Meta Lievendag sowie Julius und Olga Bachrach erlebten den 24. Dezember 1939 in ihrer neuen Bleibe in Köln. Damit begann für sie die Reise in den Tod. Fotos: Stadtarchiv Plettenberg

Von Martina Wittkopp-Beine, Stadtarchiv Plettenberg

Am frühen Morgen des 23. Dezembers 1939 stiegen Julius Bachrach, Olga Bachrach und Meta Lievendag am Plettenberger Bahnhof in einen Zug mit dem Endziel Köln. Warum es die drei nach Köln zog und es letztlich eine Reise ohne Rückkehr wurde, davon wird im Folgenden berichtet.

Am 24. Dezember 1939 schrieb Olga Bachrach einen Brief an ihre Tochter in die USA: „Mein Liebstes! Das Erste, was ich in unserer neuen Behausung schreibe, ist natürlich an Dich“. Neue Behausung, was war passiert? Julius und Olga Bachrach sowie Meta Lievendag, die zusammen in dem geräumigen Wohn- und Geschäftshaus „Neufeld“ in der Wilhelmstraße gelebt und gearbeitet haben, mussten Plettenberg verlassen.

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Ein harter Abschied

Am 23. Dezember machten sie sich nachts mit viel Gepäck auf den Weg zum Bahnhof und nahmen dort um 5.30 Uhr den ersten Zug nach Köln. „Wir hatten immer noch gezögert“ berichtete sie ihrer Tochter weiter. Aber spätestens, als klar war, dass Hugo und Johanna Neufeld, ihre langjährigen Geschäftspartner und Mitbewohner, bald nach Wuppertal ziehen würden, war bei den Eheleuten Bachrach die Entscheidung gefallen. Allein im Haus wollten man nicht bleiben, „zumal der Nachfolger, ohne uns überhaupt zu kennen, nicht grün ist“. Trotzdem war für Olga Bachrach „der Abschied aus dem Haus hart“. Verständlicherweise, denn es war ein Abschied aus ihrem Elternhaus, aus dem Haus, in dem sie seit 1912 mit ihrem Mann Julius und den Kindern gelebt hatte. Und schließlich war es ein Abschied aus dem Textil- und Bekleidungskaufhaus, das Bachrachs und Neufelds zu einem großem und erfolgreichen Unternehmen gemacht hatten.

Bedauern bei den Bekannten

Bevor es nach Köln ging, gab es noch viel zu tun. Die Nerven waren angespannt, es war eine bedrückende Situation und einiges lief auch schief. „Es war eine traurige Arbeit, das Packen, das Sortieren für die Auswanderung und was wir für Köln noch behalten wollten. Dann hatten wir noch das Pech, dass uns der Mann mit den Auswanderungskisten sozusagen betrogen hat, er hat für viel Geld ganz unbrauchbares Zeugs geliefert … Zu gebrauchen sind sie in dem Zustand nicht.“ Tatkräftige Unterstützung beim Packen gab es von ihren guten jüdischen Bekannten Rosa Hesse und Käthe Heilbronn, die den Wegzug der Bachrachs mehr als bedauerten.

Zum Zeitpunkt des Wegzugs aus Plettenberg stand bereits fest, dass Köln nur eine Zwischenstation sein sollte. Ziel war nach wie vor die Auswanderung aus Deutschland. Diese systematisch zu betreiben, dazu hatte sich Julius Bachrach im Konzentrationslager Sachsenhausen verpflichten müssen, in das er nach der Pogromnacht im November 1938 deportiert worden war.

Es war nicht alles Gold, was glänzte

Die Ankunft in Köln verlief problemlos. Als man am Pauliplatz im Ortsteil Braunsfeld ankam, war der Möbelwagen schon da. Und auch die ersten Eindrücke von der neuen Bleibe waren durchaus positiv. „Das Haus hier liegt an einem ganz ruhigen, man könnte sagen für eine Grossstadt romantischem Plätzchen, welches zur Hälfte eine schöne Gartenanlage hat. An „unserer“ Seite steht ein Denkmal und stehen Bäume. Die Stille empfinde ich wohltuend. Die Wohnung ist wirklich hübsch. Ein grosses Schlafzimmer mit eingebauten Schränken – in den Kleiderschrank kann man sogar hineingehen. Also eine Seite besteht aus hellgestrichenem Holz. Man geht durch die Mitte in das ausgesprochen luxuriöse Badezimmer, welches rundum hoch mit türkisfarbigen Kacheln belegt ist mit weissem Fries. Zwei Waschtische, Klosett, Bidet, sogar eine Waage und eine Höhensonne sind da, und zwar eine grosse Waage mit Laufgewicht, wie man sie in den Drogerien hat“. Es war aber nicht alles Gold, was glänzte.

So berichtete Olga Bachrach weiter: „Aber wie sieht alles aus, das muss erst mal von Grund auf geputzt werden. Die Nickelhähne alle blind, und die Höhensonne wird wohl, wenn man sie gebrauchen will, kostspieliger Reparatur bedürfen, und das wird dann also Essig. Aber sonst ist es wunderschön im Badezimmer“. Lieber wäre es Olga Bachrach aber gewesen, „wenn es weniger schön wäre – unseres zu Hause war mir gut genug – und wir hatten dafür eine Speisekammer, die uns arg fehlt“. Ihre Trauer um das Verlorengegangene in Plettenberg wird hier deutlich spürbar. Trotzdem lautete ihr Fazit: „Aber dennoch wollen wir mehr als zufrieden sein“, zumal die aus Plettenberg mitgenommenen Möbel auch ihren Platz in der neuen Wohnung fanden: „Im Wohnzimmer steht das Speisezimmer mit den 6 Sesseln aus dem Herrenzimmer und der Diele und den Stühlen 4 Stück. Die Eckschränke konnten auch untergebracht werden und Herr Kaiser Bluth [ein Bekannte, MWB] hat sie gestern mit den Büchern eingeräumt, die ich mit nach hier genommen habe. Auch die Palme haben wir mitgenommen, dagegen sind die wenigen Blumen, die wir mitnahmen, fast alle auf dem Transport erfroren. Ich hätte nicht gedacht, dass wir so schnell in Ordnung kommen“.

Nur eine Zwischenstation

Auch Julius Bachrach war mit der neuen Bleibe zufrieden. Er berichtete seiner Tochter: „Mein Liebstes! Jetzt sitzen wir in Köln, haben eine gemütliche kleine Wohnung, das Haus liegt an einem schönen Platz, vor uns steht ein Krieger-Denkmal für die Gefallenen dieses Stadtteils. Zu unserer Wohnung gehört auch ein kleiner Garten und vor unserem Schlafzimmer befindet sich ein geräumiger Balkon. Ich hätte nicht geglaubt, daß wir in einem resp. zwei Tagen schon wieder so gemütlich eingerichtet wären“. Auch er signalisierte der Tochter «Wir sind in Köln angekommen, aber es ist nur eine Zwischenstation». „Wir haben nur die Möbel und Sachen mitgenommen, die wir hier benötigen, die übrigen stehen verpackt noch in Plettenberg und werden dort abgeholt und bei einem Spediteur auf Lager gestellt“. D.h. der nicht benötigte Hausrat wurde bis zur Auswanderung eingelagert, so war der Plan.

Am Kölner Pauliplatz fanden Meta Lievendag sowie Olga und Julius Bachrach eine vorläufige Bleibe. Foto: Stadtarchiv Plettenberg

Ein wenig Zuversicht

Julius und Olga Bachrach sowie Meta Lievendag waren also in Köln angekommen. Der Brief an die Tochter vermittelte etwas Zuversicht. Die neue Bleibe versprach eine lebenswerte Umgebung und die Möglichkeit, endlich mal wieder etwas zur Ruhe zu kommen, was in Plettenberg für Olga Bachrach nicht mehr möglich war: „Ich habe im Ganzen recht nachgelassen, und meine Nerven haben mich in letzter Zeit oft im Stich gelassen. Nun hatten wir gestern und heute [in Köln] und die Tage zuvor soviel Arbeit, dass ich mich etwas vergass, d.h. in dem Sinne das es mit den Nerven etwas besser ging. Aber so lange wir in Plettenberg waren nicht“. Für die Zeit bis zur endgültigen Auswanderung schien also eine probate Lösung gefunden zu sein.

1941 ins „Judenhaus“

Was die Bachrachs und Meta Lievendag zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen und auch noch nicht ahnen konnten war, dass sie rd. 1 ½ Jahre später in Köln erneut umzogen. Vom Pauliplatz mussten sie im Sommer 1941 in ein so genanntes „Judenhaus“ in der Beethovenstraße ziehen. Von dort wurden sie schließlich im Oktober 1941 vom Bahnhof Köln-Deutz ins Ghetto nach Litzmannstadt deportiert. Von dort kehrten sie nie mehr zurück. Julius Bachrach, Olga Bachrach und Meta Lievedag haben den Holocaust nicht überlebt. Der Umzug von Plettenberg nach Köln am 23. Dezember 1939 war nur eine Zwischenstation auf ihrem Weg in den Tod.

 

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