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Symbolfoto: Gerd Altmann/pixabay.com

Brügge/Lüdenscheid. (EKKLP) Seit Bekanntwerden des Missbrauchsfalls in der Ev. Kirchengemeinde Brügge und vormals im CVJM Lüdenscheid-West durch einen ehrenamtlichen Mitarbeiter, arbeitet der Krisenstab seit Juli dieses Jahres kontinuierlich an der Aufarbeitung.

Dabei kommen immer mehr Details zusammen, über die der Krisenstab – bestehend aus Mitgliedern der Ev. Kirchengemeinde Brügge, des Ev. Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg, der Ev. Kirche von Westfalen (EKvW) und dem Diakonischen Werk Rheinland-Westfalen-Lippe – jetzt offen informierte.

Zeitraum reicht bis Anfang der 80er bis 2009

Bis zum heutigen Tag haben sich knapp über 20 Männer gemeldet und Beschuldigungen gegen den ehrenamtlichen Mitarbeiter erhoben. Die Aussagen beziehen sich hierbei von Anfang der 80er
Jahre bis 2009. „Wir müssen aber davon ausgehen, dass es noch mehr Opfer gibt und die Taten des Beschuldigten auch nach 2009 weitergingen. Darüber liegen uns aber derzeit keine Aussagen
vor“, sagt Daniela Fricke, Landeskirchliche Beauftragte der EKvW für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung.

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Nach dem Tod keine weitere Strafverfolgung

Nachdem die Anschuldigungen gegen den ehrenamtlichen Mitarbeiter im August öffentlich wurden, nahm sich der Beschuldigte nach Angaben der Polizei das Leben. „Die Polizei hat uns dann darüber informiert, dass mit dem Tod des Verdächtigen diesbezüglich keine weitere Strafverfolgung und somit keine Verurteilung mehr erfolgen kann“, blickt Alfred Hammer, Leiter
des Krisenstabes, zurück.

“Können keine Aussagen einfordern”

„Unseren Zielen, für Menschen da zu sein und die Vorfälle aufzuarbeiten, gehen wir unverändert nach. Aber die Umstände haben unsere Arbeit erschwert, weil wir das quasi nun allein tun müssen. Wir sind aber keine staatliche Behörde und haben auch nicht deren Mittel und Möglichkeiten. Wir können nicht Aussagen von Menschen einfordern. Wir sind immer darauf angewiesen, dass Menschen zu uns kommen, wenn sie uns Informationen geben möchten. Und wenn jemand das nicht will, werden wir ihn auch nicht bedrängen. Für uns stehen die Menschen im Vordergrund. Wir gehen auf die Wünsche und Bedürfnisse der Betroffenen ein und lassen sie entscheiden, was für sie angebracht ist“, erklärt Alfred Hammer weiter.

Krisenstab stellt sich viele Fragen

Die Frage, wie es zu allem kommen konnte, beschäftigt den Krisenstab in seiner Arbeit stark. Warum konnte der Beschuldigte so lange Zeit seine Position als Leiter der Jungenschaft für seine
Vergehen ausnutzen? Wie war so ein Machtmissbrauch möglich, welche Fehler wurden gemacht, was wurde übersehen? „Diesen und weiteren Fragen gehen wir im Krisenstab mit Entschlossenheit nach. Wir wollen die Gründe und das System dahinter verstehen und analysieren. Noch haben wir hier keine klaren Erkenntnisse, aber dieser Bereich wird ein zentraler
Punkt der Aufarbeitung sein“, so der Leiter des Krisenstabes.

Schulungen für Haupt- und Ehrenamtliche

Die Aussagen, Informationen und Erkenntnisse, die der Krisenstab insgesamt zusammentragen wird, werden – so die Überlegungen – auch Teil einer unabhängigen Studie sein. „Das Thema ist im Bereich der Evangelischen Kirche absolut im Fokus. Das zeigen die Errichtung der Stabsstelle für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung, die Arbeit der Fachstelle in der Diakonie und die Bereitstellung der notwendigen finanziellen Mittel für Prävention, Intervention und Anerkennung erlittenen Leids“, zeigt Kirchenrätin Fricke auf. „Die Evangelische Kirche wird diese Thematik in seiner Gesamtheit auch noch weiter in den Blick nehmen. Es wird umfassende Schulungen für alle Haupt- und Ehrenamtlichen geben, und gerade ist auch das neue
Kirchengesetz zum Schutz vor sexualisierter Gewalt auf dem Weg. Es wird den Schutz von Kindern und Jugendlichen in unseren Gemeinden deutlich verbessern.“

Aus Krisenstab wird Interventionsteam

Da auf den Krisenstab in seinem Fall noch eine lange Zeit der Aufarbeitung zukommt, wurden die Aufgaben der aktuellen Situation noch einmal angepasst. „In der ersten Phase, ging es darum, die Krisensituation für alle Beteiligten gut zu bewältigten“, blickt Alfred Hammer zurück. „Jetzt geht es in unserer Arbeit um ein konsequentes Nachgehen und eine zielgerichtete Zuarbeit für die jeweiligen Verantwortlichen. Deswegen ist es passend, den Krisenstab in Interventionsteam umzubenennen und damit auch seine Aufgaben klarer aufzuzeigen.“

“Müssen von einem Täter sprechen”

Auch wenn die Aufarbeitung das Interventionsteam noch länger beschäftigen wird, eine Erkenntnis ist für Alfred Hammer bereits wichtig herauszustellen: „Wir können aus juristischer Sicht nicht von einem überführten und verurteilten Täter sprechen. Aber aus Sicht der Opfer muss man durchaus den Begriff ‚Täter‘ verwenden.“ „Und wir reden von einem System, in dem diese
Taten geschehen konnten“, so fügt Daniela Fricke hinzu. „Deswegen wollen wir als Interventionsteam auch sehr klar sagen: In diesem Fall ist große Schuld geschehen, und die muss
benannt werden!“

“Tatumfang erschreckt uns sehr”

Eine Thematik auf die Kirchenrätin Fricke weiter eingeht: „Ich möchte diesen Fall nicht mit anderen Vorfällen vergleichen, denn wir machen in dieser Hinsicht keine Unterscheidung in der
Schwere missbräuchlichen Verhaltens. Für uns ist jede Form von sexualisierter Gewalt eine schreckliche Tat, die Menschen Schaden zugefügt hat. Diese Dimension aber, von der wir heute wissen, mit mehr als 20 Betroffenen und einem Tatumfang von vermutlich weit über 30 Jahren, erschreckt uns sehr. Wir wissen, dass die Vorfälle für viele Menschen Auswirkungen auf ihr Leben hatten und haben – auf Berufswünsche, Lebensziele und Beziehungen. Deswegen ist es auch so wichtig, die Betroffenen immer im Blick zu haben und für sie da zu sein. Uns ist hierbei absolut bewusst, dass es keine Wiedergutmachung oder Entschädigung – im wahrsten Sinne des Wortes – geben kann. Dafür ist zu großes Leid geschehen. Aber was wir für die Opfer leisten können,
möchten wir tun“.

Auch materielle Anerkennungsleistungen

Die Themen Unterstützung, Hilfe und Anerkennung hat das Interventionsteam somit zentral in sein Aufgabenfeld gesetzt. „Es gibt in unserer Kirche den Fonds Anerkennung erlittenen Leids“,  so Kirchenrätin Fricke. „Hierüber gibt es für Geschädigte die Möglichkeit, einen Antrag auf materielle Anerkennungsleistungen zu stellen. Aber auch durch die Angebote in den Bereichen
Unterstützung, Seelsorge oder Vermittlung von Beratung, welche dann z.B. durch unsere Partner vor Ort, wie das Märkische Kinderschutz-Zentrum oder die Psychologische Beratungsstelle
Lüdenscheid des Diakonischen Werkes, geschieht, sind wir für die Menschen da. Hier bekommen wir die Rückmeldung, dass diese Angebote wahrgenommen und sehr wertgeschätzt werden.“

Bitte um weitere Angaben

Der Ev. Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg und die Ev. Kirchengemeinde Brügge bitten darum: Wer zu dem Fall weitere Angaben machen möchte oder hierzu individuelle Anliegen, auch
im Bereich der Seelsorge, hat, kann sich an die Beauftragte für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung zu wenden. Sie steht als Ansprechperson auch weiterhin zur
Verfügung:
Daniela Fricke
Kirchenrätin, Beauftragte der EKvW für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen
Selbstbestimmung
Landeskirchenamt – Altstädter Kirchplatz 5 – 33602 Bielefeld
Telefon: 0521 594-308
E-Mail: daniela.fricke@ekvw.de

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