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Nico Herczog als junge Frau (links) und als Mann. Fotos: Herczog

Lüdenscheid. Ein junger Mann sitzt im Wartebereich der Frauenklinik im Klinikum Lüdenscheid – vielleicht ein frischgebackener Vater, der auf seine Frau wartet, oder ein fürsorglicher Sohn, der seine Mutter zu einer Untersuchung begleitet? Nico Herczogs Geschichte ist eine andere. Eine Geschichte, die nicht alltäglich ist und über die sich nicht viele Menschen trauen würden, so offen zu sprechen wie er. Gerade deshalb möchte er sie erzählen, er möchte anderen mit einem ähnlichen Schicksal Mut machen – Nico Herczog ist transsexuell.

An diesem Tag wartet er auf Dr. Manfred Hilscher, Direktor der Frauenklinik am Klinikum Lüdenscheid, der ihm dabei hilft, seinem Traum vom Leben im richtigen Körper – dem Körper eines Mannes – ein Stück näher zu kommen.

Nico Herczog hatte schon länger den Entschluss gefasst, sich in einer geschlechtsangleichenden Operation die Gebärmutter sowie beide Eierstöcke entfernen zu lassen. Als er dann auch noch erfuhr, dass dieser Eingriff am nahegelegenen Klinikum Lüdenscheid möglich ist, konnte er sein Glück kaum fassen. Dr. Manfred Hilscher, der als einer von nur wenigen Ärzten in Deutschland gleichzeitig Facharzt für Gynäkologie und Urologie ist, unterstützte Herczogs Entscheidung und führte bei ihm mittels Bauchspiegelung die ersehnte Operation durch.

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Premiere am Klinikum Lüdenscheid

Eine Premiere am Klinikum Lüdenscheid – denn obwohl es sich bei der Operation um einen Routineeingriff handelt, der zum Beispiel bei bösartigen Tumorerkrankungen zum Einsatz kommt, wird die Operation erstmalig zum Zwecke einer Geschlechtsangleichung durchgeführt.

Nico Herczog im Gespräch mit Dr. Manfred Hilscher. Foto: Lara Stockschläder

„Ich freue mich sehr darüber, Herrn Herczog dabei geholfen zu haben, seiner eigentlichen Identität ein Stück näher zu kommen“, erklärt Dr. Manfred Hilscher, der in seiner vorherigen Anstellung an einer Klinik in Düsseldorf bis zu 50 solcher geschlechtsangleichenden Operationen pro Jahr durchgeführt hat. Er weiß wie wichtig der Schritt für Nico Herczog ist. Denn: „Durch die Entfernung der Gebärmutter und der Eierstöcke werden nun im Körper von Herrn Herczog deutlich weniger weibliche Geschlechtshormone gebildet und auch die Regelblutung fällt nun komplett weg“, erklärt der Experte weiter. Für ihn und das gesamte Team der Frauenklinik war es eine Selbstverständlichkeit, ja sogar ein Anliegen, Nico
Herczog bei seinem Vorhaben zu unterstützen und die innovative Behandlung
durchzuführen.

Ein schmerzhafter Weg

Nicht immer in seinem Leben konnte Nico Herczog auf so viel Zuspruch und Unterstützung bauen. Hinter ihm liegt ein schmerzhafter Weg, gesäumt von vielen Enttäuschungen. Geboren wird er 1976 in Ungarn als Frau unter dem Namen Nicoletta Herczog. Bereits in frühster Kindheit merkt er* jedoch schon, dass er eigentlich gar kein Mädchen, sondern viel lieber ein Junge sein möchte. Seinen Eltern vertraut er sich nicht an, zu groß ist damals die Angst, dass diese ihn nicht verstehen würden. So kommt es, dass er sich ständig verstellen muss und seine Jugend von negativen Gefühlen und Angstzuständen bestimmt wird. „Die
Angst hat sich auf alles ausgebreitet“, erzählt Nico Herczog rückblickend. „Es war ein ständiges Gefühl von Enge und Traurigkeit“.

“Ich war nicht echt für mich und auch nicht für andere”

Im Jahr 1989 folgt ein weiterer großer Einschnitt im Leben von Nico Herczog. Er zieht mit seiner Familie von Ungarn nach Altena, macht die Mittlere Reife und schließt eine Ausbildung als Technischer Zeichner ab. Die negativen Gefühle begleiten ihn jedoch weiter. Sein Leben fühlt sich für ihn während dieser ganzen Zeit unecht und scheinheilig an: „Ich war nicht echt für mich und auch nicht für andere“, reflektiert Nico Herczog heute.

Auch derWunsch eine Frau und Kinder zu haben, hatte ihn schon immer begleitet. Die Erfahrung, dass heterosexuelle Frauen sich in ihn verlieben, bestätigt ihn noch zusätzlich auf seinem Weg. Doch erste Beziehungen zu Frauen, die meistens im Geheimen stattfinden, halten nicht lang. Irgendwann hält der junge Mann das Gefühl im falschen Körper zu leben nicht mehr aus, er leidet unter Todesängsten und weist sich schließlich selbst in die Psychiatrie ein.

Wendepunkt im Jahr 2013

Ein Wendepunkt im Leben von Nico Herczog kommt als er 2013 im Fernsehen Yvonne Buschbaum, eine ehemalige deutsche Leichtathletin sieht, bei der eine operative Geschlechtsangleichung durchgeführt wurde, und die nun unter dem Namen Balian als Mann lebt. Herczog packt sofort der Wunsch, es Buschbaum gleich zu tun. Mit neuem Mut holt er zwei unabhängige psychiatrische Gutachten ein. Diese Beurteilungen sowie eine bestimmte Anzahl an psychotherapeutischen Therapiestunden benötigt er, um mit der ersehnten Geschlechtsumwandlung beginnen zu können.

2014 die erste Testosteron-Spritze

Am 1. September 2014 ist es schließlich soweit. Nico Herczog bekommt bei einem
Endokrinologen, also einem Facharzt für hormonelle Behandlungen, seine erste
Testosteron-Spritze. Eine wichtige Etappe auf einer langen Reise beginnt. Er erlebt wie sich sein Körper langsam verändert, er eine dunklere Stimme bekommt und Stück für Stück immer männlicher wird. Im Jahr 2015 folgt für ihn die erste geschlechtsangleichende Operation. Er lässt sich das Brustgewebe entfernen. Nach dem Eingriff fühlt er sich zunächst sehr schwach und hat große Schmerzen. Doch Nico Herczog erholt sich mit der Zeit und merkt, dass ihm die äußerliche Veränderung auch innerlich gut tut.

Ende gut, alles gut?

Beflügelt von diesem Erfolg, möchte er weitermachen und findet schließlich in diesem Jahr den Weg ins Klinikum Lüdenscheid zu Dr. Manfred Hilscher.
Ende gut, alles gut? „Nein“, erklärt Nico Herczog lachend. Denn trotz dieses wichtigen Schritts, steht für ihn noch eine finale genitalangleichende Operation an. Zunächst möchte er sich jedoch erstmal in beruflicher Hinsicht an einen neuen Lebensabschnitt heranwagen – vor kurzem hat er eine Stelle als Betreuungskraft angenommen: „Kranken Menschen zu helfen, bereitet mir viel Freude“, erklärt er begeistert.

Toleranz zeigen

Sein noch immer vorhandenes, weibliches Einfühlungsvermögen komme ihm bei der Arbeit zudem zu Gute. Auch was seine Hobbys angeht, lebt Nico Herczog von Zeit zu Zeit noch gerne seine weibliche Seite aus. So bastelt er in seiner Freizeit leidenschaftlich gern dekorative Herzen aus Holz. „Meine ganze Wohnung ist voll damit“, erzählt er und ergänzt lachend: „Manche Aspekte bleiben wohl doch erhalten“. Wichtig ist Nico Herczog jedoch bei allem was er tut, vor allem eines: sich für Veränderungen zu öffnen und Toleranz zu zeigen. Und genau dies wünscht er sich auch für und von seinen Mitmenschen.

Diese besondere Geschichte stammt aus der Abteilung Unternehmenskommunikation der Märkischen Kliniken. *Sie schreibt über Nico Herczog durchgängig in der männlichen Form, da er sich selbst schon seit frühester Kindheit als Junge bzw. Mann sieht.

 

 

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