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Der Plettenberger Egon Heilbronn (rechts) wurde im Konzentrationslager ermordet. Foto: Stadtarchiv Plettenberg


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Plettenberg. Am 9. November 1938 wurden in Plettenberg jüdische Geschäfte zerstört. Jüdische Mitbürger wurden verhaftet. Dies geschah vor den Augen der Bevölkerung. Spätestens ab diesem Zeitpunkt, wenn nicht schon früher, konnte niemand mehr behaupten, er hätte von der menschenverachtenden Rassepolitik der Nationalsozialisten nichts gewusst.

Mitte November 1938 notierte Plettenbergs Bürgermeister Heinrich Brüggemann zu den Ereignissen in der Pogromnacht folgendes: „In der Nacht vom 9. zum 10. November des Jahres wurden die Fensterscheiben der jüdischen Geschäfte in Plettenberg und außerdem zum großen Teil auch die Wohnungseinrichtungen der hier wohnenden Juden zerstört. Aufgrund der gegebenen Anordnung wurden dann am frühen Morgen des 10. November die in der anliegenden Liste aufgeführten männlichen Juden festgenommen“. Recht nüchtern und emotionslos hielt der Bürgermeister Fakten über die radikale und grauenvolle Ausgrenzungspolitik und „Arisierungspolitik“ der Plettenberger Nazis fest.

Die festgenommenen Juden waren zunächst in örtlichen Gefängnissen untergebracht. Von dort wurden sie am 11. November 1938 von den lokalen Polizeibehörden in die Steinwache in Dortmund, eine der zur Zeit des NS-Regimes berüchtigtsten Folterstätten der Region, eingeliefert und schließlich weiter in das in der Nähe von Berlin gelegene Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert.



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Einer der festgenommenen und deportierten jüdischen Männer war der Plettenberger Egon Heilbronn. Er war in Plettenberg 1889 zur Welt gekommen. Am 31.5.1936 hatte er die aus Vreden stammende Jenni Heilbronn geb. Herz geheiratet. Im gleichen Jahr übernahm er den Metzgereibetrieb seines Vaters Alex Heilbronn, in dem er schon vorher als Teilhaber mitgearbeitet hatte. Schließlich wurde im Dezember 1937 seine Tochter Hannelore Helga geboren.

Nach mehrwöchiger Haft, physischer und psychischer Erniedrigung wurde Egon Heilbronn am 16.12.1938 aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen entlassen und kehrte nach Plettenberg zurück. Sollte durch die Verhaftung zusätzlich Druck ausgeübt werden, die jüdischen Menschen zur Auswanderung zu bewegen, so wurden ihre Gewerbebetriebe und Unternehmen ab Dezember 1938 zur „Zwangsarisierung“, das einer faktischen „Enteignung“ gleichkommt, freigegeben. Im Laufe des Jahres 1939 verkaufte Egons Vater, Alex Heilbronn, sein Haus. Er, seine Frau sowie sein Sohn, seine Schwiegertochter und die zweijährige Enkelin mussten seit dem Verlust ihrer Metzgerei und damit ihrer materiellen Existenzgrundlage nun von ihrem Ersparten bzw. dem Geld aus dem Hausverkauf leben. Egon steuerte noch etwas Geld, das er bei verschiedenen Arbeitsstellen verdiente, zum gemeinsamen Haushalt bei. Eine Auswanderung kam für Heilbronns augenscheinlich nicht in Frage und wäre aufgrund des Auswanderungsverbotes ab Oktober 1941 nicht mehr möglich gewesen.

Am 28.4.1942 notiert das Einwohnermeldeamt auf den Meldekarteikarten von Egon Heilbronn und seiner Frau Jenny „Unbekannt verzogen“. Nur zwei Tage später, am 30. April 1942, wurde er zusammen mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter Hannelore sowie 788 anderen jüdischen Männern, Frauen und Kindern von der Gestapo und der Schutzpolizei zum Südbahnhof in Dortmund gebracht. Von dort wurden sie nach Zamosc, einem reinen Vernichtungslager, deportiert. Egon Heilbronn war 43 Jahre alt, seine Frau Jenni 33 Jahre und Tochter Hannelore zählte gerade 5 Jahre als sie den Zug besteigen mussten, der sie und die anderen ohne Ausnahme dem Vernichtungsprozess der „Endlösung“ in Zamosc zuführte.

Egon Heilbronns Eltern, Alex und Helene Heilbronn, blieben zunächst noch in Plettenberg zurück, bis es schließlich am 29.7.1942 hieß „Unbekannt verzogen“. Am 30.7. mussten sie in Dortmund den Zug besteigen, der sie und weitere 966 Frauen und Männer nach Theresienstadt deportierte. Nur zwei Monate blieben sie dort. Am 23.9.1942 wurden sie mit 1985 anderen Personen mit dem Zug in das Vernichtungslager nach Treblinka deportiert.

Über Jahrzehnte lang hatten die Heilbronns in der Stadt Plettenberg gelebt. Sie gehörten einfach dazu. Die Vernichtungslager in Treblinka und Zamosc haben das Leben von Egon Heilbronn, seiner Frau und Tochter sowie das seiner Eltern ausgelöscht. Es war der pure Rassenwahn und die aberwitzige Vorstellung von einer jüdischen Weltverschwörung, die Familien wie die der Heilbronns auf das Schafott der Unmenschlichkeit brachte.

Ein Beitrag von Martina Wittkopp-Beine (Stadtarchiv Plettenberg)

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