Die Lesung zum 71. Auschwitz-Gedenktag in der Lüdenscheider Stadtbibliothek ging ans Herz. V.l.n.r. Die Musiker Burkhardt Waimann und Dmitri Grigoriev, die Vertreterin der christlich-jüdischen Gesellschaft Hella Goldbach, Buchautorin Bellis Klee Rosenthal und der Schriftsteller, Schauspieler und Synchronsprecher Christian Michael Donat. Fotos: Kannenberg Design & Kommunikation

Lüdenscheid. 27.1.1945. Ein besonderes Datum, das jedes Jahr weltweit Beachtung findet. Denn dies ist das Datum, an dem das Konzentrationslager Auschwitz befreit wurde.

___STEADY_PAYWALL___

Veranstaltung in der Stadtbibliothek war gut besucht

Auch Bürgermeister Dzewas liess es sich nicht nehmen, an der Veranstaltung teilzunehmen. Hier sitzt er mitten im Publikum.
Auch Bürgermeister Dzewas ließ es sich nicht nehmen, an der Veranstaltung teilzunehmen. Hier sitzt er mitten im Publikum.

Anlässlich dieses geschichtlichen Ereignisses vor genau 71 Jahren, fand unter der Leitung der Vorsitzenden der “Christlich-Jüdischen Gesellschaft” Hella Goldbach in der Stadtbibliothek Lüdenscheid eine gut besuchte Veranstaltung zum Gedenken an die 1,5 Millionen Opfer statt, die allein in diesem Konzentrationslager ihr Leben ließen.

Ein deutsches Vernichtungslager auf polnischem Boden

Was genau war das Konzentrationslager Auschwitz? Für alle die, die dies aus irgendeinem Grund nicht wissen: Auschwitz war ein nationalsozialistischer Lagerkomplex, der eine Doppelfunktion als Konzentrationslager und Vernichtungslager hatte. Der riesige Lagerkomplex befand sich im vom “Deutschen Reich” besetzten Polen. Die deutsche Waffen-SS, Hitlers treu ergebene sogenannte “Eliteeinheit”, betrieb das Lager von 1940 bis 1945 am Westrand der polnischen Stadt Oświęcim (dt.: Auschwitz).

Etwa 90 Prozent der Lagerinsassen waren Juden

Die Veranstaltung war gut besucht.
Die Veranstaltung war gut besucht.

Die europaweit gefangen genommenen Menschen wurden per Bahn in das KZ Auschwitz transportiert.

Etwa 90 Prozent waren Juden, deren Vernichtung von den Nationalsozialisten planmäßig, gezielt und erbarmungslos vorangetrieben wurde.

In Auschwitz starben aber auch viele Polen, Russen, Sinti und Roma, eben alle diejenigen, die man von deutscher Seite aus als lebensunwert und als sogenannte “Untermenschen” ansah. Die Zahl der Todesopfer, die allein in Auschwitz durch Vergasen, Folter, Hunger und Krankheit starben, beläuft sich auf 1,1 bis 1,5 Millionen Menschen. Die Gesamtzahl der getöteten europäischen Juden auf unglaubliche sechs Millionen.

Am 27. Januar 1945 befreite die “Rote Armee” den Lagerkomplex. In der Nachkriegszeit ist der Name „Auschwitz“ zu einem Symbol für den “Holocaust” geworden. Der Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz ist seit 1996 in Deutschland, seit 2005 international der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Lesung und Musik, dem Anlass entsprechend

Christian Michael Donat und Bellis Klee Rosentahl lesen aus den Briefen von Rita und Herbert.
Christian Michael Donat und Bellis Klee Rosenthal lesen aus den Briefen von Rita und Herbert.

Nachdem Hella Goldbach gemeinsam mit Bürgermeister Dieter Dzewas vor der Gedenktafel an der Rückseite der Bücherei in einem feierlichen Akt einen Blumenstrauß niedergelegt hatten, begann die eigentliche Veranstaltung pünktlich um 17 Uhr im großen Saal der Stadtbibliothek.

Klezmer Musik von Burkhard Waimann und Dmitri Grigoriew

Burkhard Waimann und Dmitri Grigoriew spielten Klezmer auf Klarinette und Flügel.

Die beiden Musiker Burkhard Waimann, Klarinette, und Dmitri Grigoriev, Flügel erfreuten das zahlreiche Publikum mit original jüdischer Klezmer-Musik, dem Anlass entsprechend erst getragen, dann aber auch sehr frisch und fröhlich interpretiert.

Wie Burkhard Waimann nachträglich kommentierte, ist diese Musik, die sich im Judentum über Jahrtausende hin zu einer besonderen Musikform entwickelt hat, so bunt gefächert, das beides möglich ist.

Die Musik war harmonisch und virtuos

Christian MIchael Donat udn Burkhardt Waimann.
Christian MIchael Donat und Burkhard Waimann.

Die fröhlichen Parts sollten auf eine besser Zukunft hinweisen, auf ein Licht am Ende eines langen Tunnels. Beide Musiker spielten harmonisch und virtuos verschiedene kleine Sequenzen vor und nach der Lesung und wurden mit viel Applaus bedacht.

Nach einem Grußwort durch die Christlich-Jüdische Gesellschaft, begann dann die eigentliche Lesung. Die Lüdenscheiderin Bellis Klee Rosenthal hat in ihrem Buch “Was hörst Du aus Shanghai” Briefe eines jüdischen Liebespaares zusammengetragen und literarisch aufgearbeitet.

Sie schrieb an ihren Geliebten in England

Bellis Klee Rosenthal brachte dem Publikum die Rita ganz nahe.
Bellis Klee Rosenthal brachte dem Publikum die Rita ganz nahe.

Briefe, in denen eine junge Frau 1939  an ihren Geliebten nach England schreibt, dem die Flucht aus Deutschland bereits gelungen ist. Ans Herz geht dabei einerseits dieses Zeugnis einer ganz normalen Liebe mit Sehnsucht, Liebeskummer und der Beschreibung eines scheinbar zunächst normalen Alltags. Andererseits wird mehr und mehr deutlich, dass das Leben deutscher Juden 1939 bereits alles andere als normal war. Verbote, Aussonderung und Abtransporte sind an der Tagesordnung und prägen den Alltag der jungen Frau ebenso wie die verzweifelten Versuche jüdischer Bürger, das Land zu verlassen. Wohin auch immer.

Shanghai als fernes Paradies

In diesen Briefen wird deutlich, dass jede Fluchtmöglichkeit willkommen ist und dass es 1939 bereits fast unmöglich war, innerhalb Europas in ein anderes Land zu fliehen. Bis auf die Schweiz gab es zu diesem Zeitpunkt für Juden nur noch die Möglichkeit, nach England oder auf einen ganz anderen Kontinent auszuwandern. Brasilien steht bei den beiden Briefeschreibern im Raum und immer wieder Shanghai, wie ein fernes Paradies, das zu einem Traum wird, einem Symbol für Freiheit. Leider war der jungen Briefeschreiberin diese Freiheit nicht vergönnt. Sie stirbt am Schluss in Auschwitzs Gaskammern, zusammen mit Millionen anderen.

Diese Briefe, die einmal von Rita in Deutschland geschrieben und von Herbert aus England beantwortet wurden, wurden von Bellis Klee Rosenthal abwechselnd mit dem Schauspieler und Synchronsprecher Christian Michael Donat gelesen. Beide brauchten nur ihre Stimmen, ihre Präsenz und ein Mikrofon, um die Zuschauer direkt zurückzuführen in das Jahr 1939.

Man war tief getroffen

Christian Michael Donat. Er las den Herbert. Und machte das großartig.
Christian Michael Donat. Er las den Herbert. Und machte das großartig.

Man saß als Zuschauer in dem dunklen Saal, hörte diesen beiden ausdrucksstarken Künstlern zu und wurde gerade durch die scheinbare Belanglosigkeit einer einfachen Liebesgeschichte in einer so schreckenserfüllten Zeit tief getroffen.

Der wunderbare Schauspieler Christian Michael Donat hat eine Stimme, die trägt, die eine Geschichte zusammenhält und auf ganz leise unaufdringliche Art alles transportiert, was ein Text an Aussage und Tiefe zu transportieren vermag.

Man kann ihm stundenlang zuhören. Im Wechsel mit Bellis, die den Text der Rita so las, dass man sie bildlich vor Augen hatte, eine sehr gelungene Darbietung schauspielerischer und literaischer Kunst an einem Abend, der Ereignisse zum Thema hatte, die an Tragik wohl kaum zu überbieten sind.

Parallelen zur heutigen Flüchtlingsproblematik

Das ganze Programm war dem Anlass angemessen zusammengestellt und niemand ging nach Hause, ohne von dem Schicksal der deutschen Juden tief berührt worden zu sein.

Parallelen zu heutigen Ereignissen und der derzeitigen Flüchtlingswelle aus den von ISIS besetzten Gebieten sind einfach zu finden und erhalten durch die Erinnerung an die “Shoah” der Juden in Europa noch einmal einen besonderen Blickwinkel, dem man sich als heutiges Einwanderungsland mit Hinblick darauf, dass man selbst einmal ein Land war, aus dem Menschen fliehen mussten, durchaus ehrlich stellen sollte.

 

Wir brauchen Dich, um die Zukunft von TACH! zu sichern. Bitte mach mit! Unterstütze uns auf Steady

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here