Herr Dr. Kehe, die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten haben getagt. Bringen uns diese Beschlüsse dem Ziel näher, möglichst bald wieder frei von Covid 19 und Restriktionen zu leben?

Aus meiner Sicht nicht. Wir werden nicht in die Freiheit, sondern in einen Dschungel von Vorschriften entlassen. Schon jetzt ist der administrative Aufwand zur Umsetzung der Verordnungen zum Coronaschutz oder zu den Impfungen in den Verwaltungen enorm und lähmt eher den Fortschritt, als dass es vorangeht.

Wir blicken auf die Herausforderung aus der falschen Perspektive. Aus medizinischer Sicht betrachtet versuchen wir, Symptome zu lindern und nicht die Krankheit entschlossen zu bekämpfen. Unter dem starken Erwartungsdruck von Teilen der Bevölkerung, der Wirtschaft, der Interessenverbände und der Politik konzentrieren wir uns auf die Behandlung der Symptome der Erkrankung und wollen durch begrenzte Lockerungen nach komplexen Regeln die Folgen von Covid 19 für Gesellschaft und Wirtschaft abmildern. Aber genau dadurch zögern wir die erfolgreiche Therapie der Erkrankung hinaus. Wir sind in der dritten Welle. Jede Lockerung wird die Zahl der Infektionen, der Erkrankungen mit schweren Verläufen und der Todesfälle steigen lassen. Darauf werden wir nach dem Konzept mit neuen Restriktionen und womöglich mit einem harten Lockdown reagieren.

Was wäre denn die richtige Perspektive, die statt auf Linderung der Symptome auf die Therapie der Krankheit setzt?

Die Impfung. Diese Therapie erkennt auch die deutsche Politik an und ändert die Strategie, aber wir stellen die Therapie nicht ermutigend genug als Perspektive heraus. Wir akzeptieren die schleppende Versorgung mit Impfstoffen in meiner Wahrnehmung als alternativlos und investieren alle Kraft in kleinteilige, aufwendig umzusetzende Lockerungsregelungen.

Alle Erfahrung zeigt, dass die Impfung nicht nur für die meisten Menschen eine Erkrankung ausschließt, sondern auch die Wahrscheinlichkeit der Weitergabe des Virus mindert. Wir müssen immer wieder bereit sein, aus den noch jungen Erfahrungen mit der Impfung zu lernen und die Strategie zu verbessern. Es kommt darauf an, möglichst vielen Menschen mit allen zur Verfügung stehenden Impfstoffen eine erste Immunisierung zu geben. Wir sollten keine Impfdosen mehr für die zweite Impfung zurückstellen, sondern darauf vertrauen, dass Impfstoff nachkommen wird. Und auch die Regeln zur Impf-Priorisierung sollten immer wieder daraufhin überprüft und angepasst werden, wenn deren Restriktionen eine schnellere Impfung verhindern. Dann haben wir – nach gegenwärtigem Ermessen – die Chance, bis in den Herbst hinein eine hinreichende Immunität aufzubauen, die uns eine Rückkehr in ein Leben mit mehr Normalität und ohne ständige Furcht vor Lockdowns erlauben wird.

Was macht Sie so zuversichtlich, dass die Impfung so rasch mehr Freiheit und Normalität erlauben wird?

Der Erfolg der Impfung in unseren Märkischen Kliniken. Wir konnten in kurzer Zeit viele Mitarbeiter impfen und können nun mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass hier die Infektionshäufigkeit zurückgeht. Das gibt uns unmittelbar eine Perspektive und mehr Freiheitsgrade wieder mehr Patienten eine Behandlungsmöglichkeit anbieten zu können, weil weniger Mitarbeiter ausfallen werden. Wir sind aktuell schon dabei, unsere bisherigen Maßnahmen auf diese neue Entwicklung anzupassen.

Über Dr. Thorsten Kehe:

Dr. Thorsten Kehe ist Vorsitzender der Geschäftsleitung der Märkischen Kliniken. Foto: Märkische Kliniken

Dr. Thorsten Kehe war viele Jahre als leitender Arzt und Medizinischer Direktor tätig, bevor er 2014 zum Medizinischen Geschäftsführer und dann zum Vorsitzenden der Geschäftsführung der Märkische Kliniken GmbH berufen wurde. Seit 2017 ist er zudem noch Vorsitzender der Märkische Gesundheitsholding GmbH & Co. KG. Im Impf-Update berichtet er über seine Erfahrungen und Überlegungen aus dem Klinikalltag mit dem Coronavirus

 

 


Dieser Beitrag erscheint in Kooperation mit den Märkischen Kliniken und ist Teil der Serie “Gesundheit Aktuell”.

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