Kreisverbandsvorsitzender Ulrich Brinckmann aus Iserlohn, Ortsverbandsvorsitzender Ulrich Peterschulte aus Neuenrade, Katrin und Clemens Gödde aus Balve, stellvertretende Kreisverbandsvorsitzende Dr. Christina Große-Frericks aus Iserlohn und Hendrik Vedder aus Meinerzhagen (von links) beim Erntegespräch in Balve. (Foto: WLV)

Balve. „Wir befinden uns mitten im Klimawandel“ – der neue Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Märkischer Kreis, Ulrich Brinckmann aus Iserlohn, kann aber dem Erntejahr 2022 nicht nur Schlechtes abgewinnen: „In diesem Jahr hat trotz allem die Getreideernte gute Mengen und Qualitäten gebracht. Unsere Wiesen hingegen haben nach einem guten Start im Frühjahr unter Trockenheit und Hitze gelitten. Und das im Sauerland geerntete Gemüse ist in diesem Jahr deutlich kleiner, aber sehr schmackhaft.“ Die Veränderungsbereitschaft und -fähigkeit der Landwirtschaft auf den Klimawandel stellt Brinckmann deutlich heraus: „Landwirtschaft hat schon immer auf Veränderungen reagiert“. Genau diesen Willen vermisst er aber bei der Politik: „Nach wie vor ist die Gesetzgebung nicht in der Lage, verlässliche Rahmenbedingungen für uns zu formulieren, die uns schon lange versprochen sind. Das grenzt an „organisierte Heuchelei“. Es wird einfach nichts getan.“

Brinckmann führt dazu aus, dass die Vorschläge der Borchert-Kommission zur Tierhaltung und der „Zukunftskommission Landwirtschaft“ einen gesamtgesellschaftlich getragenen Weg zur Veränderung der Landwirtschaft erarbeitet hätten. „Nur um die von allen festgestellte nötige Finanzierung durch die gesamte Gesellschaft drücken sich alle noch herum.“

Bei der traditionellen Erntedankpressekonferenz des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes, die in diesem Jahr auf dem Betrieb der Familie Gödde in Balve stattfand, spricht er das Dilemma an: „Auch auf diesem Betrieb hier sind Investitionen in Millionenhöhe getätigt worden, von denen noch nicht absehbar ist, ob sie jemals Gewinn abwerfen werden.“
Zum Erntejahr bilanzierte der Vorsitzende zu seiner Getreideernte: „Wir konnten gute Mengen und Qualitäten ernten, bei der anhaltenden Trockenheit hatten wir lange Erntefenster, was zu einer stressfreien Ernte führte. „Es war“, so Brinckmann weiter, „im Großen und Ganzen kein schlechtes Jahr für Ackerbau“. Er spricht von einem „Früh-Erntejahr“, das sich über alle Kulturen hinwegziehe.

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Das bestätigt Hendrik Vedder, seit Februar stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbandes: „So früh wie in diesem Jahr haben wir den Mais noch nie gehäckselt“. Dabei sei die Qualität im Märkischen Kreis je nach Boden sehr unterschiedlich. Eine geringe Kolbenbildung ziehe sich aber durch alle Standorte. Das ganze Desaster aus der Kombination von Trockenheit und Hitze zeige sich aber beim Grünland: „Erster und zweiter Schnitt hatten uns Hoffnung auf ein gutes Jahr gemacht – danach hat aber das Grünland sein Wachstum komplett eingestellt, es wuchs einfach gar nichts mehr. Der jetzt gefallene Regen kommt zu spät, das Grünland hat seinen Aufwuchs gestoppt.“ Vedder ist erleichtert, „dass wir bei der üppigen Ernte aus dem Jahr 2021 Vorräte anlegen konnten, von denen wir noch zehren“. Sonst hätte man jetzt schon das Winterfutter anbrechen müssen. Mit Sorge blickt der Milchbauer aus Meinerzhagen auf die gestiegenen Energie- und Düngemittelpreise: „Zum Glück ist der Milchpreis gestiegen, sonst sähe es für unsere Höfe noch viel enger aus.“

Ulrich Peterschulte beschreibt als Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsverbandes Balve-Neuenrade eine Besonderheit aus den beiden Gemeinden: „Wir haben vor Ort – wie auch hier der Hof Gödde – eine sehr große Vielfalt an Direktvermarktern unterschiedlichster Richtung. In Hoch-Zeiten der Pandemie wurden unsere Bauernläden geradezu überrannt von den Kunden. Derzeit ist aber leider wieder ein Rückgang zu beobachten – die Menschen müssen mehr aufs Portemonnaie schauen und sparen dann wieder schnell beim Essen. Dabei wird doch allerorts eine regionale, saisonale Ernährung propagiert. Hier bei uns gibt es jedenfalls vom Schnitzel über das Ei, Gemüse, Käse und Wurst bis zum Gänsebraten alles frisch aus Balve!“

Dr. Christina Große-Frericks, ebenfalls stellvertretende Kreisverbandsvorsitzende aus Iserlohn, richtet als Vorsitzende des Ausschusses für Öffentlichkeitsarbeit den Blick auf die verbesserungsfähige Kommunikation mit den Kunden: „Landwirte und Nicht-Landwirte haben ein falsches Bild voneinander, an dem beide Seiten festhalten. Das wollen wir ändern, in vielen Bereichen ist das Aufeinander Zugehen schon gelungen. Bestes Beispiel ist die „Zukunftskommission Landwirtschaft“, in der Vertreter von Interessengruppen aus Agrarbranche und Zivilgesellschaft erarbeitet haben, wie konsensual die Zukunft der Landwirtschaft gestaltet werden kann. Diese Erkenntnisse heißt es nun für alle Beteiligten an ihre Basis zu kommunizieren. Dringender müssen wir aber die Aufgabe zur Umsetzung an die Politik herantragen, dort passiert vor allem in der Frage der Finanzierung derzeit gar nichts! Wir greifen das Thema bei unserem Kreisverbandstag am 27. Oktober auf. Wir haben den Verantwortlichen der Studie „Zukunftsbauer“, Jens Lönneker vom rheingold salon in Köln, eingeladen, uns die größten Missverständnisse zwischen Bauernfamilien und Nicht-Landwirten aufzuzeigen und Wege aus diesem Stillstand vorzuschlagen.

Anschließend Übergabe an Familie Gödde mit Betriebsrundgang zu den Themen Kartoffeln, Getreide, Wald und im Mittelpunkt steht die Schweinehaltung.