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Inzwischen ist Michelle im Anderland der Johanniter eine begehrte Gesprächspartnerin. Foto: Johanniter/Sabine Eisenhauer

Lüdenscheid. „Bist du neu hier?“ Die ältere Dame hat gerade ihre Wohnung in der Demenz-Wohngemeinschaft „Anderland“ der Johanniter in Lüdenscheid verlassen und kommt fragend auf Michelle Langhammer zu. „Nein, ich bin schon länger hier, ich habe doch gestern mit ihnen zusammen abendgegessen“, antwortet die junge Frau. Die Seniorin erinnert sich: „Stimmt. Du arbeitest ja hier!“

Seit dem 1. Januar 2020 wirkt Michelle Langhammer aus Kierspe als Bundesfreiwilligendienstlerin im Anderland mit. Auf den drei Wohnetagen mit ihren jeweils acht Appartements unterstützt sie die individuelle Betreuung der Bewohnerinnen und Bewohner und hilft unter anderem beim Zubereiten der Mahlzeiten. „Mir macht das richtig viel Spaß, und ehrlich gesagt, hätte ich das gar nicht erwartet“, sagt die 19-Jährige. „Mit älteren Menschen arbeiten, das kann ich überhaupt nicht“, so dachte sie bisher. Jetzt erlebt sie täglich, dass sie es sogar sehr gut kann.

Aufmerksame Zuhörerin

An diesem Vormittag sitzt sie im Anderland mit einer Seniorin im gemeinschaftlichen Wohnzimmer und hört sich deren wiederholte Schilderung ihres Einzugs ins Anderland an: „Mama, so geht das zuhause nicht mehr, haben meine Kinder gesagt. Jetzt bin ich hier mit anderen netten Leuten, und wir gehen oft zusammen spazieren.“ Michelle Langhammer hört immer wieder aufmerksam zu und antwortet einfühlsam: „Das freut mich, dass es ihnen hier gefällt.“



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Lieber Arbeit in der Betreuung

Eigentlich hatte Michelle Langhammer geplant, im Rettungsdienst zu arbeiten. Doch als sie in ihren Freiwilligendienst beim Hausnotruf der Johanniter startete, erlebte sie, dass die Ersthilfe bei Unfällen und Verletzungen nichts für sie ist. „Das ist das Gute an einem Freiwilligendienst: Man kann etwas ausprobieren, bevor man sich festlegt“, meint Michelle Langhammer. Jetzt weiß sie eben, dass sie statt in der Rettung, lieber in der Betreuung von Menschen arbeiten möchte.

Taschengeld und Verpflegungsgeld

Neben der Berufsfindung bietet der Bundesfreiwilligendienst (BFD) unter anderem 210 Euro Taschengeld und 230 Euro Verpflegungsgeld, eine Sozialversicherung, Lehrgänge zu Sanitätshelferin und -helfer und in der Betreuungsassistenz sowie Seminare zur politischen Bildung.

Lehrreiche Seminare

Michelle bereitet zusammen mit den Bewohnern auch die Mahlzeiten zu. Foto: Johanniter/Sabine Eisenhauer

„Beim Seminar der Johanniter in Münster haben wir zum Beispiel bei Rollenspielen den Part eines dementiell erkrankten Menschen eingenommen“, erzählt Michelle Langhammer. Und dabei spüre man dann, was Menschen empfinden, wenn sie sich von niemandem verstanden fühlen. Jede dementielle Veränderung sei anders, weiß die Freiwilligendienstlerin – und auch, wie man mit den von ihr betroffenen Menschen umgeht: „Ich widerspreche nicht, und verpacke meine Antwort in eine schöne Aussage.“ Wolle etwa jemand nach Hause zur eigenen Mutter, dann spaziere sie mit ihm durchs Haus, lenke ihn ab und sage: „Gucken Sie mal, hier ist doch ihr schönes Zuhause.“

Johanniter suchen Freiwillige

In diesem Zuhause wirken die Bewohnerinnen und Bewohner gerne mit: Sie decken den Tisch, schälen Kartoffeln oder bereiten das Spielbrett fürs gemeinsame „Mensch ärgere Dich nicht“ vor. „Die Menschen sind sehr stolz, wenn sie etwas leisten und gebraucht werden“, erlebt Michelle Langhammer. Darum bringe sie gerne Geduld auf, wenn etwa das gemeinsame Salat putzen mal fast eine halbe Stunde brauche. Derzeit suchen die Johanniter noch einen weiteren Freiwilligendienstler für die Demenz-WG „Anderland“. Interessierte können sich bei Anderland-Leiterin Sarah Griebner von den Johannitern unter sarah.griebner@johanniter.de melden.

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