Um das Fallbett für die Brücke zu schaffen müssen 80.000 Kubikmeter Boden bewegt werden. Foto: Sven Prillwitz

Lüdenscheid/Südwestfalen. Ob die Talbrücke Rahmede gesprengt und so der Bau einer neuen Brücke beschleunigt werden kann, steht auch nach dem gestrigen zweiten sogenannten Spitzengespräch nicht fest. Elfriede Sauerwein-Braksiek rechnet damit, dass das entsprechende Gutachten Mitte Februar vorliegt. „Gründlichkeit geht hier vor Schnelligkeit“, betonte die Direktorin der Niederlassung Westfalen der Autobahn GmbH des Bundes in der anschließenden digital geführten Pressekonferenz.

Am Pressegespräch nahmen neben Elfriede Sauerwein-Braksiek auch NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart, Verkehrsministerin Ina Brandes, Gerhard Rühmkorf (Bundesverkehrsministerium) sowie Landrat Marco Voge und Lüdenscheids Bürgermeister Sebastian Wagemeyer teil.

Ausbau der B45 als Umleitungsstrecke

Ministerin Ina Brandes überraschte die Öffentlichkeit mit der Mitteilung, dass die Landesregierung in Abstimmung mit der Autobahn GmbH Westfalen, die Bundesstraße 54 (Volmestraße) als Umleitungsstrecke für die gesperrte A45 ausbauen will. „Wir werden durch bauliche Maßnahmen dafür sorgen, dass Lkw die B54 zukünftig nutzen können“, sagte sie. Dazu zählt die Absenkung der Fahrbahn in Teilbereichen, sodass die Durchfahrhöhe für Lkw geschaffen wird. Damit soll die stark belastete Bedarfsumleitung in Lüdenscheid (U16 / U39) entlastet werden.

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Alle Teams von Autobahn Westfalen seien mit Hochdruck dabei, die Grundlagen zu ermitteln und sowohl die Genehmigung voranzutreiben als auch Abriss und Neubau vorzubereiten, sagte Elfriede Sauerwein-Braksiek weiter. „Dabei müssen derzeit viele Szenarien parallel betrachtet werden, da zum Beispiel noch nicht geklärt ist, ob wir sprengen können.“

Sonderfonds soll Tempo bringen

Ina Brandes berichtete von einem Zehn-Punkte-Programm für mehr Tempo bei der Errichtung von Verkehrsinfrastruktur. Darin enthalten ist zum Beispiel ein 300-Millionen-Euro-Sonderfonds. „Damit gewinnen wir mehr Geschwindigkeit und wir schaffen einen Planungsvorrat, so dass Bauprojekte ohne Zeitverzug angegangen werden.“ Brandes weiter: „Gute Infrastruktur ist Wirtschaftsfaktor und Garant für Wohlstand und Sicherheit der Menschen. Wir brauchen mehr Tempo! Jetzt!“

Autobahn Westfalen hat begonnen, zahlreiche Aufgaben abzuarbeiten. So haben mit betroffenen Eigentümern Gespräche stattgefunden, erste Verträge zu Kauf oder temporären Nutzung liegen zur Unterschrift bei den Eigentümern.

Ersatzquartiere für Fledermaus und Co.

Mit Umweltbehörden und auch den ehrenamtlichen Naturschützern haben Abstimmungen stattgefunden, die bereits in konkrete Planungen zum Beispiel für die Schaffung von Ersatzquartieren für Fledermäuse, Wanderfalken oder Haselmäuse, die in oder unter der Brücke leben, münden. „Wir haben aus der Vorplanung eine so genannte Kartierung des Geländes, die wir nun um aktuelle Daten ergänzen“, erklärt Sauerwein-Braksiek. Die vorhandenen Daten seien aber bereits eine gute Grundlage, um die Planungen voranzutreiben.

Nicht nur für den Brückenneubau muss das Gelände rechts und links der Brücke mit Baustraßen erschlossen werden. Auch hier laufen Planungen, wie optimale Zugänge zum Beispiel zu den Pfeilerstandorten geschaffen werden können. „Auch diese Planungen laufen derzeit parallel für die unterschiedlichen Bau-Szenarien“, betont die Niederlassungsleiterin. „Wir wollen in keinem Fall Zeit verlieren.“

Bodengutachten als Planungsgrundlage

Wichtige Grundlage für die weitere Planungsschritte sind Gutachten zur Beschaffenheit des Baugrundes. „Hier wollen wir so schnell wie möglich mit den Bohrungen zur Baugrunduntersuchung beginnen“, betont Elfriede Sauerwein-Braksiek. Ein Konzept, welche Bereiche untersucht werden sollen, ist bereits fertiggestellt. Besondere Herausforderung ist hier, die Bohrungen in den „alpinen Hängen“ des Rahmedetals durchzuführen.

„Ich begrüße es sehr, dass derzeit auf allen Ebenen parallel an den Planungen zum Brückenneubau gearbeitet wird. Dabei erwarte ich, dass die Umsetzung weiter vorangetrieben wird – besonders mit Blick auf die Menschen vor Ort in unserer Region, die von der A45-Sperrung drohen abgehängt zu werden“, sagte Lüdenscheids Bürgermeister Sebastian Wagemeyer

„Der Ernst der Lage ist allen Beteiligten bewusst“, erklärte Landrat Marco Voge. „Es ist richtig und wichtig, dass es bei den Planungen Fortschritte gibt. Die anstehenden Herausforderungen sind immens, daher braucht die gesamte Region schnelle, effektive und unbürokratische Hilfe. Wir müssen gemeinsam alles dafür unternehmen, dass die Brücke schnell gesprengt werden kann, die Plangenehmigung ohne weitere Verzögerung erfolgt sowie die Vergabe und der anschließende Bau in Rekordzeit geschafft werden.“

Großräumige Verkehrslenkung weiter im Blick

Während die Arbeiten für den Neubau vorangetrieben werden, verliert die Autobahn Westfalen den Verkehr, der täglich die Umleitungsstrecke durch Lüdenscheid nutzt, nicht aus dem Blick. Mit dem Auskreuzen der Fernziele Frankfurt bzw. Dortmund an den Kreuzen Westhofen und Olpe-Süd soll die Nutzung der großräumigen Umleitungsstrecken nochmals forciert werden. Aktuelle Messungen der Verkehrsströme haben ergeben, dass im Vergleich zur Kalenderwoche 46 in der dritten Woche des neuen Jahres zwischen 57 und 62 Prozent weniger Verkehr auf der A45 nördlich und südlich des gesperrten Bereichs unterwegs war.

Auch Bürgermeister Sebastian Wagemeyer und Landrat Marco Voge nahmenan dem Pressegespräch im Anschluss an das Spitzentreffen teil. Foto: Screenshot

Rechtliche Voraussetzungen fehlen

NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) am Freitag auf Vermittlung der Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer mit dem zuständigen Brücken-Beauftragten von Genua austauschen. In der italienischen Stadt war die Morandi-Brücke eingestürzt und innerhalb von zwei Jahren wiederaufgebaut worden. „Allerdings waren hier die rechtlichen Voraussetzungen anders“, erklärte Elfriede Sauerwein-Braksiek am Montag. Die Region um Genua sei damals zum Notstandsgebiet erklärt worden. „Dafür fehlen in Deutschland allerdings die rechtlichen Voraussetzungen“, räumte sie ein.

Offen ist, wie von Menschen und Unternehmen in der Region finanziell für entstandene Schäden entschädigt werden können. Anders als bei Corona oder der Flutkatastrophe gebe es für die Folgen der Brückensperrung kein Notprogramm, erklärte der Wirtschaftsminister. Etwaige Leistungen könnten im Widerspruch zu EU-Recht stehen. Pinkwart sprach sich für Nothilfen aus, verwies aber auch auf die NRW-Bank, die „schnell und unbürokratisch Kredite oder Bürgschaften“ bereitstellen könne.

„Es geht um das Überleben unserer Stadt“

Bürgermeister Sebastian Wagemeyer beschrieb die Lage drastisch: „Es geht um das Überleben unserer Stadt und der gesamten Region.“ Er berichtete von Erfahrungen aus seinen Sprechstunden. „Da kommen Menschen, die gesundheitlich am Ende sind, weil sie aufgrund des Verkehrslärmes kaum mehr schlafen können. Da kommen Inhaber kleiner Betriebe, die schon jetzt vor den Scherben ihrer Existenz stehen.“ Er werde immer wieder jegliche Art von Unterstützung einfordern. „Auch wenn’s nervt“, betonte der Bürgermeister.

Umleitung über B54 keine Lösung

Unterdessen hat der heimische Landtagsabgeordnete Gordan Dudas (SPdiee geplante Verlagerung des Umleitungsverkehrs scharf kritisiert.Die Verlagerung ins Volmetal sei keine Lösung, glaubt er.

„Der zusätzliche Verkehr, den Lüdenscheid und die umliegenden Städte und Gemeinden seit zwei Monaten ertragen müssen, ist inakzeptabel. Wir brauchen endlich konkrete, tragfähige Lösungen, damit es eine Entlastung für Anwohnerinnen und Anwohner gibt“, fordert der heimische SPD-Landtagsabgeordnete Gordan Dudas. „Das Volmetal und die anliegenden Kommunen sind ohnehin schon durch die Brückensperrung massiv belastet. Die nun von der Landesregierung ins Auge gefasste Ertüchtigung der B54 zur Umleitungsstrecke würde diese Situation nochmals verschärfen. Wichtig ist aber vor allem, dass sämtlicher Verkehr, der nicht Ziel- oder Quellverkehr bei uns ist, ferngehalten und weiträumig umgeleitet wird“, so Dudas.

„Plattgewalzte Vorgärten, massiver Lärm und Vibrationen in den Häusern der Anwohner, zusätzliche Schadstoffemissionen und eine Gefährdung aller weiteren Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer, und das quasi 24/7 durch rund 6.500 Lastkraftwagen, von denen die meisten eben nicht ihr Ziel bei unseren Unternehmen haben, das ist aktuell die Lebensrealität vieler Menschen. Und daher brauchen wir eine funktionierende Entlastung, etwa durch die vorgeschlagene Sperrung für Fern- und Durchfahrtsverkehr. Nur so helfen wir den Menschen, aber auch unseren heimischen Unternehmen, die massive Verluste durch Verzögerungen in den Logistikketten verzeichnen müssen“, zeigt sich Dudas überzeugt.

Daher fordert er Klarheit, was genau das Land im engen Volmetal an der B54 plant, welche Maßnahmen notwendig sind, welche Erwartung das Land hat und welche Auswirkungen dadurch für Anlieger und Kommunen entlang der B54 zu erwarten sind. Mit einer Kleinen Anfrage an die Landesregierung will er genau diese Punkte geklärt wissen.

„Wir sitzen alle im gleichen Boot, der Schutz unseres Zuhauses muss Vorrang haben. Was nicht passieren darf ist, dass mit einer Maßnahme die Probleme nur ein paar Meter verlagert werden. Daher ist es unverzichtbar, dass sämtliche verkehrliche Maßnahmen in Zusammenarbeit und engstem Austausch mit den betroffenen Kommunen abgestimmt werden“, so Gordan Dudas abschließend.

 

 

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