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Sie laden gemeinsam zum Gottesdienst mit anschließender Kundgebung ein. Am 3. Oktober 2019 wollen sie an den Mauerfall von vor 30 Jahren erinnern und neue Perspektiven für die nächsten Jahre aufzeigen. v.l.n.r.: Volker Hagedorn, Markus Bühler, Monika Deitenbeck-Goseberg, Simon Schupetta und Johannes Boxtermann. Fotos: Iris Kannenberg

Lüdenscheid. „Gemeinsame Wege“ lädt die Lüdenscheider am 3. Oktober zu der Veranstaltung „30 Jahre Mauerfall – „Kerzen und Gebete“ ein. Dieser Tag bezeichnet für Deutschland ein wichtiges Datum. „Der Tag der deutschen Einheit“ erinnert jedes Jahr aufs Neue an den Fall der Mauer am 9. November 1989.

Friedliche Revolution

Die Initiatoren von “Gemeinsame Wege” im Interview in der Kapelle von “Haus Elisabeth”.

Die erste und bisher einzige friedliche Revolution, die von deutschem Boden ausging. Der Fall der Mauer beendete die Teilung Deutschlands und damit den kalten Krieg zwischen den beiden Supermächten USA und Sowjetunion.

Denn wie in einem Domino-Effekt wurde das sozialistische System im gesamten Ostblock gestürzt. Ohne Blutvergießen. Heute besitzen alle Länder, die sich bis 1989 hinter dem „Eisernen Vorhang“ befanden, demokratisch gewählte Regierungen. Viele gehören mittlerweile zur EU. Deutschland wurde zudem wieder zu einem einzigen Land, durch das keine Mauer mehr führt, die die ganze westliche Welt in Ost und West aufteilt.



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Wir sind das Volk

Wie war das möglich? Seit 1981 wurden in der Messestadt Leipzig in der damaligen DDR Friedensgebete organisiert. Seit 1982 fanden sie immer montags statt. Initiiert wurden sie von den Christen der DDR. Zu ihnen gesellten sich im Laufe der Zeit immer mehr Oppositionelle. Die zentrale Figur in der Gestaltung und Organisation der Friedensgebete war Pfarrer Christoph Wonneberger. Der zentrale Treffpunkt die Nikolaikirche im Zentrum von Leipzig.

An den Protestdemonstrationen, die ab dem 4. September 1989 regelmäßig jeden Montag stattfanden, nahmen im Oktober bereits zehntausende Menschen teil. Ihr Ruf „Wir sind das Volk!“ wurde zum wichtigsten Slogan der Revolution – bis er im November 1989 nach dem Fall der Mauer durch den Ruf „Wir sind ein Volk!“ abgelöst wurde. Diese Veranstaltungen werden heute als „Montagsgebete“ bezeichnet und die anschließenden Demos als „Montagsdemonstrationen“.

Das Ende der Mauer

Der Flyer zum Event wurde von Daniel Scharf gestaltet.

Gerade die politische Ausrichtung der Friedensgebete machte die Leipziger Andachten so populär. Schnell füllte sich vor 30 Jahren Montag für Montag das Kirchenschiff der Nikolaikirche mit Besuchern. Nicht nur Christen, sondern auch die verschiedenen oppositionellen Strömungen fanden hier einen gemeinsamen Raum und eine Öffentlichkeit.

Ebenso schnell verbreitet sich damals im ganzen Land der Ruf der Leipziger Friedensgebete. Die Montagsgebete und -demonstrationen trugen den Protest gut sichtbar auf die Straße und in die Gesellschaft hinein. Und läuteten das Ende der DDR ein.

Die imaginäre Mauer

An diese Montagsgebete will die Veranstaltung von „Gemeinsame Wege“ anknüpfen. 30 Jahre nach dem Mauerfall steht die ganze Welt vor einer erneuten Mauer. Klimakrise, Rechtsruck, Kriege und Bürgerkriege weltweit machen viele Menschen ratlos.

Diese imaginäre Mauer scheint unüberwindbar. Und macht Angst. Wer sich umhört in der Gesellschaft, stößt auf immer mehr Menschen, die sich nicht einmal mehr die Nachrichten anschauen, weil die lediglich ihr Gefühl der Hilflosigkeit verstärken.

Ein neuer Aufbruch

Den Mitgliedern von „Gemeinsame Wege“ geht es da kaum anders. Aber sie haben auch Hoffnung. Die Deutschen haben bereits ein großes Wunder erlebt. Vor 30 Jahren. Es begann mit einer sehr kleinen Gemeinschaft und regelmäßigen Treffen mit Kerzen und Gebet.

Am 3. Oktober wollen sie daher einen erneuten Anstoß geben. Daran erinnern, was in unserem Land möglich war. Warum sollte so etwas nicht noch einmal passieren? Eine friedliche Revolution, die von Deutschland aus vielleicht sogar ganz Europa erfasst. Und noch viel weiter geht.

Stein des Anstoßes

Sie wollen daran erinnern, dass Kirche soviel mehr ist, als nur das sonntägliche Treffen zum Gottesdienst. Kirche soll noch einmal Zuflucht und Begegnungstätte werden für all diejenigen, die gerne etwas gegen die aktuellen weltweiten Probleme tun würden. Kirche kann und will Hoffnung geben. Ein Stein des Anstoßes sein und einer Bewegung ein Gesicht geben, die sich nicht damit abfinden will, dass die Erde gerade anscheinend in rasanten Schritten „den Bach runter geht“.

Wer sind die “Gemeinsamen Wege”

Gemeinsame Wege verfolgt gemeinsame Ziele. Flyer: Daniel Scharf

Wer sich jetzt fragt, was genau die „Gemeinsamen Wege“ sind: Es handelt sich dabei um ein überkonfessionelles Netzwerk von Christen aus den evangelischen, katholischen und freikirchlichen Gemeinden Lüdenscheids. Ihr Anliegen: Jeden 1. Freitag lädt die Gemeinschaft von 19.00 Uhr bis 20.00 Uhr in die Kapelle des „Haus Elisabeth“ in der Graf-von-Galen-Straße zum gemeinsamen Gebet ein.

Aus diesem Treffen erwachsen dann gemeinsame Anliegen und Aktionen für die Stadt. Wie die, die jetzt am „Tag der deutschen Einheit Oktober geplant sind. Sie stemmten als Output ihrer regelmäßigen Gebetstreffen bereits den „Europatag“ und den „Family-Day“ nach dem Bautz-Festival, der 1500 Menschen auf den Nattenberg zu einer großen überkonfessionellen Veranstaltung mit Gottesdienst zog.

Die Veranstaltung

Es wird einen 0 Euro Schein am 3. Oktober geben, der extra fur diesen Tag gestaltet wird. Dies hier ist noch der Geldschein vom Luther Jubilaum. Der “Neue” wird mit einem Motiv zum Mauerfall auf den 3. Oktober angepasst. Monika Deitenbeck-Goseberg zeigt ihn in die Kamera.

Unterstützt werden die drei Pastoren durch Pfarrerin Monika Deitenbeck-Goseberg (ev. Kirche) und Volker Hagedorn (FeG Börsenstraße). Sie sind ebenfalls aktiver Teil von „Gemeinsame Wege“.

Kundgebung auf dem Sternplatz

Auf dem Sternplatz wird es dann eine Kundgebung geben. Das Grußwort überbringt Bürgermeister Dieter Dzewas stellvertretend für die Stadt Lüdenscheid. Die Redner des Abends sind: Peter Klatt (ehemaliger Bereitschaftspolizist bei den Montagsgebete in der DDR), Reinhold Ahrens (damaliger Demonstrant in Leipzig) und Michael Höring (Pastor der Montagsgebete in Leipzig).

Für die musikalische Begleitung wird der Bläserprojektchor unter der Leitung von Wolfgang Kimpel (ev. Kirche) sowie die Band96 sorgen, die sich ebenfalls aus Mitgliedern der unterschiedlichsten Gemeinden zusammensetzt.

Wir sind das Volk und wir wollen bleiben

Die Band 96 wird bei der Kundgebung mit dabei sein. Foto: Torsten Sonnenborn

Ausdrücklich laden die Kirchen alle Menschen ein, den Gottesdienst und die anschließende Kundgebung zu besuchen. Denn diese Veranstaltung soll an ein Wunder erinnern, das vor 30 Jahren passierte und immer noch passiert. Veränderung ist möglich. Keine Situation ist so hoffnungslos, dass sie nicht geändert werden kann. Zum Guten. Wenn man daran glaubt und damit anfängt, sich mit seinen Anliegen in der Öffentlichkeit zu positionieren.

Damals vor dem Mauerfall gab es noch einen anderen Slogan, der auf den Straßen der DDR gerufen wurde. Nicht nur „Wir sind das Volk“, sondern auch „Wir bleiben hier“. Und dieses Wollen ist allen Menschen gemeinsam: Sie wollen hierbleiben. Auf dieser Welt, die auch noch für die kommenden Generationen lebenswert sein sollte. „Gemeinsame Wege“ will einen Anfang machen. Erinnern, was möglich war und wieder möglich sein kann. Die Mauer niederreißen. Friedlich. Gemeinsam. Jetzt.

„Gemeinsame Wege“: 30 Jahre Mauerfall: „Kerzen und Gebete“, 3. Oktober 2019, Gemeinsamer Gottesdienst in der Kirche ST. Joseph und Medardus 17.45 Uhr bis 18.45 Uhr, danach Zug mit Kerzen und Gebeten zum Sternplatz Lüdenscheid mit anschließender Kundgebung von 19.00 Uhr bis 20.00 Uhr.

 

 

 

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