Die Lage ist paradox: Genau in jener Phase, in der sich die Ausbreitung des Virus wieder beschleunigt, intensivieren wir die Diskussion um die Lockerung der Restriktionen zur Ein-dämmung der Pandemie. Doch die Diskussion um Lockerungen führt – derzeit – in die falsche Richtung. Denn die dritte Welle der Pandemie hat bereits begonnen.

Das legen auch die Zahlen bei uns im Märkischen Kreis nahe. In den Märkischen Kliniken behandelten wir um den Jahreswechsel 2020/21 in der Spitze über 70 Covid-Patienten täg-lich. Durch soziale Enthaltsamkeit, also den schärferen Lockdown, sank deren Zahl bis An-fang/Mitte Februar auf unter 30. Nun steigen die Zahlen wieder, zunächst schleichend. In der letzten Woche haben wir täglich mehr als 30 COVID-positive Patienten behandelt, in dieser Woche zeitweise schon wieder 40. Indes wird sich die Ausbreitung des Virus erheblich be-schleunigen, denn eine ansteckendere Variante – die britische Mutante – breitet sich aus. 17 der 40 Patienten waren zu Wochenbeginn an der britischen Mutante erkrankt. Bald wir diese ansteckendere Form die vorherrschende sein.

Statt Öffnung und Sorgenfreiheit im beginnenden Frühling sind Innehalten, sind Umsicht und ein Vortasten in kleinen Schritten angesagt. Zwar befürwortet die Mehrheit der Bevölkerung noch immer die Restriktionen, trägt Masken und hält Abstand. Aber das Vertrauen in die Poli-tik schwindet.

Trotz des langen Lockdowns sinken die Fallzahlen nicht mehr und die Impfkampagne, in die wir im Herbst mit dem Aufbau der Impfzentren so hoffnungsvoll und dynamisch gestartet waren, begann Wochen später als geplant, kam nur schleppend in Gang, hat nicht an Fahrt gewonnen, wurde von politischen Schuldzuweisungen überschattet und kommt – in der öf-fentlichen Wahrnehmung – nunmehr zum Erliegen. Der wirksame, schützende und in ande-ren Ländern mit großem Erfolg applizierte Impfstoff von AstraZeneca bleibt in Deutschland scheinbar liegen. Politisches Handeln wird als widersprüchlich wahrgenommen. Ministerprä-sidenten einigen sich mit der Kanzlerin auf eine einheitliche Linie, um sie weniger Tage später zu durchbrechen oder ganz in Frage zu stellen. Der Bundesgesundheitsminister verspricht Schnelltests von Anfang März an und wird von der Kanzlerin – aus derselben – Partei zurück-beordert. Die Politik erzeugt ein Bild von Planlosigkeit, von Aktionismus statt souveränem Handeln. Die Zustimmung zu staatlichen Maßnahmen sinkt und der politische Druck steigt, Lockerungen umzusetzen, weil die Perspektive fehlt.

Was ist unser Ziel? Leben und Lebensjahre zu retten, Gesundheit zu schützen und unsere Grundrechte zu wahren. Freiheit ist kein Privileg, sondern ein Grundrecht. Die Einschränkung der Freiheit bedarf einer guten Begründung, die Rücknahme der Einschränkungen aber auch.

Unter dem Schutz von Leben, Lebensjahren und Gesundheit wollen wir alle zu einem unbe-schränkten Leben mit allen Grundrechten zurückkehren. Wir wollen uns wieder frei bewegen, unseren Beruf ausüben, unseren Lebensunterhalt und unserer Verantwortung als Arbeitgeber wahrnehmen dürfen. Doch daran hindert uns ein tödliches Virus, das mutiert. Das ist die un-abänderliche Wirklichkeit. Diese müssen wir akzeptieren und dann kommunizieren:

  1. Das Virus ist nicht wegzureden.
  2. Wir müssen bereit sein, im Umgang mit der Pandemie jeden Tag hinzuzulernen. Was einmal gut gemeint und gut gedacht war, kann sich als Hindernis erweisen.
  3. Erfolg gründet auf Vertrauen. Vertrauen müssen wir uns erarbeiten durch Transpa-renz und Ehrlichkeit. Indem wir erklären, was wir tun, was möglich und was nicht möglich ist, und indem wir nicht mehr versprechen, als wir halten können.

Mit Hilfe einer transparenten, intensiven Kommunikation muss auch die Politik erklären, wa-rum wir da stehen, wo wir stehen. Wir müssen akzeptieren und kommunizieren, dass eine dritte Welle beginnt und wir nur in kleinsten Schritten unter kalkuliertem Risiko die Restriktio-nen lockern können.

Wir müssen akzeptieren und kommunizieren, dass nur über die Impfung eine – ethisch ver-tretbare – breite Immunisierung der Bevölkerung zu erreichen und unsere Lage zu verbessern sein wird.

Darum müssen wir unsere Anstrengungen auf eine möglichst effiziente und effektive Umset-zung der Impfkampagne konzentrieren. Wir müssen so schnell wie irgend möglich so viel wie irgend möglich impfen. Wenn sich die einmal getroffene Festlegung der Prioritätengruppen auf diesem Weg als Hindernis erweist, müssen wir diese aufheben.

Es ist ethisch nachvollziehbar, zunächst die verletzlichsten Gruppen der Bevölkerung zu imp-fen. Aber ist es ethisch vertretbar, dass Leben rettender Impfstoff ungenutzt bleibt, um die millionenfach gelieferten Dosen nach einem starren Schema zu vergeben, das nicht aufrecht zu erhalten ist? Ist es ethisch vertretbar, um der Einhaltung einer einmal erstellten Ordnung wegen, die von der Wirklichkeit überholt wird, Millionen Menschen vom rettenden Ufer fern zu halten?

Denn jede Impfung hilft uns allen! Allein die Impfung kann uns allen – unter dem Schutz von Leben, Lebensjahren und Gesundheit – die Rückkehr in die Freiheit öffnen. Ab einem be-stimmten Zeitpunkt, wenn genügend Menschen, die geimpft sein wollen, schließlich geimpft sein werden, erlaubt die Impfung auch individuell die Rückkehr in die unbeschränkte Freiheit. Das ist die Perspektive.

Bis es so weit ist, müssen wir erklären, was wir tun und es mit Evidenz unterlegen. Wir müs-sen erklären, wenn wir etwas anders und damit hoffentlich besser machen als bisher. Wir müssen zeigen, dass wir nicht aus Ratlosigkeit handeln, die in Aktionismus mündet, sondern aus begründeter Überzeugung auf der Basis von Erkenntnissen. Dazu gehört die breite Kommunikation des aktuellen Stands der Impfdosenbestellung und Lieferung, ein offenes Rechenmodell, wie die Impfung planerisch ablaufen soll. Erklären wir, was geht und was nicht geht. Zeigen wir, dass wir alle unser Bestes geben, um unser aller Ziel zur erreichen: Die Rückkehr zur Freiheit durch die Überwindung der Seuche mit Hilfe der schnellen, umfassen-den Impfung.

Über Dr. Thorsten Kehe

Dr. Thorsten Kehe ist Vorsitzender der Geschäftsleitung der Märkischen Kliniken. Foto: Märkische Kliniken

Dr. Thorsten Kehe war viele Jahre als leitender Arzt und Medizinischer Direktor tätig, bevor er 2014 zum Medizinischen Geschäftsführer und dann zum Vorsitzenden der Geschäftsführung der Märkische Klini-ken GmbH berufen wurde. Seit 2017 ist er zudem noch Vorsitzender der Märkische Gesundheitsholding GmbH & Co. KG. Im Impf-Update berichtet er über seine Erfahrungen und Überlegungen aus dem Kli-nikalltag mit dem Coronavirus.

 

 


Dieser Beitrag erscheint in Kooperation mit den Märkischen Kliniken und ist Teil der Serie “Gesundheit Aktuell”.

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