandemie stellt unser Gesundheitssystem auch in diesem Winter erneut vor große Herausforderungen. Wie sieht es aktuell auf unserer Intensivstation aus? Dazu und zu weiteren wichtigen Themen rund um Corona haben wir mit Prof. Dr. Dr. Thomas Uhlig, Direktor der Klinik für Anästhesie an unserem Klinikum, gesprochen.

Wir hatten in den letzten Tagen, Wochen und Monaten durchschnittlich zwei, drei, vier Patienten, die an SARS-CoV-2 erkrankt waren und die wir versorgt haben. Das ist natürlich deutlich weniger als noch vor Jahresfrist. Aber: Es ist andererseits so, dass wir in diesem Jahr nicht nur Covid-Patienten behandeln, sondern auch Menschen mit anderen Krankheitsbildern. Das heißt: Unsere Intensivstation ist eigentlich jeden Tag komplett voll. Das bedeutet natürlich auch, dass die Menschen, die auf der Intensivstation arbeiten – also das Pflegepersonal und das ärztliche Personal – mindestens genauso viel zu tun haben wie im vergangenen Jahr.

Keine Pause zwischen Pandemiewellen und Regelbetrieb

Das ist besonders schlimm, weil wir zwischen den verschiedenen Wellen der Pandemie und dem sog. Regelbetrieb keine Pause hatten. Die Menschen, die momentan genauso wie im letzten Jahr bei uns auf der Intensivstation arbeiten, tun das – ich sag es einmal ein wenig flapsig – nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte, sondern mit eingeschränkten Ressourcen. Und es ist extrem schwer, es jeden Tag zu schaffen, dass wir genügend Menschenkraft finden, um die Patienten tatsächlich so zu versorgen wie es eigentlich nötig ist.

Erwarten Sie eine ähnlich dramatische Situation wie im vergangenen, ersten Corona-Winter?

Das Virus in 2021 macht exakt dasselbe wie das Virus in 2020. Wenn wir das alles einmal mathematisch aufbereiten, dann ist es so, dass gegenwärtig davon ausgegangen werden muss, dass von neuinfizierten Menschen ein knappes Prozent – etwa 0,8 % – einer intensivmedizinischen Behandlung bedürfen. Das sind bei etwa 250.000 Neuinfektionen in Deutschland, die wir aktuell haben, etwa 2000 Patienten pro Woche.

4000 Intensivbetten weniger als im vergangenen Jahr

Und das Ganze bei 4000 Intensivbetten, die in diesem Jahr weniger zur Verfügung stehen als noch im vergangenen Jahr. Ich kann den Aussagen des Robert-Koch-Instituts nur zustimmen: Die nächsten Wochen und Monate werden alles andere als erfreulich. Und es wird sicherlich wieder so sein, dass wir an unsere Grenzen stoßen werden.

Stichwort Boostern: Warum und für wen ist die Auffrischungsimpfung jetzt so wichtig?

Fakt ist: Weil wir ausreichend Impfstoff zur Verfügung haben, ist es empfehlenswert, dass die Menschen sich die Auffrisch-Impfung besorgen, sie macht in jedem Fall Sinn. Es ist aber nicht zwingend nötig, eine Auffrisch-Impfung zu bekommen, weil auch eine Zweifach-Impfung in der Regel ausreicht. Auch noch nach einem längeren Zeitraum von sechs Monaten. 

In diesem Kontext ist es wichtig einzuordnen, welche Bedeutung sogenannte Impfdurchbrüche haben. Da muss man unterscheiden, dass eine Besiedelung mit SARS-CoV-2, also die Tatsache, dass dieses Virus irgendwo im Rachen oder im Mund nachweisbar ist, noch längst nicht bedeutet, dass es auch zur Erkrankung kommt. Wenn wir – so wie jetzt – eine enorme Viruslast in ganz Deutschland haben, ist es nicht zu vermeiden, dass auch Menschen, die geimpft sind, dieses Virus in irgendwelchen Körperregionen haben. Die Panikmache, dass Menschen, die geimpft sind, SARS CoV-2 bekommen könnten, braucht immer den entscheidenden Nebensatz: Sie können es bekommen, werden aber in der Regel nicht krank. Das sehen wir auch an den aktuellen Statistiken:

Von zehn Patienten auf der Intensivstation sind neun nicht geimpft

Von zehn Patientinnen und Patienten, die auf der Intensivstation liegen, sind neun nicht geimpft. Und bei einem Patienten ist es dann eventuell so, dass ein intensivmedizinischer Aufenthalt nötig ist. Wir aber haben gesehen, dass dieser Intensiv-Aufenthalt nicht aufgrund von Symptomen entstanden ist, die etwas zu tun haben mit Covid 19, sondern sehr häufig dadurch zustande kommt, dass andere Erkrankungen die Intensiv-Therapie nötig machen.   

Die europäische Arzneimittelbehörde EMA hat den Weg frei gemacht für die Zulassung von neuen Medikamenten gegen Covid-19. Wann sind sie verfügbar? Und berechtigen sie zu großer Hoffnung?

Also zumindest das Medikament, welches über eine Infusion gegeben wird, ist bereits verfügbar. Das haben wir hier schon eingesetzt. Die Menschen, die dieses Medikament bekommen, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht so schwer erkranken, wie diejenigen, die dieses Medikament nicht bekommen. Es ist allerdings nach wie vor so, dass wir jede Patientin und jeden Patienten fragen müssen, ob sie oder er bereit ist, dieses Medikament zu bekommen.

Medikamente reduzieren Virusmenge – Schwere der Krankheit wird geringer

Es ist tatsächlich zwar zugelassen, aber es kann nicht einfach gegeben werden, sondern es braucht das Einverständnis der Patientinnen und Patienten. Ich würde aber schon vorsichtig optimistisch sein und sagen: Wenn wir uns trauen, dieses Medikament häufiger einzusetzen, dann könnte es uns gelingen – insbesondere in der Anfangsphase der Erkrankung – dass die Menge an Virus, die sich im Körper verbreitet, reduziert wird. Wenn dieses Medikament tatsächlich – und so scheint es ja zu sein – die Virusmenge reduziert, wird auch die Schwere der Krankheit geringer werden. Und damit auch Aufenthalte auf Intensivstationen.

Zum kommunalen Krankenhausverbund Märkische Kliniken GmbH gehören das Klinikum Lüdenscheid und die Stadtklinik Werdohl. In der Kategorie "Gesundheit Aktuell" präsentieren die Märkischen Kliniken in Zusammenarbeit mit dem TACH! regelmäßig spannende Artikel rund um Gesundheitsthemen.

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