Das Ehepaar Johanna und Hugo Neufeld wurde zum Opfer des Holocaust. Foto: Stadtarchiv Plettenberg

Von Martina WittkoppBeine, Stadtarchiv Plettenberg

Plettenberg. Alljährlich gedenken wir in Deutschland am 27. Januar aller Opfer des Nationalsozialismus. Auch in Plettenberg erinnern wir an unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Opfer des nationalsozialistischen Terrors und schließlich der staatlich organisierten Vernichtung wurden. Zu den Opfern gehörten auch der Kaufmann Hugo Neufeld und seine Ehefrau Johanna.

Hugo Neufeld kam am 3. September 1884 in Plettenberg zur Welt. Seine Eltern waren Nathan Neufeld und seine Ehefrau Rosa. Neufelds hatten fünf Kinder, zwei von ihnen starben jedoch schon im Säuglingsalter. Hugo war der älteste. Er wuchs mit seinem jüngeren Bruder Siegfried und seiner jüngeren Schwester Olga auf. Hugo Neufelds Vater war Kaufmann. Anfang der 1880er Jahre zog er von Fröndenberg ins Sauerland und ließ sich in Plettenberg nieder.

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Das Textilgeschaft Nathan Neufeld

Zunächst arbeitete Nathan Neufeld als Händler im Umherziehen. Dies bedeutete, dass er, zunächst mit einem Koffer ausgestattet, später dann mit Pferd und Wagen über Land zog, um seine Waren zu verkaufen. Irgendwann war mit dieser Form des Warenverkaufs aber Schluss. Nathan Neufeld kaufte sich in der Wilhelmstraße ein Haus. Darin eröffnete im Erdgeschoss das Textilwarengeschäft „Nathan Neufeld“. Die Familie zog ins Stockwerk darüber. Mit dem Geschäfts und Wohnhaus hatte
Hugo Neufelds Vater für seine Familie eine solide bürgerliche Existenz geschaffen.

Hugo Neufeld wuchs also in der Plettenberger Innenstadt auf. Er ging dort zur Schule und besuchte sie bis zum Einjährigen. Dies entspricht in etwa einem heutigen Realschulabschluss. Nach dem Schulabschluss war Hugo Neufelds beruflicher Werdegang quasi schon vorgezeichnet. Eine Ausbildung zum Kaufmann stand an. Sein Traumberuf war es aber vermutlich nicht. Hugo Neufeld war literarisch sehr interessiert und hätte möglicherweise gerne einen
ganz anderen Beruf erlernt. Seine Cousine Marianne sprach später davon, dass Hugo wohl gerne Lehrer geworden wäre. Aber dieser berufliche Lebensweg waren jüdischen Menschen im Kaiserreich und in der Weimarer Republik weitgehend verwehrt.

Einstieg ins Geschäft der Eltern

In seiner Anfangszeit als Kaufmann reiste Hugo wie sein Vater über Land und verkaufte auf diesem Wege seine Waren. Als sein Vater, der das Kaufhaus Neufeld führte, 1909 im Alter von 50 Jahren starb, übernahm Hugo Neufeld gemeinsam mit seiner jüngeren Schwester Olga das elterliche Geschäft. Drei Jahre führte das Geschwisterpaar erfolgreich das Kaufhaus. 1912 heiratete Olga Neufeld den aus Ostwestfalen stammenden Kaufmann Julius Bachrach. Dieser stieg mit in die Geschäftsführung des Kaufhauses Neufeld ein. Fortan leite-
te also Hugo Neufeld gemeinsam mit seinem Schwager das Geschäft. Die neue Geschäftsführung ging tatkräftig ans Werk. So wurde 1913/14 das Geschäft erweitert und in der zwei-
ten Etage des Hauses neuer Wohnraum r Hugo Neufelds Schwester und Schwager geschaffen.

Mit dem EK 1 ausgezeichnet

1914 änderte sich das Leben von Hugo Neufeld grundlegend. In diesem Jahr begann im Sommer der Erste Weltkrieg. Hugo Neufeld und sein Schwager Julius Bachrach wurden zum
Militär eingezogen. Hugo Neufeld kämpfte an der Front und wurde mit dem EK 1 ausgezeichnet. Nach Kriegsende kehrte er nach Plettenberg zurück.

Anfang der 1920er Jahre lernte Hugo Neufeld seine zukünftige Frau kennen. Johanna Sachs, 16 Jahre jünger als Hugo Neufeld, stammte aus Limburg. 1922 heiratete das Paar und bezog die Wohnung, die direkt über den Geschäftsräumen lag. Fortan arbeitete Johanna Neufeld ebenfalls im Geschäft mit.

Zwei Kinder als Herausforderung

An das Kleinstadtleben in Plettenberg musste sich Johanna Neufeld, sie, die eher großstädtisch erzogen worden war, gewöhnen. Und so ganz ließ Limburg sie nicht los. Der Kontakt zur Familie, die dort lebte, wurde weiterhin gepflegt. Öfter kam Johannas Mutter auch zu Besuch nach Plettenberg.

Ein Jahr nach der Heirat wurde Sohn Wolfgang geboren und 1925 kam Tochter Dorit zur Welt. Zwei kleine Kinder, das bedeutete für das Elternpaar ganz neue Herausforderungen. Doch trotz der Kinder und mit der Unterstützung einer Hausgehilfin arbeitete Johanna Neufeld weiterhin im Geschäft mit. Sie leitete die Abteilung für Lederwaren, wozu u.a. elegante Handtaschen, Aktenmappen, Koffer, Gürtel gehörten. Zu ihrer Arbeit gehörten auch Besuche von Fachausstellungen. Mehrmals im Jahr reiste sie entsprechenden Ausstellungen, um dort Waren für ihre Abteilung einzukaufen.

Hugo und Johanna Neufeld waren sehr kinderlieb und großzügig. Eine Freundin von Dorit Neufeld erinnerte sich Jahrzehnte später noch gerne an Versteckspiele im Keller des Geschäfts, an das Einüben von Laientheaterstücken, die anschließend vor Hugo und Johanna Neufeld aufgeführt wurden, an die Handarbeitsabteilung im Geschäft Neufeld, aus der die Kinder Deckchen und Garn holen durften, um Weihnachtsgeschenke für die Mütter anzufertigen und schließlich an ihre erste Armbanduhr, die ihr die Neufelds anlässlich einer Erkrankung zu Weihnachten schenkten.

Erfolgreiche Jahre

Die 1930er Jahre begannen für den Kaufmann Hugo Neufeld durchaus sehr erfolgreich. Das Kaufhaus Neufeld mit seinem Fachpersonal hatte sich über die Jahre zu einem bedeutenden
Geschäft in Plettenberg entwickelt. Ein sichtbares Ergebnis dieser Entwicklung war das 1931 neu errichtete Geschäft in der Grünestraße.

1933: das Jahr der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Für Hugo und Johanna Neufeld war dies einer der tiefgreifendsten Einschnitte in ihr Leben. Adolf Hitler war für Hugo Neufeld kein Unbekannter. Er hatte Hitlers „Mein Kampf“ gelesen. Und auch in der Familie wurden Hitlers Machtübernahme und die politische Entwicklung verstärkt erörtert. Zunächst glaubten sie noch, Hitler und seine Bewegung wäre eine Übergangserscheinung. Zudem war Hugo Neufeld davon überzeugt, dass er als ehemaliger (jüdi-
scher) Frontsoldat und Träger des Eisernen Kreuzes von den antijüdischen Maßnahmen des HitlerRegimes ausgenommen würde.

Großzügige Spende für das Freibad

Diese Annahmen jedoch waren ein Trugschluss, wie der Boykott der jüdischen Geschäfte am 1. April 1933 und die antijüdischen Gesetze und Maßnahmen der folgenden Jahre zeigten. Dennoch: Das Leben der Neufelds ging in den Jahren nach der Machtergreifung zunächst noch ganz „normal“ weiter. Die beiden Kinder besuchten die Schule in Plettenberg. Die Firma Neufeld betätigte sich als Sponsor für den Bau des Plettenberger Freibades und spendete einen hohen Geldbetrag.

Sohn Wolfgang Neufeld emigrierte ins damalige Palästina. Foto: Stadtarchiv Plettenberg

Ab Mitte der 1930er Jahre wurde die politische Situation in Deutschland zunehmend als bedrohlich empfunden. Veränderungen wurden immer deutlicher spürbar. Die Neufelds zogen erste konkrete Konsequenzen daraus. Das Wohl und die Sicherheit ihrer Kinder standen dabei im Vordergrund. Sohn Wolfgang wurde auf eine jüdische Privatschule in Coburg geschickt. Ende 1935 verließ er Plettenberg und besuchte ab 1936 die neue Schule. Und auch die Tochter Dorit wechselte die Schule und verließ Plettenberg. Sie besuchte zunächst eine
Schule in Düsseldorf und anschließend die Jawneschule in Köln, das erste und einzige jüdische Gymnasium im Rheinland. Ein Schulwechsel genügte aber auf Dauer nicht, um die Kinder zu schützen. Hugo und Johanna Neufeld fassten die Auswanderung ihrer Kinder verstärkt ins Auge. 1938 verließ Sohn Wolfgang Neufeld das Land und emigrierte ins das damalige Palästina. Tochter Dorit verließ Anfang 1939 Deutschland in Richtung England.

Kein Platz mehr in Deutschland

Der Novemberpogrom 1938, die Inhaftierung sowie die physische und psychische Erniedrigung von Hugo Neufeld im Konzentrationslager Sachsenhausen machten ihm und seiner
Frau eins noch einmal ganz deutlich: „Für sie war kein Platz mehr in Deutschland.“

Hugo Neufeld wurde am 2. 12.1938 aus dem Konzentrationslager mit der Maßgabe entlassen, sich unverzüglich um die Auswanderung seiner Familie zu kümmern. Den Kindern war
die Auswanderung gelungen, Hugo und Johanna Neufeld jedoch gelang dies nicht mehr. Nach dem zwangsweisen Verkauf ihres Geschäftes zogen sie 1940 von Plettenberg nach Wuppertal. Dort hatten die Eltern der ehemaligen Geschäftsangestellten Ruth Ursell aus Attendorn eine Art Pension mit Mittagstisch aufgemacht.

1941 ins Minsker Getto

Im November 1941 ist das Leben von Hugo und Johanna Neufeld in Wuppertal und letztlich auch in Deutschland zu Ende. Unter dem Vorwand der Evakuierung wurden Neufelds mit rund 260 anderen jüdischen Menschen aus Wuppertal, Remscheid, Velbert und Hattingen nach Düsseldorf gebracht. Von dort erfolgte am 10. November 1941 ihre Deportation ins Getto nach Minsk. Knapp zehn Tage vor der Deportation schrieb Hugo Neufeld noch einen letzten Brief an seine Nichte Marianne Bachrach. Ihr war Anfang 1939 die Emigration in die USA gelungen. In diesem Brief wurde eins noch einmal ganz deutlich: Für ihn und seine Frau standen nicht ihr weiteres Schicksal im Vordergrund, sondern einzig und allein das weitere Schicksal und die Zukunft der Kinder.

Die letzten Worte des Vaters

Tochter Dorit verließ Deutschland Anfang 1939 in Richtung England. Foto: Stadtarchiv Plettenberg

So schrieb er: Die Sorge um … Dein Schicksal und das Schicksal unserer lieben Kinder ist übermächtig. In seinem Brief bat er schließlich seine Nichte, seinen Kindern Wolfgang und Dorit noch etwas auszurichten: Bestelle die innigsten Grüsse und Küsse dem lieben Doritlein, dem guten prächtigen Wolfgang, sie möchten einer für des andern Schicksal in der Zukunft immer besorgt sein & ihr edles, nimmermüdes, herzigstes Mütterlein nie, nie vergessen! Sie mögen immer darauf bedacht sein, als ehrbare, angesehene Menschen in der Welt, wo sie auch immer seien, dazustehen. Es waren vermutlich die letzten Worte, die Hugo Neufeld an seine Kinder richtete.

Wie sind diese Worte von Hugo Neufeld zu bewerten? Der Holocaust vernichtete jüdisches Leben radikal und nachhaltig. Eine Chance zur Auswanderung wurde seit 1939 immer
schwieriger und war faktisch danach unmöglich. In diese Phase um sich greifender Hoffnungs und Perspektivlosigkeit hatten Menschen wie Hugo und Johanna Neufeld die materielle Erniedrigung zu schultern und schließlich auch ihre psychische Entleerung auf sich zu nehmen. Ihre Angst vor dem eigenen Tod kompensierten sie mit dem Wunsch nach einer sicheren und lebenswerten Zukunft für ihre Kinder Dorit und Wolfgang.

Die Spuren verlieren sich

Der Deportationszug erreichte das Getto Minsk am 15. November. Seit diesem Tag verlieren sich die Spuren von Hugo und Johanna Neufeld endgültig. Wir wissen nicht, wie lange sie noch im Getto in Minsk gelebt haben. Wir wissen auch nicht, ob sie im Getto gestorben oder später in einem Vernichtungslager ermordet worden sind. Hugo und Johanna Neufeld wurden Opfer des Holocaust. Hugo Neufeld war 57 Jahre alt als sich seine Spur verliert. Seine Frau Johanna war 41. Den Holocaust überlebt haben die Kinder von Hugo und Johanna Neufeld. Ihre Eltern hatten dafür gesorgt, dass beide noch rechtzeitig Deutschland verließen.

Gedenkstunde auf dem jüdischen Friedhof

Am Holocaust-Gedenktag 27. Januar hat die Stadt Plettenberg Rahmen einer Gedenkstunde auf dem jüdischen Friedhof an der Freiligrathstraße an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert.

Nach der Ansprache von Bürgermeister wurde an der Gedenkstelle der Opfer des Nationalsozialismus gedacht und ein Blumenbouquet niedergelegt. Später ging es vom Friedhof aus in die Innenstadt. Dort stellten Schülerinnen und Schüler des
Albert-Schweitzer-Gymnasiums an den Verlegestellen der Stolpersteine die Biografien der Menschen vor, an die die Stolpersteine erinnern. Hier die Ansprache von Bürgermeister Schulte im Wortlaut: Gedenktag 2022

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