Liste der Jüdinnen und Juden, die am 10. November 1941 nach Minsk deportiert werden sollten. Von offizieller Seite sprach man von „Evakuierung“. (Quelle: www.statistik-des-holocaust.de)

Plettenberg. An die Pogromnacht in Plettenberg vom 9. zum 10. November 1938 erinnert Stadtarchivarin Martina Wittkopp-Beine. In ihrem Text schildert sie das Schicksal des Ehepaars Leo und Rosa Hesse aus Plettenberg. Beide fanden im Getto in Minsk (Weißrussland) den Tod.

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In der Nacht vom 9. zum 10. November des Jahres wurden die Fensterscheiben der jüdischen Geschäfte in Plettenberg und außerdem zum großen Teil auch die Wohnungseinrichtungen der hier wohnenden Juden zerstört. Aufgrund der gegebenen Anordnung wurden dann am frühen Morgen des 10. November die in der anliegenden Liste aufgeführten männlichen Juden festgenommen. Vermeintlich nüchterne Fakten über die radikale und grauenvolle Ausgrenzungspolitik und „Arisierungspolitik“ der Plettenberger Nazis, notiert vom damaligen Bürgermeister Heinrich Brüggemann zu den Ereignissen in der Pogromnacht 1938.

Die festgenommenen Juden wurden zunächst in örtlichen Gefängnissen untergebracht, bevor sie am 11. November 1938 von den lokalen Polizeibehörden in die Steinwache in Dortmund eingeliefert und von dort in das in der Nähe von Berlin gelegene Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert wurden.

Einer der Männer, die festgenommen und deportiert wurden, war der Plettenberger Leo Hesse. Er, am 1.5.1887 in Werl geboren, war von Beruf Viehhändler. Am 30.7.1920 hatte er die Plettenberger Jüdin Rosa Hesse, geb. Lennhoff, geheiratet. Nach der Eheschließung zog er von Werl nach Plettenberg und wohnte fortan mit seiner Frau in der Graf-Dietrich-Straße 4.

Nach mehrwöchiger Inhaftierung, physischer und psychischer Erniedrigung wurde Leo Hesse am 22.12.1938 aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen entlassen und kehrte nach Plettenberg zurück. Kaum in Plettenberg angekommen, beantragte er im Januar 1939 einen Auswanderungsschein nach Frankreich, der ihm verweigert wurde. Dies bedeutete für ihn und seine Frau, zunächst weiter in Plettenberg zu leben bzw. leben zu müssen. An eine Tätigkeit in seinem Beruf war jedoch nicht mehr zu denken. Und ein Vermögen besaß das Ehepaar auch nicht. Um überhaupt über die Runden zu kommen, nahm Leo Hesse bei der Gelsenkirchener Baufirma August Jäger eine Stelle als Straßenarbeiter an. Er arbeitete auf Stundenlohnbasis, und zunächst scheint der monatliche Durchschnittsverdienst von 110 Mark noch ausgereicht zu haben. Doch mit Beginn der Winterzeit, der frühen Dunkelheit und dem Eintreten von schlechtem Wetter wurde das monatliche Einkommen immer geringer. Schließlich machten sich Hesses auf den Weg. Am 18.2.1941 verließen sie Plettenberg und zogen nach Wuppertal-Barmen in die Adolf-Hitler-Str. 283. In diesem Haus lebten gute, alte Freunde aus Plettenberg, Hugo und Johanna Neufeld, sie waren schon 1940 nach Barmen verzogen.

Reise in den Tod

Neun Monate blieben Hesses noch an ihrem neuen Wohnort. Dann jedoch, am 9. November 1941, vor genau 77 Jahren, begann ihre Reise in den Tod. Am 9.11.1941 wurden sie von Wuppertal nach Düsseldorf gebracht und von dort am 10.11.1941 nach Minsk in Weißrussland in das dortige Getto deportiert. Im selben Deportationszug fuhren auch ihre Freunde und Nachbarn, Hugo und Johanna Neufeld mit. Nach vier Tagen mit vielen Unterbrechungen erreichte der Zug den Bestimmungsort Minsk. Ein Schutzpolizist, der den Transport begleitete, berichtete: “Die Juden waren um diese Zeit ziemlich weich, da der Zug vielfach unbeheizt liegengeblieben war und vor allem seit Einfahrt ins russische Gebiet keine Möglichkeit mehr gegeben war, Wasser zu fassen…”. Von den Menschen, die am 10. November von Düsseldorf nach Minsk deportiert worden sind, haben nur vier überlebt. Leo und Rosa Hesse jedoch und auch Hugo und Johanna Neufeld gehörten zu den tausenden an Menschen, die das Getto nicht überlebten.

Wir haben uns nur ganz kurz die bedrückende Geschichte von Leo Hesse und seiner Frau Rosa vergegenwärtigt. Wir tun dies im Bewusstsein unserer Verantwortung vor der Geschichte, vor den Opfern des Holocaust. Wir tun dies aber auch deshalb, um jetzt und zukünftig vor jeglicher Form von Rassismus gewappnet zu sein.

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