Ida Gerhardi
Ida Gerhardi - ein Selbstporträt

Lüdenscheid. Das war ein hartes Stück Arbeit. Um ihre raumgreifende Arbeit im Zwischenbau der städtischen Museen anzubringen, musste Justyna Janetzek Stunde um Stunde auf einer Hubbühne verbringen. Dann endlich war das blaue Kunstwerk aus Vierkantstahl und Stahlblech so justiert, dass es nahezu mit der Architektur des Museums verschmilzt. Ergänzt wird die Skulptur, die den Lamellenvorhang vor dem Galerieeingang durchbricht, durch filigrane Bleistift- und Fineliner-Zeichnungen. Die Arbeit hat sich gelohnt.

Am Freitagabend hat die 36-Jährige den Ida Gerhardi Förderpreis erhalten. Er ist mit 5.000 Euro Preisgeld und weiteren 3.000 Euro für die Realisierung einer Edition dotiert. Zahlreiche Lüdenscheider Kunstfreunden und Kunstfreundinnen nahmen an der Feier zur Preisverleihung teil. Neben Justyna Janetzek waren zehn weitere Künstlerinnen und Künstler in die engere Auswahl gekommen. Ihre Arbeiten und die Arbeit der Preisträgerin werden in der Ausstellung „Kunst jetzt!“ bis zum 4. September in der Städtischen Galerie am Sauerfeld zu sehen sein.

Stifter des Preises ist die Sparkasse Lüdenscheid. Vorstandsvorsitzender Markus Hacke zeichnete die Preisträgerin aus und verlas die Begründung der Jury. Sie hatte sich übrigens einstimmig für Justyna Janetzek entschieden. Hier die Begründung:

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Begründung der Jury

„Die Künstlerin Justyna Janetzek studierte von 2009 bis 2018 an der Kunstakademie Münster in der Klasse für Bildhauerei der Professoren Maik und Dirk Löbbert.Innerhalb weniger Jahre ist es ihr gelungen, ein authentisches Werk zu entwickeln und Arbeiten von herausragender Qualität zu realisieren. Zahlreiche Auszeichnungen begleiten ihre künstlerischen Auseinandersetzungen und Beteiligungen. 2020 erhielt sie den GWK-Förderpreis KUNST und in diesem Jahr ein Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds.

Die Kunst Justyna Janetzeks greift in die Wirklichkeit des Ausstellungsortes selbst ein. Mit ihren plastischen Raumzeichnungen erkundet sie den Raum in Bezug auf die Architektur und das menschliche Maß. Ihre offenen Raumgebilde setzen sich zu den Elementen des Ortes in Beziehung, erschaffen einzigartige Verbindungen und Gegensätze. Konstruktion trifft auf Dekonstruktion, in der Bewegung wird das Wahrnehmungsspektrum irritiert und erweitert.

Klare Formensprache

Ihre klare und minimalistische Formensprache basiert nicht auf mathematischen Systematiken, sondern bezieht sich immer streng auf den Kontext der räumlichen Situation. Mit minimalen Eingriffen und konzentrierten raumübergreifenden Linienführungen verwandelt sie vorgefundene Situationen in Orte spannungsreicher Poesie.“

Preis soll eine Zukunft haben

Galerieleiterin Dr. Susanne Conzen hatte zuvor alle an der Ausstellung „Kunst jetzt!“ beteiligten Künstlerinnen und Künstler kurz vorgestellt. Sie ging auch auf die Tatsache ein, dass die Sparkasse Lüdenscheid künftig nicht mehr als Stifter zur Verfügung steht. Sie ist aber überzeugt, dass der Preis weiter eine Zukunft hat. In über 30 Jahren habe er sich NRW-weit unter Künstlern und Künstlerinnen und Akademien einen guten Ruf erworben. Dr. Susanne Conzen setzt darauf, dass die Städtische Galerie Kooperationspartner finden, die mit ihr den Ida-Gerhardi-Preis fortführen.

Wer war Ida Gerhardi?

Der Name Ida Gerhardi hat in Westfalen und insbesondere in Lüdenscheid einen guten Klang. Wer war diese Frau, zu deren Gedenken die Sparkasse Lüdenscheid 1990 den Ida-Gerhardi-Preis gestiftet hat? Hier ein Steckbrief.

Familie: Idas Vater, der Hagener Arzt August Gerhardi, stirbt 1896. Da ist Ida gerade sieben Jahre alt. Mutter Mathilde siedelt mit Sohn Karl August und der neugeborenen Lilly nach Detmold um. Hier lebt die Familie bei Verwandten. Für Ida wird die Mutter später zum Problemfall. Sie wird depressiv und bereitet der Malerin große Sorgen. Zu ihrem Bruder hält sie immer Kontakt und zieht 1912 ins Haus seiner Familie.

Wünsche: Ida will malen und nimmt Zeichenunterricht. „Wozu die ganze Welt, wenn ich nicht malte“, sagt sie. Sie möchte nach der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff zur zweitbekanntesten Frau in Westfalen werden. Dieser Wunsch erfüllt sich nicht.

Ida Gerhardi: Der Weg in die Malerei

Die Frau: „Ich möchte eine Ente sein, eine Ente, die allein schwimmt“, schreibt sie einmal. Dieses Zitat ist ein Dokument für Ida Gerhardis Streben nach Unabhängigkeit. Sie wählt den Weg in die Malerei und schreibt sich 1928 an der Münchener Damenakademie für Malerei ein. Schnell wird ihr in der bayerischen Metropole langweilig. Sie will mehr, packt ihre Koffer und geht nach Paris an die Académie Colarossi. Das Studiengeld stiftet die Hagenerin Emilie Elbers – eine Freundin von Idas Mutter.

Paris: Die französische Hauptstadt wird zum Lebensmittelpunkt der jungen Malerin. Sie lernt die deutsche Grafikerin, Malerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz kennen und zieht mit ihr durch die Clubs der sich mondän gebenden Halbwelt von Paris. Die junge Frau glaubt an sich. Sie ist fest davon überzeugt, dass es ihr gelingen wird, mit der Malerei ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Für Männer war das damals ein Kraftakt. Für Frauen nahezu ein Unding. Immerhin: Ida malt und lernt viele Künstlerinnen und Künstler kennen. „Der Kreis, in denen ich augenblicklich verkehre ist außergewöhnlich intelligent und begabt“, hält sie fest.

Bilder: Sie malt Porträts, stimmungsvolle Landschaftsbilder, kraftvolle Szenen der Großstadt, Szenen aus den Kneipen im Pariser Künstlerviertel, Bilder von Tänzern, alle spätimpressionistisch voller Farbenpracht. Sie lässt sich dabei unter anderem von Henri de Toulouse-Lautrec inspirieren. Wie er malt sie unmittelbar vor Ort.

Erfolg: Hin und wieder Anerkennung. Aber: „Meine Geldbörse ist leer“, klagt sie oft. Der Durchbruch  auf dem von Männern dominierten Kunstmarkt gelingt nicht. Auch der Versuch, sich in Paris und Berlin durchzusetzen bringt sie nicht weiter. Sie organisiert Ausstellungen und pflegt Kontakt zum populärsten Kunstmäzen jener Zeit, dem Hagener Karl Ernst Osthaus.

Ihr Leben: Ida  Gerhardi war eine mutige Frau, die sich voller Kraft ins Leben stürzte. Paris hat sie genossen. Sie wetterte aus sicherer Entfernung gegen die reaktionäre Kulturpolitik in der Kaiserzeit und gegen die Ja-Sager, die damals das Ruder übernommen hatten. „Bei uns ist man ja geradezu servil. Man wird nicht Professor, wenn man nicht tut, was der Kaiser will“, schreibt sie einmal. Später wird sie ruhiger und legt beinahe konservative Züge an den Tag. Ihren jüngeren Bruder Karl August warnt sie: „Sozi solltest Du aber auch nicht werden.“ Er ist Sanitätsrat in Lüdenscheid und verfasst philosophische sowie literarische Schriften.

Was bleibt von Ida Gerhardi?

Was bleibt: Heute schätzen Kenner ihre tiefgründigen Porträts, auch die Selbstporträts mit Brille. Ihre Tanzbilder gelten aus die aussagekräftigsten Werke aus der Pariser Schaffenszeit (Susanne Conzen/Annegret Rittmann).Für viele ist sie auch eine Pionierin der Moderne. Dafür stehen ihre Bilder. Aber auch das für die Zeit um 1900 unkonventionelle Frauenleben.

 

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