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Das Porträt der heute 94-jähirgen Halveranerin Ursula Frevel in der Ausstellung "Gesichter und Geschichten zwischen Diktatur und Demokratie". Foto: Wolfgang Teipel

Halver. Einfühlsame Porträts in schwarz-weiß, bei vorhandenem Licht, aufgenommen mit einer analogen Kamera – der Fotograf Dirk Vogel hat 30 Gesichter von Menschen um die 90 eingefangen. Die Bilder entstanden alle in besonderen Situationen. Die Frauen und Männer hatten zuvor aus ihrer Kinder- und Jugendzeit berichtet. Jetzt sind die Fotos in einer Ausstellung in der Villa Wippermann bis voraussichtlich 23. Dezember zu sehen.

Fotograf Dirk Vogel im Gespräch mit Ursula Frevel. Foto: Wolfgang Teipel

Projekt sichert die Erinnerung von Zeitzeugen

Die Zusammenarbeit von Dirk Vogel in Matthias Wagner vom Lüdenscheider Ge-Denk-Zellen-Verein ist ein sozio-kulturelles Projekt, das die Erinnerung von Zeitzeugen aus der Kriegs- und Nachkriegszeugen sichert. Sie sind alle um die 90 Jahre alt. Sie alle haben die Zeit zwischen Diktatur und Demokratie in Deutschland erlebt. Fünf der Frauen und Männer sind seit Beginn des Projekts bereits gestorben. „Und es werden immer weniger“, sagte Matthias Wagner bei der Ausstellungseröffnung am Sonntag.

Wagner hatte die Frauen und Männer aus Lüdenscheid und Umgebung interviewt, die Texte mit ihnen abgestimmt und sie anschließend in Zusammenarbeit mit Dr. Eckhard Trox, dem Leiter des Lüdenscheider Geschichtsmuseums, für die Ausstellung aufgearbeitet.



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Brosch: “Ernstes Thema an einem würdigen Ort”

Der Titel der Ausstellung lautet „Gesichter und Geschichten zwischen Diktatur und Demokratie“. „Ein ernstes Thema, präsentiert an einem würdigen Ort“, betonte Bürgermeister Michael Brosch in seiner Eröffnungsansprache. Die Ausstellung zeige, so Matthias Wagner, den „Wert der Erinnerung für die Gegenwart“. Viele Texte schließen mit einem Resümee oder einer Lebensweisheit. Der Meinerzhagener Willi Müller sagt beispielsweise: „Nutze die Chancen, die sich bieten: Denn was man in der Jugend versäumt, kann man später nur schwer nachholen.“

Auch schöne Erinnerungen sind dabei

Matthias Wagner bei der Ausstellungseröffnung vor dem Porträt der Lüdenscheiderin Dorothea Döll. Foto: Wolfgang Teipel

Offen berichten viele von ihren Kontakten zur Hitlerjugend, Mitgliedschaft in staatlichen Jugendorganisationen oder Kriegseinsätzen in jungen Jahren und ziehen im Rückblick ihre Schlüsse. So sagt der Lüdenscheider Richard Oettinghaus: „Kadavergehorsam, der gefordert oder befolgt wird, zerstört die Menschenwürde und die Freiheit der Person.“

Es geht aber nicht nur um Kriegsgräuel, wirtschaftlich harte Zeiten und Zwang durch das NS-Regime. Zur Sprache kommt auch, dass die Befragten mit der Zeit ihrer Jugend auch schöne Erinnerungen verbinden. Das gilt beispielsweise für die Halveranerin Ursula Frevel. Über sie heißt es im Text neben ihrem Porträt: „ . . . im Juni wurde sie zum Arbeitsdienst in Mecklenburg eingezogen. Diese Zeit war für sie friedlich und wunderschön, auch weil sie sich wie ein junges Mädchen fühlen durfte.“ Nach dem Krieg habe sie mehrfach „alte Arbeitsmaiden“ getroffen, die sich glücklich an die Zeit erinnerten, schreibt Wagner über die heute 94-Jährige. Die vitale Ursula Frevel war Gast der Ausstellungseröffnung und führte angeregte Gespräche mit Dirk Vogel und einigen Ausstellungsbesuchern.

Gezeigt wird die Ausstellung voraussichtlich bis zum 23. Dezember zu den üblichen Öffnungszeiten des Heimatmuseums (dienstags, mittwochs und donnerstags von 15 bis 17 Uhr sowie sonntags von 11 bis 13 Uhr).

Diplom-Fotodesigner und freier Fotograf

Info: Dirk Vogel ist Diplom-Fotodesigner und arbeitet als freier Fotograf. Seit seinem Abschluss 1999 – Thema „Augenblicke. Juden in Deutschland“ arbeitet der Altenaer für nationale, aber auch internationale Magazine und Zeitungen sowie für Unternehmen und im Bereich Architektur. Neben zahlreichen Ausstellungen, darunter eine im Deutschen Historischen Institut in London, erschien 2011 sein erster Bildband: „Gesichter der friedlichen Revolution“, herausgegeben von der Robert-Havemann-Gesellschaft. In dem Buch geht es um die Menschen, die sich 1989 für demokratische Verhältnisse in der DDR einsetzten und so letztlich den Weg für die deutsche Einheit mit geebnet haben. Die Ansprache von Matthias Wagner (Ge-Denk-Zellen) gibt hier zum Nachlesen: Ansprache Wagner

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