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Foto: Bernhard Schlütter

Plettenberg. Auf dem jüdischen Friedhof an der Freiligrathstraße und anschließend im Ratssaal begingen etwa 70 Bürgerinnen und Bürger am Samstag (27. Januar) den Holocaust-Gedenktag. Seit 2006 wird dieser Tag in Plettenberg begangen in Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 durch sowjetische Soldaten.

Bürgermeister Ulrich Schulte machte in seiner Ansprache deutlich, wie wichtig die Erinnerung an dieses Kapitel der deutschen Geschichte auch heute ist. Beim Gedenken an nationalsozialistische Verbrechen gehe es nicht darum, dass sich alle Deutschen schuldig fühlen sollen. “Es geht darum, dass alle Menschen wissen müssen, weshalb heute der Widerstand gegen rechte Ideologien notwendig ist”, betonte Schulte.

“Es ist hier in Plettenberg passiert”

Foto: Bernhard Schlütter

“Der Abtransport von Juden in ein Vernichtungslager wie Auschwitz ist nichts, was in fremden Ländern weit weg passiert ist, nichts, was es nur in Hollywoodfilmen wie Schindlers Liste gab. Das ist hier passiert, hier in Plettenberg. Wir stehen auf einem jüdischen Friedhof hier mitten in Plettenberg, weil es hier in dieser Stadt einmal eine jüdische Gemeinde gab. Es war nur eine kleine Gemeinde, aber gerade weil Juden in ganz Deutschland eine Minderheit waren, konnte man sie so leicht zu Sündenböcken und anschließend zu Opfern machen. Und es gibt heute keine jüdische Gemeinde mehr in Plettenberg, weil dieser Abtransport in Vernichtungslager auch hier passiert ist. Dafür kamen aber keine Nazis von außerhalb in unsere Stadt. Es waren die Bewohner von Plettenberg, unsere Eltern und Großeltern, die sich aktiv daran beteiligt haben, es wissentlich gebilligt haben oder keinen Mut hatten einzuschreiten.”

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“Sündenböcke werden wieder dankend aufgenommen”

“Gerade in unseren modernen Zeiten, in denen wir mit Informationen überflutet werden, in denen jeder seine eigene Wahrheit im Internet und sozialen Netzwerken öffentlich bekannt machen kann, werden Sündenböcke und einfache Lösungen wieder dankend aufgenommen. Heute sind dank deutscher Gründlichkeit keine Juden mehr da, die zum Problem werden können. Heute sind es Muslime, Flüchtlinge und Migranten. Jede Straftat dieser Bevölkerungsgruppe wird medial ausgeschlachtet. Und wo Straftaten fehlen, werden sogar welche erfunden.

Als Lösung des Problems soll nicht der einzelne Straftäter verurteilt werden, nein, die Lösung ist, dass alle wieder in ihre Herkunftsländer geschickt werden.

“Wichtig, dass wir uns erinnern”

Wenn wir weiter diese Art von Wahrheit und Berichterstattung unwidersprochen hinnehmen und uns dadurch berieseln lassen, sind wir irgendwann diejenigen, die wegschauen, wenn all diese Personen abtransportiert werden. Wir werden uns selber zureden, dass es ja nur eine vorübergehende Lösung ist, bis sie in ihre Herkunftsländer können und dass es ja logisch ist, weil damit all unsere Probleme mit Straftätern gelöst werden. Wir haben damit ja automatisch alle potentiellen Mörder und Vergewaltiger von unseren Straßen entfernt. Und wir werden auch unsere Herzen, unsere Augen und unsere Ohren verschließen, wenn die Lager voll sind und die Regierung nach einer Endlösung sucht.

Stefanie Bauer erinnerte an die Staatsgründung Israels vor 70 Jahren. Foto: Bernhard Schlütter

Weil wir nämlich dieselben Menschen wie unsere Eltern und Großeltern sind. Ihre Schwächen sind auch unsere Schwächen. Damit es nicht dazu kommt, ist es wichtig, dass wir uns erinnern.”

Stefanie Bauer, Mitglied des Vereins Christen an der Seite Israels und 2006 Mitinitiatorin der Gedenkveranstaltung in Plettenberg, erinnerte an die Gründung Israels vor 70 Jahren.

Theater im Ghetto

Foto: Bernhard Schlütter

Schülerinnen und Schüler aus dem Q1-Literaturkurs des Albert-Schweitzer-Gymnasiums lasen anschließend im Ratssaal Auszüge aus dem Theaterstück “Die Liebe sucht eine Wohnung”, das Jerzy Jurandot im Warschauer Ghetto schrieb. Dort, wo auf etwa drei Quadratkilometern 380.000 Juden zusammengepfercht worden waren, versuchten diese, ein möglichst normales Leben zu führen. Im Theater entflohen sie für eine Weile der Realität. In Zwischeneinblendungen schilderten die Gymnasiasten diese Wirklichkeit mit Hunger, Krankheiten und ab 1942 zunehmenden Deportationen in Konzentrationslager.

Unter der Leitung von Dr. Peter Schmidtsiefer wirkten mit: Vivien Heßler, Lena Wetzel, Max Lange, Lina Willmer, Orcun Gömez, Anna Lotz, Lukas Mödden, Stephanos Zachos, Lisa Siedhoff und Pia Stemski.

 

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