Auf großes Interesse stieß der Infoabend über die Situation von Kitas und OGS des SPD-Ortsvereins Plettenberg im Weidenhof-Bistro. Foto: Florian Ahlers

Plettenberg. (eB) Der junge Mann fiel auf. Nicht nur, weil er der einzige Mann unter vielen Frauen war, sondern auch durch seine Aussage, die das ganze Problem in einem Satz zusammenfasste: „Ich mache den Job, weil ich sehr großen Spaß daran habe. Und nicht, weil er gut bezahlt ist oder er mich finanzieren kann“. Der Mittdreißiger ist Erzieher – und hat noch zwei weitere Jobs, um über die Runden zu kommen. Eine Aussage, die an diesem Abend aufrüttelte.

Denn der SPD-Ortsverein Plettenberg hatte am Dienstagabend (13. November) zum Info-Abend mit Diskussionsrunde eingeladen. Das Thema: Kindertagesstätten, offener Ganztag, der dringend benötigte Ausbau der Kinderbetreuung, Personalaufstockung. Ortsvereinsvorsitzender Dirk Finder brachte es auf den Punkt: „Hier geht es um unsere Zukunft, die Kinderbetreuung betrifft uns alle.“ Entsprechend groß war das Interesse aus der Bevölkerung: Über 40 Besucher kamen ins Bistro des Weidenhof-Kinos, immer wieder wurden weitere Stühle herbeigeschafft.

Von links: Inge Blask, Dirk Finder und Dr. Dennis Maelzer Foto: Florian Ahlers

Zur Diskussionsveranstaltung war die heimische SPD-Landtagsabgeordnete Inge Blask ebenso zu Gast wie Dr. Dennis Maelzer, Mitglied des Landtags und Sprecher der SPD-Landtagsfraktion für die Bereiche Familie, Kinder und Jugend. Er brachte die Einschätzung mit, dass vor allem im Bereich der U3-Betreuung der Bedarf wächst: War man noch vor ein paar Jahren der Meinung, dass 155.000 Plätze im U3-Bereich ausreichen, sind inzwischen in NRW selbst die 200.000 Plätze längst nicht mehr genug, um alle Kinder unterzubringen.

Duale Ausbildung für Erzieherinnen

Sabine Arndt (3. von links) hält eine duale Ausbildung für Erzier/innen für sinnvoll. Foto: Florian Ahlers

Das bringt aber nicht nur für die Politik, sondern vor allem für die handelnden Personen Probleme mit sich: Fachkräftemangel, zu große Gruppen, zu wenig Platz bei gleichzeitig steigenden Anforderungen der Eltern und Bedarf an mehr Raum sind nur ein paar der Herausforderungen. Eine Lösung für das Personalproblem könnte die duale Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher sein. „Ich habe von 1979 bis 1982 meine Ausbildung im dualen System als Modellversuch absolviert“, berichtete Sabine Arndt, Leiterin des Evangelischen Familienzentrums Eiringhausen, aus ihrer Erfahrung. „In der dreijährigen Ausbildung hatte ich immer ein halbes Jahr Schule und ein halbes Jahr Praktikum im Wechsel, das war eine tolle Erfahrung.“ Heute gäbe es für die angehenden Erzieher zwei Jahre Theorie, ein Jahr stünden sie in der Kita – der Lerneffekt hält sich dabei aber in Grenzen, resümierte Sabine Arndt. Über den Modellversuch kam die duale Ausbildung nämlich nie heraus; ein guter Ansatz wäre nun, das Prinzip wieder aufleben zu lassen.

„Es kann nicht sein, dass die Erzieher täglich um ihren Job fürchten müssen!“

Dr. Dennis Maelzer nahm den Spielball auf: „Wir dürfen aber nicht nur zentralisieren und solche Entscheidungen nur dem Bund überlassen. Das muss das Land gemeinsam mit den Kommunen angehen – der Nachholbedarf ist jedenfalls unübersehbar.“ Das sah auch Jürgen Kowalzik so, der sich bei der Diskussionsrunde im Weidenhof-Bistro ebenfalls einbrachte: „Aus meiner Tätigkeit im DRK-Präsidium Olpe weiß ich, dass der Bereich der Kinderbetreuung der einzige Punkt ist, der immer wieder neu erfunden, umgeschmissen oder überarbeitet wird. Und immer wieder wird der sachgrundlosen Befristung zugestimmt. Es kann nicht sein, dass die Erzieher täglich um ihren Job fürchten müssen!“ Dem pflichtete Sabine Arndt als Leiterin eines Familienzentrums aus eigener Praxis umgehend bei: „Diese Flickschusterei im Bereich der frühkindlichen Betreuung muss dringend aufhören und vor allem muss ein gesicherter Personalstandard her.“ Damit sei auch gemeint, dass die Zeit der Befristungen nun ein Ende haben und dass die Bildung Kernkompetenz des Landes werden muss, sagte Sabine Arndt unter kräftigem Applaus des Publikums.

Ganztag als gesetzliche Grundlage nötig

Denn da sind wir wieder beim Beispiel des jungen Erziehers, der den Job mit Leidenschaft ausübt, ihn sich aber eigentlich nicht leisten kann. „Wo sind denn die Männer in dem Beruf und warum gibt es so wenig Erzieher“, warf Sabine Arndt ein. „Es muss eine Planbarkeit her und eine bessere Entlohnung sowieso, auch um die Qualitätsstandards zu erhöhen.“ Der Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Dr. Dennis Maelzer, möchte da in der Oppositionsarbeit im Landtag ansetzen. „Und wir brauchen den Ganztag als gesetzliche Grundlage, um die Kinderbetreuung optimal abzudecken, außerdem müssen die unterschiedlichen Professionen auf Augenhöhe arbeiten!“ Damit sind Lehrer und Erzieher gemeint, die zwar das gemeinsame Ziel – Kinderbetreuung und Bildung – haben, aber nicht miteinander an diesen Aufgaben arbeiten: „Erzieher sind keine Ausfallbürgen dafür, wenn Lehrer keine Zeit haben“, brachte es Maelzer auf den Punkt. „Erzieher sollen auch ins Lehrerzimmer gehen können, das Klassendenken musss aufhören.“

Platzprobleme in Plettenberg

Das Team des Offenen Ganztags Ohle konnte dem bei der Diskussionsveranstaltung nur beipflichten: „Wir kommen stundenmäßig aber leider gar nicht dahin, einen Austausch mit den Lehrern pflegen zu können, den wir aber so dringend brauchen, denn hier verstehen sich Lehrer und Erzieher bestens.“ Das Miteinander sei ebenso wichtig wie das gemeinsame Ziel, mehr Kinder in den Ganztagen betreuen zu können.

Der SPD-Ortsverein brachte dieses Thema auch mit ein. Vorsitzender Dirk Finder: „Wir haben sechs offene Ganztage in Plettenberg mit 320 Kindern und 36 weitere stehen auf der Warteliste. In den 13 Kindergärten unserer Stadt sind über 800 Kinder, Tendenz steigend – wir brauchen also dringend Mittel, um Platzprobleme abzuschaffen.“ Und das solle nicht nach dem Gießkannenprinzip geschehen, so Finder: „Wir dürfen nicht Mittel bereitstellen und an anderer Stelle einsparen. Stattdessen sollten wir uns um die bauliche Substanz der Kitas kümmern und Gelder zweckgebunden einsetzen“.

Aber nicht nur die Verbesserung der Infrastruktur, sondern vor allem auch die Attraktivitätssteigerung des Berufs sind wichtige Ziele. „Die Kommunen stoßen an ihre Grenzen“, resümierte Renate Chowanetz, die drei Jahrzehnte den Evangelischen Kindergarten an der Lehmkuhler Straße leitete. „Wenn wir Bildung für alle wollen, dann müssen wir auch investieren!“ Es müssten Standards her, und zwar für Ausbildung, Löhne, Platzbedarf, Organisation und mehr – „da läuft viel schief“, erläuterte Chowanetz, die das Gelingen der Kinderbetreuung dem unermüdlichen Einsatz und der engagierten Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher zusprach. „Die Erzieher haben Strukturen geschaffen. Aber dass das eine Leistung ist, die Menschen geschafft haben, die alle unterschiedlich bezahlt werden, sieht keiner. Das kann es nicht sein.“

Viele Baustellen

An jeder Ecke seien Hilferufe zu hören, konnte auch Inge Blask als Landtagsabgeordnete mit dem Ohr an Kitas, Kollegien und Kommunen bestätigen. „Wir brauchen Investitionskosten für Kita-Plätze und müssen die frühkindliche Betreuung ausbauen. Unsere Oppositionsarbeit sollten wir uns auch dafür zunutze machen.“ Vor allem, da die Gebührensituation für Eltern nach Orten und nicht wie so oft vermutet nach Einkommen stark schwankt. „Es kann nicht sein, dass so viele Kinder in Plettenberg auf der Warteliste stehen. Da gibt es noch viele Baustellen“, fasste Blask zusammen.

Thomas Junior berichtete aus der Praxis seiner privaten Kitas in Ohle und Köbbinghausen. Foto: Florian Ahlers

Einige davon konnte Thomas Junior ganz konkret aus der täglichen Praxis benennen. Der Plettenberger, der in diesem Jahr nach Ohle seine zweite Kita in der Vier-Täler-Stadt eröffnet und am Standort Köbbinghausen zwei Millionen Euro investiert hat, brachte einige Anregungen mit zur Diskussionsrunde. Zunächst aber bestand Aufklärungsbedarf, da Dr. Dennis Maelzer das Angebot von Junior so noch nicht kannte: Eine Kita in freier Trägerschaft, aber gleichgestellt und mit einem umfangreichen Betreuungsangebot für Kinder – da musste auch der SPD-Landtagssprecher nochmal nachfassen. Junior jedenfalls hat den Plan, im Sinne eines Betriebskindergartens auch Plätze für Kinder von Firmenangehörigen zur Verfügung zu stellen – das packt aber das Kinderbildungsgesetz, kurz Kibiz, nicht, sagt Thomas Junior. Außerdem beschäftige ihn die Frage, weshalb ein Träger zehn Prozent Eigenanteil bringen müsse – „das geht ganz klar zu Lasten der Erzieher, denn dadurch werden die Löhne geschmälert“, ist Junior überzeugt. Dr. Dennis Maelzer teilte diese Einschätzung nicht: „Wir haben die Erwartung an die Träger, dass sie zahlen müssen, da diese ein Eigeninteresse haben, nämlich den Gewinn. So wie die Kirchen möchten, dass die Schäfchen zu ihnen kommen und Werte vermittelt werden, so haben andere Träger außerdem Gewinn-Erwartungen“, fasste es der Sprecher der SPD-Landtagsfraktion zusammen.

Massiver Nachholbedarf in NRW

In der Sache sind sich alle einig: Im Bereich der frühkindlichen Bildung und in der Betreuung der Kinder gibt es massiven Nachholbedarf im Land Nordrhein-Westfalen. „Das sind keine kleinen Stellschrauben, sondern eklatante Baustellen – und die gehen wir an“, resümierte Ortsvereinsvorsitzender Dirk Finder und fasste damit auch die Meinung von Inge Blask und Dr. Dennis Maelzer zusammen, die den Auftrag in Düsseldorf aufnehmen und am Ball bleiben wollen. Damit wichtige Schritte in Richtung Zukunftssicherung unternommen werden. Dass mehr für Kinder geleistet werden muss, ist die klare Richtung für alle.

Quelle: Pressemitteilung des SPD-Ortsvereins Plettenberg

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