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Hier soll die Gärtnerei entstehen: Marie Woeste und Lewis Zierke vor dem Gelände in der Mintenbecke. Foto: Wolfgang Teipel

Lüdenscheid. Die Zukunft gehört den Mutigen. Marie Woeste und Lewis Zierke wollen die Wege der herkömmlichen Landwirtschaft verlassen und neue Wege gehen. „Wir wollen zeigen: Es geht auch anders.“ Die Grundlage liefert ihnen der Hof Woeste im Mintenbecker Tal, der lange vom traditionellen Ackerbau und von der Viehzucht gelebt hat. Von dieser Basis aus wollen Marie Woeste und Lewis Zierke den Wandel der Landwirtschaft voranbringen.

Den ersten Schritt haben die 23-jährigen Jung-Landwirte mit dem Aufbau des Vereins „Solidarische Landwirtschaft Lüdenscheid“ getan. Dazu später mehr. Der zweite Schritt ist der Aufbau einer Gärtnerei, in der schon ab Mai 2021 frisches Gemüse geerntet werden soll.

Erstes Gemüse schon im Frühjahr 2021

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Schwarze Silofolie deckt den Boden ab. Foto: Wolfgang Teipel

Schwarze Silofolie deckt rund 0,5 Hektar an einem sonnenbeschienen Hang unweit des rund 600 Jahre alten Hofes ab. Die Fläche wird gerade zum Schutz gegen Wild eingezäunt. Ein Mitglied des Vereins befestigt mit Metallkrampen Maschendraht zwischen den Zaunpfosten.

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Auf mehrmaligen und sehr intensive Bodenbearbeitung mit Grubber und Pflug haben Marie Woeste und Lewis Zierke verzichtet. Das bringt verschiedene Vorteile. „Das Bodenleben wird wenig gestört, es entsteht keine verdichtete Pflugsohle und die Bodenstruktur bleibt erhalten. Geschützt durch die Abdeckung können Regenwurm, Springschwanz und Co. die Biomasse der Wiese zu Humus umsetzen“, erklärt Lewis Zierke. So könne im Frühjahr auf einem feinkrümeligen, mit Nährstoffen angereicherten und intakten Boden gepflanzt werden. „So erzeugen wir gesundes, umweltfreundliches und saisonales Gemüse aus der Region.“

Natürliche Kreisläufe nutzen

Diese Form der Landwirtschaft nennt sich regenerative oder auch aufbauende Landwirtschaft. Sie legt den Fokus auf den Aufbau von Böden durch verschiedene Anbausysteme. Der Schlüssel ist dafür oftmals der durchgehende Bewuchs des Bodens und der Einsatz von mehrjährigen Kulturen und Gehölzen. Dabei sollen äußere Inputs, wie zum Beispiel fossile Energie und Pflanzenschutzmittel, so weit wie möglich vermieden werden. Durch gute Planung können so höchstproduktive Landschaften entstehen, welche die natürlichen Kreisläufe und Standortgegebenheiten optimal nutzen können.

„So streben wir eine Landwirtschaft an, die Böden aufbaut, Biodiversität fördert und gleichzeitig viele Menschen versorgt“, sagen Marie Woeste und Lewis Zierke.

Das Zauberwort heißt Market Gardening

Der nächste Schritt sei der Wandel von Ernährungsgewohnheiten, der sich an mehrjährigen Kulturen orientiere. So legen die beiden Jung-Landwirte schon jetzt Dauerkulturen wie Rhabarber, Nussbäume und Wildobsthecken an. Der gewünschte Effekt: In wenigen jahren muss der Boden nicht mehr aufgerissen werden. Es kann in einem intakten Ökosystem dauerhaft geerntet werden.

Das Zauberwort heißt Market Gardening. Dieses Gärtnereikonzept beschreibt die Anlage von permanenten Beeten, nichtwendender Bodenbearbeitung und Einsatz von Gründüngungen und verspricht nicht nur Bodenaufbau, sondern auch eine höchstproduktive Anbaumethode auf kleinster Fläche.

„Generell sind die Maße der Beete auf den Menschen abgestimmt und nicht auf große Maschinen. Wir können das Gemüse durch die händische Bearbeitung sehr dicht pflanzen, wodurch schnell eine lebendige Mulchschicht der Kultur entsteht und die Beikräuter unterdrückt werden. Auch der Einsatz von klugen Arbeitsgeräten, wie z.B. die Radhacke, der Akkuschrauber betriebene Salaternter und der Einachser, unsere größte eingesetzte Maschine, macht das Gärtnerleben einfacher“, heißt es auf der Internetseite www.hof-woeste.de

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Marie Woeste (Foto) und Lewis Zierke haben während eines viermonatigen Praktikums in der Gemeinschaft Gut Tempelhof Erfahrungen mit der aufbauenden Landwirtschaft gesammelt. Foto: privat

Praktikum in der Gemeinschaft Gut Tempelhof

Dass das alles funktionieren kann, haben Marie Woeste und Lewis Zierke während ihres Ökologiestudiums und eines viermonatigen Praktikums in der Gemeinschaft Gut Tempelhof in Baden-Württemberg erfahren. Hier versorgen sich rund 150 Menschen autark nach dem Prinzip der aufbauenden oder regenerativen Landwirtschaft.

Und was hat das alles mit dem Verein Solidarischen Landwirtschaft Lüdenscheid (Solawilue) zu tun. Er ist eine wichtige Säule zur Finanzierung dieser Symbiose zwischen Landwirtschaft und Naturschutz. In ihm haben sich Verbraucherinnen und Verbraucher zusammengeschlossen, um die ganze Landwirtschaft zu finanzieren und nicht das einzelne Lebensmittel. Im Gegenzug erhalten sie die komplette Ernte. Sie verpflichten sich für ein Jahr einen Anteil abzunehmen und den Beitrag dafür monatlich zu entrichten. Den Landwirtinnen und Landwirten bietet dies Sicherheit von der Planung bis zum Lohn. Die Höhe des Beitrags wird in Bieterrunden festgelegt.

Crowdfunding startet Mitte September

Bei der weiteren Finanzierung wollen sich Marie Woeste und Lewis Zierke auf eine Crowdfunding-Aktion im Internet stützen. Sie soll Mitte September gestartet werden.

Mit diesem Geld und der Unterstützung des Vereins soll die Gärtnerei an den Start gebracht werden. Mit dem zweiten Fundingziel soll das Projekt voll entfaltet werden. Es soll den Gemüseanbau und die nachhaltige Mobilität auf dem Hof sichern. Dazu soll ein E-Bike mit Lastenanhänger angeschafft werden. Bleibt noch Geld übrig, werden Dauerkulturen und Agroforstsystem auf dem Hof finanziert.

Dazu gehört sicher eine Menge Mut. Marie Woeste und Lewis Zierke sind aber zuversichtlich: „Schließlich wollen wir zeigen, dass Landwirtschaft auch anders geht“, bekräftigen sie.

Das Interesse am Projekt regenative Landwirtschaft ist groß. Der Verein Solidarische Landwirtschaft Lüdenscheid hat zurzeit rund 80 Mitglieder. Rund 40 davon besuchten am Sonntag mit ihren Familien den Hof bei einem Informationstag für Mitglieder. Das macht noch mehr Mut. „Wir haben sehr viele positive Rückmeldungen erhalten“, sagte Marie Woeste im Gespräch mit der TACH!-Redaktion.

 

 

 

 

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