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Die Ausstellung klingt versöhnlich aus. In einem Raum geht es recht skurill zu - Ursula Delhougne und Dr. Eckhard Trox vor einem Foto, auf dem ein UFO über dem Museum am Sauerfeld schwebt. Foto: Wolfgang Teipel

Lüdenscheid. „Friedliches Lüdenscheid?“ Nicht umsonst taucht im Titel der neuen Ausstellung in den Museen der Stadt Lüdenscheid ein Fragezeichen auf. War die Bergstadt tatsächlich nur beschaulicher Standort von Knopf- und Ordensfabrikation oder wurden hier Komponenten für Kriegswaffen produziert? „Mit der neuen Ausstellung machen wir einen großen Schritt in den geschichtlichen Raum und öffnen so ein Kapitel der Stadt- und Wirtschaftsgeschichte, das bisher eher kollektiv beschwiegen worden ist“, sagt Museumsleiter Dr. Eckhard Trox.

Komplett für die Rüstungswirtschaft eingespannt

Ab 24. November ist im großen Raum des Museums zu sehen, dass die Lüdenscheider Wirtschaft nahezu komplett für die Rüstungswirtschaft im Zweiten Weltkrieg eingespannt war. Sogar Teile für die sogenannte Vergeltungswaffe „V2“ wurden in der Bergstadt fabriziert.

Die Spitze der so genannten Vergeltungswaffe V2. Foto: Wolfgang Teipel

Das und mehr hat Ursula Delhougne, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums, bei ihren Vorbereitungen für die neue Ausstellung recherchiert. Weitreichende Aufschlüsse lieferte das „Kriegstagebuch des Rüstungskommandos Lüdenscheid“, das ihr das Militärarchiv in Freiburg zur Verfügung gestellt hat. Vom Klappspaten bis zur Patronenhülse, von Teilen für die riesigen Batterien, mit denen U-Boote angetrieben wurden, bis zur Verpackung von Artilleriegeschossen – auch die Lüdenscheider Wirtschaft war, so beschreibt es Dr. Eckhard Trox „zwischen 1943 und 1945 komplett verrüstet“.



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Erweitertes Bild der Stadtgeschichte

Auch das gehört zur regionalen Geschichte. Für den Museumsleiter ist das ein wichtiger Aspekt, der in der neuen Dauerausstellung berücksichtigt werden muss. „Das Bild der friedlichen Knopfstadt wie es die überalterte Dauerausstellung nahelegt, war vor 35 Jahren so“, erklärt er. „Mit der  neuen Dauerausstellung wollen wir diese überholte und einseitige Erzählung nicht weiterführen.“ Das erweiterte Bild der Stadt werde Teil der neuen Dauerausstellung. „Wenn auch etwas kleiner als die Ausstellung ‚Friedliches Lüdenscheid‘ zeigt.“

Wesentliche Zulieferkomponenten für den gesamten militärisch-industriellen Komplex wurden in regionalen Unternehmen entwickelt.

Schon Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten regionale Unternehmen bahnbrechende Aluminiumlegierungen und konstruktive Möglichkeiten für das Schwarz-Bergsche Luftschiff (1897) und auch für die ersten Zeppeline mit  militärischer Zweckbestimmung.

Interessante Objekte

Besucher können in Kopien des Kriegstagebuches des Rüstungskommandos Lüdenscheid stöbern. Es zählt zu den wichtigsten Quellen für die Ausstellung. Foto: Wolfgang Teipel

Was wird zu sehen sein? Die Beschaffung der Exponate sei schwierig gewesen. Rüstungsgut existiere nicht mehr, sei eingeschmolzen, versteckt oder vernichtet worden, berichtet Ursula Delhougne. Dennoch sei es gelungen, einige interessante Objekte aufzutreiben. Dazu kämen beeindruckende großformatige Fotos. Eine Installation zeigt die Namen von Firmen, die in die Rüstungsproduktion einbezogen wurden. Das seien aber bei weiten nicht alle. „So verschweigt das Kriegstagebuch des Rüstungskommandos Lüdenscheid aus Geheimhaltungsgründen und zum Schutz vor Spionage Namen von Unternehmen, die Teile für die so genannte Vergeltungswaffe V2 gefertigt haben.

. . . sind der Wahrheit verpflichtet

Die moralische Keule wollen die Kuratoren bei dieser Ausstellung zu Aspekten regionaler Industrie nicht schwingen.   „Wir wollen lediglich ein Geschichtsbild aufzeigen, das in die Erzählung dieser Stadt eingebaut werden muss“, erläutert Dr. Eckhard Trox. Das Museum sei Ausstellungsort und gleichzeitig ein wissenschaftliches Institut. „So sind wir der Wahrheit verpflichtet.“

Die Kuratoren wollen die neue Ausstellung friedlich ausklingen lassen. Deshalb widmen sie sich auch dem kulturgeschichtlich spannenden Umgang der Regionalgesellschaft mit der späteren Mondlandung und zeigen teilweise kuriose Industrieerzeugnisse, die damit im Zusammenhang stehen. Science-Fiction-Fans kommen in einem der Räume auf ihre Kosten.

Zum Rahmenprogramm der Ausstellung zählt ein Vortrag des Lüdenscheider UFO-Forschers Hans-Werner Peiniger, seit 1972 Vorsitzender der Gesellschaft zur Erforschung des UFO-Phänomens (GEP) mit Sitz in Lüdenscheid. Diese Veranstaltung findet am 16. Januar ab 19 Uhr im Museum statt.

Die Ausstellung wird am 24. November um 11.30 Uhr eröffnet.

Zentrale Figur Hellmuth Röhnert

Hellmuth Röhnert (Mitte mit Hut und Mantel) spielte als Rüstungsmanager eine Zeit lang eine große Rolle für Lüdenscheid und Umgebung. Foto: ghv-luedenscheid.de

Eine Zeitlang spielte der Rüstungsmanager Hellmuth Röhnert in Lüdenscheid und Umgebnung eine große Rolle. Seine Karriere begann er im Vorstand der aus zwei älteren Unternehmen gegründeten „Vereinigten Elektrotechnischen Fabriken F. W. Busch & Gebr. Jaeger AG“ in Lüdenscheid. Mehr unter Röhnert

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