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Eine hochinteressante Veranstaltung zum Thema "Digitaler Frühling" bot der SPD-Ortsverband Lüdenscheid vielen Lüdenscheider Bürgern und Bürgerinnen im ScienceLAb der Phänomenta. Fotos: Iris Kannenberg

Lüdenscheid. Am Dienstag, 12. Februar, fand eine interessante Veranstaltung des Lüdenscheider SPD-Stadtverbandes passenderweise im ScienceLab der Phänomenta statt. Martin Murrack, Stadtdirektor der Stadt Duisburg, referierte zum Thema “Smart City – Intelligente Stadt: Was ist das?”. Mit anschließender Diskussionsrunde. Gekommen waren nicht nur Parteigenossen sondern auch viele interessierte Bürger.

Digitalisierung der Öffentlichen Verwaltung

Nur einige Wege, über die die Stadtverwaltungen in naher Zukunft nachdenken müssen.

Martin Murrak wusste anhand bereits einiger in Duisburg umgesetzter Beispiele, viele Anwendungen von Digitalisierung in der Öffentlichen Verwaltung plastisch darzustellen. Ausgehend davon, dass mittlerweile nur noch sechs große Konzerne weltweit sowohl den Internet-Handel, als auch die Kommunikation beherrschen und bereits dazu übergehen, ihr technisches KnowHow auch zur Verwaltung von Städten, Ländern und ganzen Kontinenten anzubieten, schlug Martin Murrak an diesem Dienstag mit seinen Ausführungen einer selbstbestimmten digitalen Öffentlichen Verwaltung Alarm.

Datenschutz via Afrika?

Er malte durchaus realistisch den Anwesenden ein Bild davon aus, wie es wäre, wenn Konzerne, wie Google, Amazon oder Facebook letztendlich ganze Städte durch umfassende Digitalisierung kontrollieren. Also ganz offiziell und unverrückbar den Zugang zu unseren privatesten Daten erhalten würden. Und sie beliebig verwenden könnten. Denn wer kann schon sagen, ob Datenschutz wirklich Datenschutz ist, wenn diese Daten auf Servern in Asien, Südamerika oder Afrika verwaltet werden.

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Eine mögliche Zukunft

Stadtdirektor Martin Murrack referierte anschaulich über seine Erfahrungen mit der Digitalisierung Öffentlicher Verwaltungen.

Ein Horrorszenario, das in Richtung totaler Kontrolle des Einzelnen gehen könnte? Durchaus. Nach Ansicht von Martin Murrak zumindest eine mögliche Zukunft, die wenig erstrebenswert ist. Seine Lösung: Deutschlands Städte sollen selber aktiv werden und eigene Wege der Digitalisierung beschreiten. Dass die Digitalisierung ganz umfassend kommen wird, ist sicher. Ob man als Stadt oder Land die Kontrolle darüber an einen externen Konzern geben muss, nicht.

Digitalisierung “all around”

Die Anwesenden lernten an diesem Abend, was den Bürgern bevorstehen könnte. Digitalisierung “all around”. Künstliche KI`s, die dem Bürger alle notwendigen Fragen beantworten, digitalisierter Straßenverkehr, Transit per App, per Mausklick zur Sterbeurkunde des Großvaters und eine Art “Bürger-Dropbox”, in der jeder Einwohner sein eigenes digitales Fach erhält, in das er seine elektronische Post hineinlegen oder herausnehmen kann.

Fachkräftemangel stetig größer

Auf die Frage, ob das nicht jede Menge Arbeitsplätze kostet, verneinte der Referent. Seiner Meinung nach, würde der Fachkräftemangel stetig größer und den Städten bliebe eigentlich gar nichts anderes übrig, als diese Schritte auch in Hinblick auf ihr Personal zu gehen. Zudem würde durch diese Maßnahmen langfristig wahrscheinlich viel Geld gespart, das jetzt noch durch sogenannte “lange Wege” ausgegeben werden müsste.

Molochartige Entwicklung

Das Interesse war groß.

Bürgermeister Dzewas, Gordan Dudas (Landtagsabgeordneter), Fabian Ferber (Vorsitzender des SPD-Stadtverbandes) und Dobbin Weiß (Kreistagsabgeordneter) waren nur einige prominente SPD´ler, die an diesem Abend mehr oder weniger sorgenvoll auf die derzeitige Entwicklung globaler Netzwerkbetreiber blickten. Ein Moloch, der sich langsam aber sicher auf tausend Wegen in das komplette Leben der Bürger schleicht. Natürlich wäre es nicht gut, wenn am Ende auch die allerprivatesten Daten von Facebook, Google und Co. verwaltete würden. Obwohl wir sie ihnen ja bereits gerne freiwillig und immer öfter zur Verfügung stellen. Sicher zu Recht suchen die Städte und Länder nach Möglichkeiten, dies zumindest in der Öffentlichen Verwaltung zu verhindern.

Kommentarlos abmelden

Bürgermeister Dieter Dzewas (links) war ebenfalls unter den Zuhörern und diskutierte später engagiert mit.

Ob das jedoch ausgerechnet damit verhindert werden kann, dass man den Teufel quasi mit dem Beelzebub austreibt, bleibt abzuwarten. Zumindest im Moment kann man sich bei Facebook, Twitter und Instagram kommentarlos abmelden. Was bereits nach Jahren des Hypes viele wieder tun. Ein Googlekonto ist für manchen gar nicht nötig und bei Amazon muss nun wirklich niemand kaufen, der noch zwei gesunde Beine hat. Man sollte eh lieber den Einzelhandel vor Ort mit seinen Einkäufen unterstützen. Und es gibt immer noch relativ viele besonders ältere und ganz unerschrockene Bürger, die keinen Computer besitzen und mit ihrem Festnetztelefon sehr zufrieden sind.

Umdenken

Es gab viele Fragen zum Thema. Die Diskussionsrunde war gut angenommen und lebendig.

Manche Menschen weigern sich zudem einfach, ein Smartphone zu besitzen. Zusehends auch junge Leute, die wieder auf die alten “Knochen” zurückgreifen. NOKIA hat gerade seinen erneut auf den Markt gebracht. Und das sehr erfolgreich. Gerade die jüngere Generation besinnt sich auf Nachhaltigkeit, Umweltschutz und eine Art von Lebensqualität, die wenig mit dem zu tun hat, was man dem Bürger gerne als “Mainstream” verkaufen will. Viele junge Menschen möchten nicht mal mehr ein Auto. Und auch nicht mehr dreimal im Jahr in die Karibik fliegen. Sie gehen lieber wandern. Eine Entwicklung gerade in der Generation “Z”, die dem Planeten sicher richtig gut tun würde. Wenn denn daraus eine weltweite Bewegung würde.

Vernetzung um jeden Preis?

Nicht nur für Städte ein aktuelles Thema: Für Gordan Dudas als Landtagsabgeordnetem stellt sich die Frage: Wie gehen die Länder letztendlich mit der Digitalisierung um?

Statt dessen geraten die Städte gerade in Panik und befürchten, das digitale Zeitalter zu verschlafen. Wenn Wirklichkeit wird, was Martin Murrak vor den Zuhörern prognostizierte, dann ist es in spätestens zehn Jahren nicht mehr möglich, kein Smartphone zu besitzen. Einfach, weil dann quasi gar nichts mehr ohne geht. Eine Dropbox für die Verwaltung, zum Einkaufen, für den Arbeitsplatz und den Vermieter.

Klar, wir sind spätestens dann alle schön vernetzt. Aber was ist, wenn man das gar nicht will? Wenn man einfach das sein möchte, was Menschen nun einmal sind. Individuen mit einem Recht auf Selbstbestimmung. Und dem Recht, auch mal alleine zu sein. Also: Was ist, wenn man nicht vernetzt sein möchte? Was dann?

Wie leisten wir Widerstand …

Und wenn wir dann alle vernetzt sind und vielleicht über Nacht das Regime wechselt. Wie 1933 geschehen. Von der Demokratie zur Diktatur. So etwas kann sehr schnell gehen. Wohin flüchten wir dann? Wie leisten wir Widerstand? Unsere Daten sind mit einem Klick abrufbar. Vielleicht steht der unbemannte Gefangenentransporter mit der KI am Steuer dann schneller vor unseren Wohnungen, als wir “hätten wir doch nicht” sagen können. Metropolis lässt grüßen …

Eine gute Veranstaltung

Zum Abschluss gab es noch ein Geschenk für den Referenten: Fabian Ferber überreichte Martin Murrack den roten Phänomenta-Beutel, in dem sich viele interessante Gimmicks verstecken.

Eine gute Veranstaltung, die die SPD angestoßen hat. Gut, um darüber nachzudenken, was noch aufzuhalten ist, was man menschlicher gestalten könnte und was man unbedingt verhindern sollte. Denn sie ist da, die Digitalisierung. Weltweit. Mit allen Freuden und mit den unendlichen Risiken.

Wir stehen an einem Scheideweg: Bleiben wir Menschen? Bleiben wir Individuen? Oder gehen wir mit offenen Augen in eine Zukunft, die gespenstischer nicht sein könnte. Besser, jetzt darüber nachzudenken und sich umfassend damit auseinanderzusetzen. Daher: Ein wertvoller, hochinteressanter Abend, den man dringend wiederholen sollte, zu einem Thema, das uns alle angeht und bei dem man sich fragt, warum das nicht längst in aller Öffentlichkeit und mit großem Nachdruck von allen Fraktionen des Landes diskutiert wird.

Digitale Knöllchen

Ganz egal, ob Google uns demnächst unsere digitalen “Knöllchen” zustellt oder den Verkehr regelt oder ob das die Stadtverwaltung per App übernimmt. Wer nicht in George Orwells “1984” aufwachen will, um erst dann festzustellen, dass alles noch viel schlimmer kam, als in dem Buch vorhergesagt, der ist jetzt gefragt, sich an dieser Diskussion um unsere Zukunft aktiv zu beteiligen. Morgen könnte es tatsächlich und leider bereits zu spät dafür sein. Dann sind wir vernetzt. Unwiderruflich …

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