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Kindler
Jean-Philippe Kindler: Gratwanderung zwischen Poesie, Blödelei und Ernsthaftigkeit. Foto: Wolfgang Teipel

Lüdenscheid. Jean-Philippe Kindler spielt ein merkwürdiges Spiel. Es heißt „Mensch ärgere dich“. Da gibt es seltsame Felder wie die „Uli Hoeness-Gefängnis-Freikarte“. Auch die Würfel haben es in sich. Bei Samasa, dem Flüchtling, fehlen die Fünf und Sechs. So kommt er nie richtig voran. Für Meral, die Frau und Migrantin, sieht’s noch schlechter aus. Ihre Figuren drehen sich auf dem Spielfeld im Kreis und erreichen nie das Ziel.

Erstes abendfüllendes Programm

„Mensch ärgere dich“ heißt auch das erste abendfüllende Soloprogramm des 23-Jährigen, der aus der Poetryslam-Szene stammt. Am Samstag stellte er es bei den Lüdenscheider Kleinkunsttagen vor. Ist der Mann, der zurzeit in Bochum lebt und FDP-Chef Christian Lindner feixend als seine „Quelle der Inspiration“ bezeichnet, ein ernstzunehmder Kandidat für die „Lüdenscheider Lüsterklemme“?

Wut, Glück, Hoffnung und Schadensfreude

Ganz bestimmt. „Mensch ärgere dich“ spiegelt die vier menschlichen Grundgefühle Wut, Hoffnung, Glück – und Achtung – Schadenfreude. Mit seinem lyrischen Talent, Rap-Einlagen, Stand-Up-Comedy und seiner Paradedisziplin, der Dichtkunst, deckt er schonungslos auf. Er prangert politische Missstände, Persönlichkeitsdefizite seiner Mitmenschen und mehr an und verschont sich dabei selbst nicht.

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Jean-Philippe Kindler und das Amthor-Video

Sein erster Rap-Track befasst sich mit dem sagenumwobenen Philipp Amthor-Video, das als Antwort auf den Youtuber Rezo produziert, jedoch vor Veröffentlichung von der CDU-Spitze einkassiert wurde. Der 23-Jährige beschreibt Amthor als „Benjamin Button der Politik“ oder „Junge, dem auch mal der rechte Arm ausrutscht“ – das Publikum hat seinen Spaß.

Mucksmäuschenstill wird es, als Jean-Philippe Kindler offenbart, dass er selbst unter Depressionen leide und ein Übermaß an Überwindung und Kraft gebraucht habe, bis er in der Lage gewesen sei, sich in eine Therapie zu begeben. Passend dazu kritisiert er Gesundheitsminister Jens Spahn, der den Zugang zu Psychotherapien ändern will und mit der Neuregelung Betroffene diskriminiere.

Moderne Hexenjagd

Dass die „#Me Too“-Bewegung eine moderne Hexenjagd auf Männer sei, wie es ein bekannter Politologe kürzlich in einer TV-Sendung formuliert hat, karikiert Kindler mit der nahezu unglaublichen Schilderung einer Hexenjagd aus dem Mittelalter, eben nur mit umgekehrten Vorzeichen. Und dann bekennt er: „Ich bin Feminist“.

Und so ist Jean-Philippe Kindler weitaus mehr als lustig. Er denkt die Gesellschaft spielerisch und betont dabei seine eigene Verantwortung dafür, dass Politik so gestaltet wird, dass sie Glück für alle ermöglicht.

Warnung ans Publikum

Statt einer lustigen Zugabe entließ er das Publikum mit einer völlig witzfreien Warnung. „Rechtsextremismus war in Deutschland nie stark genug. Es brauchte immer eine Mitte, die nicht genau genug hingeschaut hat.“ Und: „Eine politische Mitte ist nur dann glaubhaft, wenn sie etwas gegen Rechtsextremismus unternimmt.“ Schluss und aus. Nach diesem Statement und der rund zweistündigen Gratwanderung zwischen Poesie, Blödelei und Ernsthaftigkeit verschwand Kindler, wohl selbst irgendwie besonders berührt, wortlos von der Bühne.

Bei den Lüdenscheider Kleinkunsttagen folgen noch die Auftritte von Sandra Da Vina (27. Februar) und Liza Kos (28. Februar). Die Vorstellungen beginnen um 19.30 Uhr im der Garderobenhalle des Kulturhauses.

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