Lena trägt als Bäckereigesellin ihr Zunftwappen am traditionellen Koppelschloss. Foto: Stadt Plettenberg

Plettenberg. Drei Jahre und ein Tag. So will es die Tradition der „Wanderschaft“ oder Wanderjahre bei den „zünftigen“ Handwerken, auch Walz oder Tippelei genannt.
In diesem Zeitraum, auf der Walz, müssen Handwerker:innen – genauer „zünftige Gesell:innen“ – einen Bannkreis um ihre Heimat einhalten, dürfen meist nicht näher als 50 Kilometer an diese herankommen. Fortbewegt wird sich zu Fuß, auch per Anhalter, öffentliche Verkehrsmittel sind meist nicht verboten, aber verpönt.

Auf ihrer Walz haben die Bäckereigesellin Lena und der Steinmetzgeselle Jebediah das Plettenberger Rathaus besucht. Hauptamtsleiter Matthias Steinhoff hat in Abwesenheit des Bürgermeisters die beiden empfangen und nach Vorsprache das Siegel der Stadt Plettenberg in die Wanderbücher der beiden eingebracht, unterschrieben und für ein besseres Vorankommen P-Schecks überreicht.

Die Handwerker:innen und ihre Gastgeber. V.l.n.r.: Charly, Jebediah, Lena und Hauptamtsleiter Matthias Steinhoff. Foto: Stadt Plettenberg

Die Walz dient den zünftigen Gesell:innen dazu, sich und ihr Handwerk auszuprägen und weiterzuentwickeln. Neben neuen Orten und Menschen sollen eben auch neue Handwerkstechniken und Lebenserfahrung gesammelt werden. Früher war die erfolgreich vollendete Walz eine Voraussetzung für die Zulassung zur Meisterprüfung. Natürlich wird in traditioneller, zum Handwerk passender „Kluft“ (Zunftkleidung) gewandert. Dazu gehören der Hut, mal mit breiter Krempe, mal mehr wie ein Zylinder oder Koks (Melone). Aber auch mit der „Staude“ (kragenloses Hemd), der Hose (mit unterschiedlichem Schlag), der „Kreuzspinne“ (West mit acht Knöpfen für acht Arbeitsstunden am Tag), der entsprechenden Jacke mit sechs Knöpfen (für sechs Arbeitstage in der Woche), den passenden Schuhen oder Stiefeln, der „Ehrbarkeit“ (Krawatte/Binder, teils mit Zunftwappen), dem Ohrring, dem „Stenz“ (besonderer Wanderstock), dem Koppel (Gürtel) und der Taschenuhr an der Weste wird „getippelt“. Nicht fehlen darf auch der „Charlottenburger“, ein schön bedrucktes Tuch, in das die Wandergesell:innen ihr Hab und Gut einbinden.

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Das traditionelle Zunftwappen der Steinmetze ist bei Jebediah an der „Ehrbarkeit“, also dem Binder angebracht. Foto: Stadt Plettenberg

Auf der Walz gilt es natürlich auch Nachweise zu sammeln, wo die Gesellin oder der Geselle Station gemacht haben. Dafür wird ein Wanderbuch mitgeführt, in das „Zeugniß“ abgelegt wird. Heute gerne in Form von Stempeln/Siegeln, samt Unterschrift der ausstellenden Person. Wenn zünftige Gesell:innen dann in ein Rathaus kommen, darf die Unterschrift gern vom Bürgermeister sein. Doch erstmal erfolgt die „Vorsprache“ für das Siegel oder ggf. auch Obdach, auch Handwerksgrüße genannt – am Ende folgt ebenso in Vers-Form ein „Dank“. Die Spruchformeln bleiben allerdings geheim, damit kein Schindluder damit getrieben wird. Ähnlich geheim sind die Nachnamen der zünftigen Gesell:innen, denn diese legen sie oftmals für die Zeit der Walz ab.

Was kann man Wandergesell:innen Gutes tun? Die Stadt hat nachgefragt. Die Antwort: „Glück wünschen, ein warmes Getränk anbieten, wenn nötig Obdach gewähren oder einen per Anhalter mitnehmen.“ Und was wäre mit Spenden? „Danach würden wir nie fragen, wir sind ehrbar und betteln nicht. Aber was von Herzen gegeben wird, wird von Herzen genommen.“

„Wir bei der Stadt Plettenberg sind von dieser Tradition beeindruckt und finden es toll, dass es heute noch viele junge Menschen gibt, die sich auf diese Art und Weise „zünftig“ weiterbilden. Und mutig ist es auch! Wir wünschen traditionsgemäß „fixe Tippelei“, heißt es in einer Mitteilung der Stadt zum Besuch der Wandergesell:innen.