Symbolfoto: Gerd Altmann/pixabay.com

Llüdenscheid-Brügge. In einer Gemeindeversammlung, die aufgrund der derzeitigen Corona-Situation rein digital stattfand, hat das Presbyterium der Ev. Kirchengemeinde Brügge am Mittwoch seine Mitglieder über weitere Erkenntnisse, Entwicklungen und Folgen der Vorfälle der Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung in der Gemeinde informiert.

Im Juli 2020 war bekannt geworden, dass ein ehrenamtlicher Mitarbeiter in der Kirchengemeinde, und vormals im CVJM Lüdenscheid-West, seit Mitte der 80er Jahre fast 30 Jahre lang Jungen in einer Jugendgruppe sexuelle Gewalt angetan hat. Bis zum heutigen Tag haben sich knapp über 20 Männer gemeldet und Beschuldigungen gegen den ehrenamtlichen Mitarbeiter erhoben.

Aufarbeitung läuft seit Juli 2020

Alfred Hammer, Vorsitzender des Interventionsteams berichtete über den Stand der Aufarbeitung. Das Interventionsteam – bestehend aus Mitgliedern der Ev. Kirchengemeinde Brügge, des Ev. Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg, der Ev. Kirche von Westfalen (EKvW) und dem Diakonischen Werk Rheinland-Westfalen-Lippe – arbeitet seit Juli 2020 mit hoher Intensität an der aktiven Aufarbeitung und Aufklärung der Beschuldigungen.

Diese Arbeit umfasst Gespräche mit Betroffenen, Schulungsangebote für die Jugendlichen/Teamer der ehemaligen Jungenschaft und Erarbeitung von Eckpunkten für eine zukünftige Jugendarbeit der Kirchengemeinde. Zudem arbeitet das Interventionsteam in der Beratung des Presbyteriums bezüglich der zukünftigen Gemeindearbeit und bringt sie auf den Weg.

Verantwortliche haben Pflichten verletzt

Besonderen Fokus bei der gesamten Aufarbeitung legt das Interventionsteam darauf, Verantwortlichkeiten zu identifizieren und die Verantwortlichen zu benennen.

In dieser Arbeit hat das Interventionsteam eine klare Erkenntnis gewonnen: Es gab zwar nur einen Beschuldigten, der sich der Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung schuldig gemacht hat. Es gab aber weitere Verantwortliche, die nach derzeitigen Erkenntnissen eine Pflichtverletzung begangen haben. Dies wurde durch das Interventionsteam identifiziert und benannt. Es wurden Indizien und Beweise zusammengestellt und an die beschlussfassenden Gremien weitergereicht. Das sind für die Kirchengemeinde Brügge das Presbyterium, den Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg der Kreissynodalvorstand und für die Evangelische Kirche von Westfalen das Landeskirchenamt.

Disziplinarverfahren gegen Pfarrer

Die genannten Ebenen haben die vorgelegten Ergebnisse des Interventionsteams bewertet und zum Teil schon Beschlüsse gefasst mit Konsequenzen für Menschen, die einer Pflichtverletzung beschuldigt werden. So wurde auf der Ebene der Landeskirche Disziplinarverfahren gegen Pfarrer eröffnet. Es gibt ein hohes Maß an Aufklärungsinteresse. Dieses muss abgewogen werden gegen die Rechte der Beschuldigten.

Jedem Beschuldigten ist eine sorgfältige Prüfung geschuldet. Was genau ist der Vorwurf und lässt sich dieser beweisen? Das gilt auch für den Vorwurf, Verantwortliche in der
Kirchengemeinde hätten von Taten gewusst und tatenlos geschwiegen. Auch dies muss nachgewiesen werden.

Opfer nennen Namen von Mitwissern

Die Opfer haben ein Recht auf Aufklärung, damit das Geschehene aufgearbeitet werden kann. Die Opfer haben in ihren Berichten und mündlichen Äußerungen zu dem, was ihnen angetan worden ist, auch Namen von möglichen Mitwissenden genannt. Nun müssen hierzu Schuld, Versäumnisse bzw. Pflichtverletzungen festgestellt werden. Das tun in diesem Fall kirchliche Gerichte, denn für die staatlichen Behörden gilt mit dem Suizid des Beschuldigten, dass es keinen Täter mehr gibt. Damit sind Ermittlungen und Aufklärung von staatlicher Seite beendet worden.

Wiedergutmachung unmöglich

Die Kirche aber will weiter aufklären, aufarbeiten und alles Mögliche tun, damit die Beschuldigten Gerechtigkeit erfahren. Klar ist, dass eine Wiedergutmachung – im wahrsten Sinne des Wortes – der schrecklichen Vorkommnisse unmöglich ist. Aber es gibt das gute Recht, die sexuelle Gewalt, die Menschen erfahren haben, aufzuklären und aufzuarbeiten. Wann diese Arbeit beendet sein wird, ist derzeit noch nicht absehbar. Unabhängig von allen Aktion- und Zeitplänen steht den Betroffenen aber die Möglichkeit unbefristet offen, sich bei Frau Fricke, Landeskirchliche Beauftragte für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung, zu melden.

Betroffenheit, Trauer und Entsetzen

Gemeindepfarrer Simon Schupetta schloss sich mit seinem Bericht aus Sicht des Presbyteriums und der Gemeinde an. Er weiß, dass die Gemeinde sehr viele Fragen bewegt: Habe ich die Augen zu gemacht? Gibt es auch weitere Täter? Betrifft dies auch andere Gruppen? Wie konnte so etwas in der Mitte unserer Gemeinde entstehen? Er berichtete weiter von großer Betroffenheit, Trauer, Entsetzen und Wut in der Gemeinde über die schrecklichen Vorkommnisse.

Ein großer Teil der Arbeit des Presbyteriums seit August letzten Jahres richtete – und richtet sich weiterhin – auf den Umgang mit den Betroffenen. Betroffene sind in erster Linie die Menschen, die unter den Taten des Beschuldigten gelitten haben und teilweise immer noch leiden. Es macht fassungslos und betroffen, dass Menschen in die Gemeinde kamen und hier eigentlich einen geschützten Raum erleben sollten. Doch sie erlebten Schlimmes und genau das Gegenteil. Die Schilderungen der Ereignisse durch Betroffene haben die Ausmaße der schrecklichen Vorkommnisse immer weiter deutlich gemacht.

Verantwortung für Versagen und Schuld

Dies hat die Gemeindeleitung unter anderem dazu bewogen, im Februar an alle Betroffene einen persönlichen, nicht öffentlichen Brief zu schreiben. Auch wenn es nach heutigem Kenntnisstand, und auch nach den abgeschlossenen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, nur einen Täter gab, hat die Gemeinde auch Versagen und Schuld zu verantworten. Hierfür hat die Gemeindeleitung die Betroffenen in dem Brief um Verzeihung gebeten.

Basierend auf diesem Brief und dem generellen Gesprächsangebot der Gemeindeleitung an die Betroffenen, gab es weiteren Mailverkehr sowie ein Gespräch mit mehreren Betroffenen. Es ist vereinbart weiter im Gespräch zu bleiben. Weitere Treffen stehen noch aus.

Pfarrer appelliert: Genau hinschauen

Gemeindepfarrer Schupetta schloss seinen Bericht mit dem Appell an die Gemeindemitglieder: „Die Vorfälle der Vergangenheit sind Verantwortung für die Zukunft! Lasst uns alles dafür tun, auch wenn es schmerzhaft ist, genau hinzuschauen und nicht aus falschverstandener Nächstenliebe oder Angst wegschauen, damit sich Menschen in unserer Gemeinde wieder sicherfühlen können. Ich habe hier eine konkrete Bitte. Gehen Sie in sich und fragen Sie sich: Wo habe ich die Augen zu gemacht und wo kann ich beitragen, dass mehr Licht ins Dunkel kommt. Denn je mehr Licht in das Dunkel kommt, desto mehr verliert die Dunkelheit ihre Macht. Zum Wohle der Betroffenen und für die Zukunft unserer Gemeinde.“

Schock für die Gemeindeleitung

Eberhard Reich, stellvertretender Vorsitzender des Presbyteriums, berichtete weiter aus der Sicht der Gemeindeleitung. Nach dem Bekanntwerden des Vorfalls sei das Presbyterium extrem geschockt gewesen. Viele Fragen seien gefolgt, auf die versucht wurde Antworten zu finden. Einige davon seien bis heute ungeklärt. Klar geworden sei, dass das Leben dieses Menschen und Täters seine Seite gehabt hätte, die der Gemeinde verborgen geblieben sei. Der Beschuldigte habe das Umfeld der Gemeinde ausgenutzt, um in einer Jugendgruppe seine sexuellen Handlungen auszuführen und über Körper und Seelen der Jungen missbräuchlich Macht auszuüben. Damit habe er den Jugendlichen erhebliche und zum Teil bleibende Schäden zugefügt.

Auf der Seite der Betroffenen

Dieser systematische Missbrauch habe das Presbyterium erheblich verändert. Die Gemeindeleitung werde bei der Aufarbeitung ganz genau hinschauen und allen Anzeichen konsequent nachgehen. Die Aufgabe des Presbyteriums, aber auch der gesamten Gemeinde, bestehe darin, ein Bewusstsein und die notwendige Sensibilität zu fördern, damit Missbrauch nicht mehr möglich sei. Dazu würden auch Veränderungen in der Gemeinde nötig sein. Für das Presbyterium sei klar, dass man auf der Seite der Betroffenen stehe und dafür Sorge tragen will, dass sich Kinder und Jugendliche in der Gemeinde sicher fühlten und sicher seien.

Neues Konzept für die Jugendarbeit

Neben der weiteren Aufklärung des gesamten Vorfalls und den daraus folgenden Konsequenzen, sei es für die Gemeindeleitung in Zukunft weiterhin ein sehr wichtiges Anliegen, mit den Betroffenen in persönliche Gespräche zu gehen bzw. diese weiterzuführen. Zudem werde mit Hochdruck an einem neuen Konzept für die Jugendarbeit in der Gemeinde gearbeitet.

Die Gemeindeleitung ist hier in unterschiedlichen  Beratungsgesprächen. Sie will das Gesamtkonzept zeitnah umsetzen. Erste Maßnahmen, wie zum Beispiel eine gemeinsame
Schulung mit dem CVJM Brügge, an der sämtliche Mitarbeiter der Kinder- und Jugendarbeit der Gemeinde teilgenommen haben, wurden bereits durchgeführt. Weitere Schulungen als Vorbereitung des Gesamtkonzeptes, stehen mit dem Märkischen Kinderschutzzentrum im Mai an.

Schulungsmöglichkeiten vor Ort

Parallel zu dazu wurde in der Landessynode ein „Kirchengesetz zum Schutz vor sexualisierter Gewalt“ beschlossen, das am 1. März.2021 in Kraft getreten ist. Darin ist die Schaffung bzw. Erweiterung von Beratungs- und Schulungsmöglichkeiten vor Ort vorgesehen, die für die weitere Entwicklung und Aktualisierung von Präventionskonzepten der Gemeinde hilfreich sein werden.

Am Ende der Gemeindeversammlung bot Ansgar Röhrbein, Leiter des Märkischen Kinderschutzzentrums in Lüdenscheid an, den Gemeindemitgliedern, sich bei weiterem Gesprächsbedarf und seelsorgerischer Begleitung direkt melden zu können. Dafür bietet das Märkische Kinderschutzzentrum, das seit dem Bekanntwerden des Vorfalls der Gemeinde bereits zur Seite steht, persönliche Gesprächsangebote an. EKLP

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