Max und Dina Sternberg mit ihrer Tochter Alice vor ihrem Wohn- und Geschäftshaus in der Wilhelmstraße. ©Privat

Plettenberg. Der 27. Januar ist in der Bundesrepublik Deutschland seit 1996 der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Vor 25 Jahren hatte der damalige Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar, den Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee, zum nationalen Gedenktag erklärt. Bundesweit finden in jedem Jahr an diesem Tag Gedenkveranstaltungen statt.

Auch in Plettenberg wird seit Jahren am 27. Januar eine Gedenkveranstaltung durchgeführt, die an die Verbrechen der nationalsozialistischen Herrschaft erinnert und der Opfer des Nationalsozialismus gedenkt. In diesem Jahr jedoch ist solch eine Veranstaltung leider nicht möglich. Aufgrund des bundesweiten Corona-Lockdowns und der damit einhergehenden verschärften Kontaktbeschränkungen kann das Gedenken auf dem jüdischen Friedhof und die Gedenkveranstaltung im Ratssaal nicht stattfinden. Dieser Umstand sollte uns aber nicht davon abhalten, auch in diesem Jahr an die Opfer zu erinnern und ihrer zu gedenken.

Die wichtigste Opfergruppe stellten und stellen die ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger dar. An sie zu erinnern, bedeutet das Menschheitsverbrechen der systematischen Tötung von 6 Millionen Menschen in den Blick zu rücken, um damit gleichzeitig gegen etwaige Diskriminierungsstrategien und Verleumdungen gegenwärtig gewappnet zu sein.

Geschäft in der Wilhelmstraße

Stellvertretend für die Plettenberger Jüdinnen und Juden soll in diesem Jahr an Alice Sternberg erinnert werden. Sie kam 1921 als drittes Kind des Kaufmanns Max Sternberg und seiner Frau Dina zur Welt. Ihre beiden Schwestern verstarben unmittelbar nach der Geburt. Alice Sternberg war also das einzige Kind von Max und Dina Sternberg.

Alice Sternberg lebte mit ihren Eltern in der Wilhelmstraße. Ihr Vater besaß dort seit Mitte der 1920er Jahre ein Wohn- und Geschäftshaus, das jedoch schon seit der Jahrhundertwende zum Familienbesitz der Sternbergs gehörte. Das Textileinzelhandelsgeschäft wurde der „Untere Sternberg“ genannt, da es im unteren Teil der Straße lag. Gleichzeitig diente diese Bezeichnung zur Abgrenzung vom „Oberen Sternberg“, einem anderen jüdischen Geschäft namens Sternberg. Es lag im oberen Bereich der Wilhelmstraße/ Ecke Neue Straße.

Alice Sternberg besuchte ab April 1928 zunächst die Grundschule. Ihre schulische Beurteilung bescheinigte ihr Fleiß, gutes Benehmen und gute schulische Leistungen. 1932 verließ sie im Alter von 10 Jahren die Schule und wechselte zum „Reform-Real-Progymnasium“ an der Königstraße.

Repressalien gegen Juden

1934 starb Max Sternberg. Nun lebte Alice Sternberg allein mit ihrer Mutter Dina Sternberg im Haus in der Wilhelmstraße. Ende 1938 jedoch verließen Mutter und Tochter die Stadt. Sie zogen nach Aachen. Der Umzug kam sicherlich nicht freiwillig. Die unmittelbar nach der Machtübernahme gegen die jüdischen Geschäftsleute gerichteten nationalsozialistischen Boykottmaßnahmen, die antijüdischen Gesetze und Maßnahmen in den Jahren nach 1933, die Pogromnacht im November 1938 und letztlich der zwanghafte Verkauf des Geschäfts- und Wohnhauses im November 1938 führten dazu, Plettenberg schnellstmöglich zu verlassen. In Aachen hofften die beiden vermutlich, Ruhe zu finden und sicherer zu sein.

In dieser Stadt wohnten die beiden zunächst in einem ganz normalen Wohnhaus. Dort lebten auch Menschen, die einer anderen Religion angehörten. Außerdem trafen sie später dort auf die Sakoms, eine andere jüdische Familie, die ebenfalls von Plettenberg nach Aachen umgezogen bzw. geflüchtet war.

Ausbildung zur Krankenschwester

Nur vier Monate lebte Alice Sternberg mit ihrer Mutter gemeinsam in Aachen. Im Mai 1939 verließ sie die Stadt in Richtung Köln. Dort begann sie am jüdischen Krankenhaus, dem „Israelitischen Asyl für Kranke und Altersschwache“ in der Ottostraße in Köln-Ehrenfeld, eine Ausbildung zur Krankenschwester. In dieser Zeit hatte sie auch zeitweise Kontakt zu anderen Plettenberger Juden, die nach Köln verzogen waren. In diesem Zusammenhang erwähnte Olga Bachrach, eine ehemalige Plettenbergerin und gute Seele des einstmals sehr angesehenen Kaufhauses Neufeld/ Bachrach, dass Alice Sternberg stark in die Krankenhausarbeit eingespannt gewesen sei und ununterbrochen fünf Wochen Nachtwache abzuleisten gehabt habe. In Köln legte Alice Sternberg schließlich auch Ihre Prüfung zur Krankenschwester ab.

Alice Sternberg (links) als Krankenschwester im „Israelitischen Asyl für Kranke und Altersschwache“ in Köln-Ehrenfeld. © Privat/Stadtarchiv

Alice Sternberg lebte insgesamt drei Jahre in Köln. Ende Mai 1942, nach einem schweren Bombenangriff auf die Stadt, wurde das „Israelitische Krankenhaus“ geräumt. Am 1. Juni wurden Patienten und Personal in das Sammellager Köln-Müngersdorf gebracht. So auch die Krankenschwester Alice Sternberg. Die Situation im völlig überfüllten Lager war bedrückend. Eine Zeitzeugin, die im Altersheim des Asyls gearbeitet hatte, schilderte sie so: „Das war schrecklich. Zum Glück war es ja Sommer gewesen. Ich kann mich besinnen, daß es warm war. Als ich ankam, habe ich gesehen, auf der Wiese vor diesen Baracken und Katakomben hatten die Leute, die paar Ärzte, die noch da waren, und Schwestern, die kranken Leute auf so Feldbahnen gelegt. Und eine Frau (…) hatte da so eine Feldküche aufgebaut und etwas gekocht. Während der Zeit, in der ich in Müngersdorf war, … sind natürlich schon viele von den alten Leuten gestorben. Und das war ja ein Glück, bevor sie in den Transport kamen. Und wir, die gearbeitet haben, haben da unten in den Gewölben geschlafen. Da haben wir auch so ein paar Feldbetten gehabt und da haben wir geschlafen.“

Transport ins Vernichtungslager

Etwa zwei Wochen lang blieb Alice Sternberg im Müngersdorfer Lager. Als dann am 15. Juni 1942 die erste große Deportation aus Köln nach Theresienstadt durchgeführt wurde, gehörte Alice zusammen mit ca. tausend anderen zu den Deportierten. Die Gruppe umfasste beinahe ausschließlich alte Menschen, aber auch Krankenschwestern, zwei Ärzte, einen Pfleger, einen Rabbiner, Kuratoriumsmitglieder des Asyls. Zu den jüngsten in der Gruppe gehörte auch die Krankenschwester Alice Sternberg. Sie war zu diesem Zeitpunkt 21 Jahre alt.

Alice Sternberg blieb über zwei Jahre im Getto in Theresienstadt. Am 19. Oktober 1944 jedoch wurden sie und weitere 1500 Frauen und Männer mit dem Transport „Es – 1419“ von Theresienstadt in das größte deutsche Vernichtungslager während der Zeit des Nationalsozialismus, Auschwitz-Birkenau, verschleppt. Im Alter von 23 Jahren wurde Alice Sternberg ermordet.

Transportkarte für den Transport Es -1419 von Alice Sternberg vom Getto Theresienstadt am 19.10.1944 nach Auschwitz ©Arolsen Archives

Auch die Mutter von Alice Sternberg wurde ermordet. Ihre Deportation erfolgte im März 1942 in das Getto nach Izbica. Izbica war ein Durchgangsgetto, ein Durchgangsgetto in die Vernichtungslager des Holocaust.

Plettenberg als Ort der Ausgrenzung erlebt

Alice Sternberg verstarb mit nur 23 Jahren. Sie hatte eine unbeschwerte Kindheit verlebt; danach erlebte sie Plettenberg als einen Ort der Ausgrenzung und systematischen Bedrückung. Ihre Umzüge nach Aachen und Köln und schließlich ihre Deportationen nach Theresienstadt und Auschwitz dokumentieren, mit welch einer ungeheuren Wucht die jüdischen Menschen im Nationalsozialismus verfolgt und schließlich ermordet wurden.

Von Martina Wittkopp-Beine, Stadtarchiv Plettenberg

1 KOMMENTAR

  1. Was nun interessant wäre, in wessen Hände das ehemalige Geschäftshaus gegangen ist, wer sich bereichert hat.
    Darüber wird, so finde ich, viel zu wenig berichtet.

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