Dillmann
Hans-Ulrich Dillmann suchte nach Spuren von 270 Lüdenscheider Jüdinnen und Juden. Foto: Wolfgang Teipel

Lüdenscheid. Sie wurden Opfer des Rassenwahns der Nationalsozialisten, von Fremdenhass, Rassismus und Gewalt. Andere wählten in der Ausweglosigkeit den Freitod. Manchen gelang die Emigration – oft unter entwürdigenden Umständen. Im laufenden Gedenkjahr „1700 Jahre jüdisches Leben“ erinnert der Heimat- und Geschichtsverein Lüdenscheid an ein dunkles Kapitel Ortsgeschichte. Er fungiert als Herausgeber des Buches „Schicksale der Jüdinnen und Juden aus Lüdenscheid“. Autor ist der Journalist Hans-Ulrich Dillmann. Der 70-Jährige gilt als profunder Kenner des Judentums. Er zählt zur Gründergeneration der linken “Tageszeitung“ (TAZ). Unter anderem berichtet Dillmann für die „Jüdische Allgemeine“ aus Lateinamerika. Darüber hinaus ist er Autor mehrerer Bücher, die sich mit der Flucht von Juden aus Deutschland und dem Leben in ihrer neuen Heimat befassen.

Auf 380 Seiten zeichnet Dillmann das Leben 270 jüdischer Frauen, Männer, Kinder und Jugendlichen nach.



Aufklärungsarbeit wichtig

Dr. Arnhild Scholten, Vorsitzende des Geschichts- und Heimatvereins (GHV), wies bei der Präsentation darauf hin, dass es angesichts des aufkeimenden Antisemitismus unverzichtbar sei, Aufklärungsarbeit zu leisten. Stellvertretender GHV-Vorsitzender Dietmar Simon erinnerte an die Forschung von Matthias Wagner zum Thema Juden in der NS-Zeit. Die von Matthias Wagner gesammelten Daten und Quellen dienten Dillmann als Anhaltspunkt für seine weitere Arbeit. Es gelang ihm schließlich, die Lebenswege von 270 Jüdinnen und Juden nachzuzeichnen, die in Lüdenscheid geboren sind oder hier gewohnt haben.

Eigentlich nie wieder nach Deutschland zurück

Unter anderen stieß er auf Fred Behrend. Der heute 94-Jährige wurde 1929 in Lüdenscheid geboren und lebt seit langer Zeit  in den USA. In seiner Video-Botschaft während der Buchpräsentation berichtet er, dass er eigentlich nie wieder nach Deutschland zurückkehren wollte. Er folgte dann 1990 zusammen mit anderen Holocaust-Überlebenden doch einer Einladung des damaligen Bürgermeisters Jürgen Dietrich. Anlass war die Einweihung einer Gedenktafel, die an die Opfer der Judenverfolgung erinnert.

Ruth Tannenzapf (auf dem Bild rechts unten) wurde als zehnjähriges Mädchen verschleppt. Foto: Wolfgang Teipel

“Ein Gefühl der Beklommenheit”

„Ein Gefühl starker Beklommenheit lag über dieser Veranstaltung. Als Nachfolge-Generation der Nazi-Mörder wussten wir nicht, wie wir den Verfolgten gegenübertreten sollten“, berichtete Dr. Arnhild Scholten. In der äußerst angespannten Atmosphäre habe Bürgermeister Jürgen Dietrich seine Ansprache vom Blatt abgelesen. „Sonst hielt er seine Reden immer ohne Manuskript.“

Das Buch “Schicksale der Jüdinnen und Juden aus Lüdenscheid” ist unter anderem in der Buchhandlung Thalia erhältlich.

Hans-Ulrich Dillmann hatte für die Buchpräsentation einige Porträtfotos ausgewählt, darunter ein Bild von Regina Avraham, geborene Hartmann. Auch sie hatte ein Video vorbereitet, in dem sie von ihrer Flucht in die USA berichtete. Unter weiteren Fotos hatte Hans-Ulrich Dillmann auch ein Bild von Ruth Tannenzapf ausgewählt. Das jüdische Mädchen war im Alter von zehn Jahren aus dem Klassenzimmer der Knapper Schule heraus verhaftet und nach Polen deportiert worden. Hier starb es vermutlich im Warschauer Ghetto. Heute ist die Verbindung zwischen Lessing- und Herderstraße nach ihr benannt. Hier liegt auch die Knapper Schule.

Von den Überlebenden sind nur sehr wenige nach Lüdenscheid zurückkehrt und hiergeblieben. Umso wichtiger sind die 270 Namen und Schicksale, denen Hans-Ulrich Dillmann mit seinem Buch nachspürt.

  • Hans-Ulrich Dillmann „Schicksale der Jüdinnen und Juden aus Lüdenscheid“, herausgegeben vom Geschichts- und Heimatverein Lüdenscheid, Layout Agentur Masloff, 380 Seiten, Hardcover, 19,80 Euro, erhältlich unter anderem in der Buchhandlung Thalia.

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