Kostal hat seinen Stammsitz in Lüdenscheid An der Bellmerei. Foto: Kostal

Lüdenscheid/Märkischer Kreis. Die Kostal-Gruppe plant bis Ende 2024 einen radikalen Stellenabbau. Alle  deutschen Produktionsstandorte sollen bis zu diesem Zeitpunkt auslaufen. Nach ersten Schätzungen könnten rund 900 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von den Plänen betroffen sein.

In einer Mitteilung der Geschäftsleitung des Automotive-Unternehmens, das seinen Hauptsitz in Lüdenscheid hat, heißt es: „Die Geschäftsführung der Kostal Automobil Elektrik (KAE) sieht sich zu einer umfangreichen Restrukturierung gezwungen. Die Produktion an den deutschen Standorten in Lüdenscheid, Meinerzhagen und Halver soll demnach bis Ende 2024 auslaufen und an andere Standorte verlagert werden“.

Hoher Wettbewerbsdruck

Und weiter: „Automobilzulieferer wie die Kostal Automobil Elektrik (KAE) stehen seit Jahren unter hohem Preis- und Wettbewerbsdruck.“ Diese Entwicklung habe sich zuletzt durch die Corona-Pandemie und den Krieg in der Ukraine verschärft. Eine strikte Kostenkontrolle und der Stellenabbau der Jahre 2018/19 sowie mehrere Effizienzprogramme hätten bisher nicht ausgereicht, um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Produktionsstandorte nachhaltig zu sichern.

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In der Mitteilung erklärt Hansjörg Herrmann, Geschäftsführer der KAE und als Chief Operating Officer (COO) verantwortlich für die weltweite Produktion und das Europa-Geschäft: „In Deutschland werden wir uns zukünftig auf andere Aufgaben als die Produktion konzentrieren. Die Hauptaufgabe ist und bleibt, unser Automobilgeschäft aus Deutschland nachhaltig und profitabel zu steuern und weiterzuentwickeln.“

Die geplante Restrukturierung der folgenden zwei Jahre werde jetzt mit dem Betriebsrat im Detail beraten und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unverzüglich über die Ergebnisse dieser Beratungen informiert. Die Geschäftsführung könne betriebsbedingte Kündigungen nicht ausschließen, werde sie aber wo immer möglich vermeiden.

„Machen große Verluste“

„In unseren deutschen Produktionswerken machen wir große Verluste. Das wissen auch unsere Mitarbeiter. Gemeinsam haben wir in den letzten Jahren alles versucht, um Schließungen und Verlagerungen zu vermeiden. Trotz aller Anstrengungen konnten wir mit den deutschen Produktionskosten kein nachhaltig profitables Geschäft erreichen“, wird Herrmann weiter zitiert. Die anhaltende Transformation der Automobilbranche und die damit einhergehenden Änderungen in den Antriebstechnologien erforderten erhebliche Zukunftsinvestitionen, die dem Familienunternehmen zusätzlich große finanzielle Lasten auferlegen. „Aus Verantwortung der gesamten KOSTAL-Gruppe gegenüber sei die geplante Schließung der Produktion in Deutschland daher hart, aber folgerichtig.“

„Jedem von uns tut es leid, dass wir nicht alle unsere Beschäftigten bis zum Renteneintritt bei uns beschäftigen können. Das ist allerdings keine Frage mangelnder Loyalität, sondern eine der wirtschaftlichen Notwendigkeit. Die KAE Deutschland kann keine Sonderrolle einnehmen und unterliegt den gleichen Anforderungen an Nachhaltigkeit und Profitabilität wie unsere Standorte in anderen Ländern.“

Herrmann: „Am Ende müssen wir diesen Schritt gehen, um die Arbeitsplätze von 18.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weltweit aus unternehmerischer Verantwortung nachhaltig zu sichern.“

Lüdenscheid, Halver und Meinerzhagen betroffen

Die geplante Restrukturierung betreffe hauptsächlich den Geschäftsbereich Kostal Automobil Elektrik (KAE) und deren Standorte Halver (rund 50 Mitarbeiter), Meinerzhagen (rund 90 Mitarbeiter) und Lüdenscheid (Konzern-Zentrale an der Bellmerei). Der geplante Stellenabbau beschränke sich allerdings nicht auf die Produktionsbereiche. Auch in der Verwaltung der Kostal-Gruppe würde ein Stellenabbau beziehungsweise eine Verlagerung an das neu gegründete Kostal Business Service Center in Ungarn (Budapest) geplant.

Das Unternehmen betont, dass die KAE- Entwicklungsabteilungen und die anderen Geschäftsbereiche des Unternehmens von den Schließungen der Werke nicht betroffen seien.

IG Metall: Schwerer Schlag für die Region

„Der geplante Arbeitsplatz-Abbau wäre ein schwerer Schlag für die ohnehin gebeutelte Industrieregion. Die Fertigung im Bereich der Automobil-Elektrik bei Kostal gehört zur DNA der heimischen Industrieregion. Über Generationen hinweg haben Menschen aller Herkunft und Bildungsgeschichte hier die Möglichkeit gefunden, ihr Leben über ihre Arbeit selbstbestimmt zu gestalten“, erklärt dazu Fabian Ferber, Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Märkischer Kreis und zuständiger Gewerkschaftssekretär für den deutschen sowie den europäischen Kostal-Betriebsrat.

Schleichende De-Industrialisierung

„Der komplette Wegfall der Produktion in dem Sektor würde unwiderruflich sein. Betriebsrat und IG Metall werden deswegen gemeinsam mit den vom Betriebsrat beauftragten Partnern nach Vorlage aller hierfür notwendigen Unterlagen durch die Kostal-Gruppe alles dafür tun, dass dieser angekündigte Einschnitt verhindert werden kann. Wir werden auf unsere Kolleginnen und Kollegen in den Betriebs- und Aufsichtsräten bei den Automobilherstellern zugehen. Der Wegfall der Produktion in der Zulieferbranche muss gestoppt werden. Es drohen ein Kompetenzverlust und in der Folge auch der Verlust weiterer Arbeitsplätze für die gesamte deutsche Autoindustrie sowie die schleichende De-Industrialisierung in Südwestfalen. Insbesondere in der Autoindustrie standen in den letzten zwei Jahren mehrfach wegen gebrochener Lieferketten die Bänder still. Durch die Stilllegung der Fertigung werden Lieferketten noch unsicherer.

Die beabsichtigte Eröffnung des Kostal Business Centers in Ungarn und auch der übrige branchenweite Prozess der Aus- und Verlagerung von Jobs nach Osteuropa zeigt, dass nicht nur Kolleginnen und Kollegen in der Produktion betroffen sind.“

Unnötig Zeit verloren

Der Arbeitgeber habe den Betriebsrat erst spät über das Vorhaben informiert, konkrete Zeitschienen und Maßnahmenvorschläge lägen noch nicht auf dem Tisch. Hierbei sei unnötig Zeit verloren gegangen. „Dennoch wollen wir jede Minute nutzen, um von einem anderen Konzept zu überzeugen, wie uns das schon in anderen Unternehmen der Region gelungen ist“, erklärt Fabian Ferber. Der Arbeitgeber müsse nun die notwendigen Unterlagen zur Verfügung stellen, damit alle Maßnahmen diskutiert werden könnten, die Arbeitsplätze erhalten. Dazu zählt Ferber auch freie Plätze in den anderen Unternehmensbereichen, die Weiterbildung von Beschäftigten und tarifpolitische Möglichkeiten, die einen Aufbau einer emissionsarmen Fertigung unterstützen könnten.

Fabian Ferber kritisiert: „Der vom geplanten Produktionsschluss unabhängige Schritt der Kostal-Gruppe, Dienstleistungen nach Ungarn zu verlagern, ist angesichts der Äußerungen der Orban-Administration gegen die ukrainische Führung und der bekannten fragwürdigen Praktiken gegen demokratische Bewegungen und Mitbestimmung, nicht nachzuvollziehen.“

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