1. „Was kennzeichnet die gegenwärtige Lage – im subjektiven Empfinden?

TK: Im gegenwärtigen Verlauf der Pandemie empfinden viele von uns die Lage vermutlich als ungewiss. Es fehlt eine klare Perspektive. Das beginnt mit den Zahlen zur Entwicklung der Pandemie, die nach den Feiertagen das wahre Bild nicht anzeigen, weil über Ostern weniger getestet wurde und die Gesundheitsämter die Daten nur mit Verzögerung an das Robert Koch-Institut weiterleiten. Aktuell fehlen uns klare Signale, wie es mit den Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie weitergeht. Wir wissen nicht, wann ein nächster Lockdown folgt. Wir wissen nicht, ob und wann die Schulen öffnen, indes die Regeln für uns als Bürger – etwa beim Einkaufen – zahlreich und komplex sind. Sie erscheinen uns im Alltag vielfach unüberschaubar, insbesondere wenn Wohn- und Arbeitsort in jeweils einem anderen Landkreis oder in einem anderen Bundesland liegen.

2. Was kennzeichnet die gegenwärtige Lage – beschrieben in objektiven Fakten?

TK: Die Faktenlage ist allerdings gar nicht so unklar, wie sie erscheinen mag. Die Gefahr ist noch nicht vorüber. Die dritte Welle geht weiter. Die Menschen mögen in die Osterpause gegangen sein, das Virus aber nimmt keinen Urlaub. Das Virus in der ansteckenderen Variante wird sich weiter ausbreiten, und auch wird das Virus weiterhin mutieren.

Die Mehrheit der Deutschen setzt auf Vorsicht und Achtsamkeit als Strategie. Nur eine Minderheit von 25 Prozent der befragten Wahlberechtigten empfand die Restriktionen im März nach einer Umfrage von Infratest dimap als zu weitgehend. 38 Prozent empfanden sie als angemessen und 32 Prozent empfanden sie als nicht weitgehend genug. Im Februar hatten nur 24 Prozent härtere Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie gefordert.

Die Impfungen kommen voran, wenn auch nicht so schnell wie in Großbritannien, wo bisher etwa 38 Millionen Dosen verabreicht wurden. In Deutschland sind 16 Millionen Menschen ein oder zwei Mal geimpft. Mit der Freigabe des Impfstoffs von AstraZeneca für die Menschen ab 60 Jahre in NRW hat es in diesen Tagen in dieser Altersgruppe den ersehnten, spürbaren Ruck gegeben. Etwa 20 Millionen Menschen, so viel wie in Großbritannien Anfang März, könnten geimpft sein, wenn wir nicht aus Vorsicht so viele Impfdosen für die zweite Vakzinierung zurückhielten. Auch wird es wieder Rückschläge beim Impfen geben, weil vielleicht eine Zulieferung eines Impfstoffs ausfallen oder eine mögliche Nebenwirkung eines anderen Impfstoffs erst noch entdeckt werden wird. Aber die Richtung stimmt.

Es ist gut, dass wir nicht nur auf einen Impfstoff setzen – wie jenen von AstraZeneca, dessen Einsatzstrategie aufgrund der Diskussionen über die Nebenwirkungen wiederholt verändert worden ist.

Es wird uns nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ voranbringen, wenn die Hausärzte von nun an mitimpfen, denn sie kennen ihre Patienten. Die Hausärzte können besonders stark gefährdete Patienten priorisiert impfen, und damit einen entscheidenden Beitrag leisten, um schwere Verläufe und eine Überlastung der Intensivmedizin zu vermeiden. Diese Erfolge des Impfens durch Hausärzte werden wir wahrscheinlich gar nicht sehen, stattdessen aber die Klage vernehmen, dass es auch bei den Hausärzten zu Beginn hier und da beim Impfen haken wird – vor allem, weil es die Dosen erst in geringer Zahl gibt.

3. Wie finde ich den richtigen Weg durch die Krise?

TK: Es ist nicht leicht, in dieser Phase, in der vieles so unklar und ungewiss erscheint, seinen Weg durch die Krise zu finden, aber es kann gelingen, indem wir uns entlang der Fakten navigieren. Zu den Fakten zählen nicht nur Misserfolge und Rückschläge. Die schlechten Nachrichten, die verunsichern, dringen allerdings schriller ins Bewusstsein als die trockenen Fakten, deren Botschaft wir uns häufig erst erarbeiten müssen.

In Anbetracht einer drohenden Infektion ist für alle, die noch nicht immunisiert sind, weiterhin größte Vorsicht angezeigt: Vermeiden Sie Nähe und Kontakte. Tragen Sie einen guten Mund-Nase-Schutz. Waschen Sie sich die Hände.

Nehmen wir alle Fakten wahr. Deutschland ist bisher besser als viele andere Länder durch
die Pandemie gekommen, weil die Mehrheit der Bevölkerung Vernunft hat walten lassen.
Dennoch werden bald an und mit Covid-19 in Deutschland 80.000 Menschen gestorben sein, aber wir haben – im Vergleich zu anderen Ländern – durch unser aller Verhalten auch tausende von Todesfällen vermieden. Nach wie vor hat kein Land der Erde so viele Intensivplätze in so vielen Krankenhäusern gemessen an der Einwohnerzahl wie Deutschland. Erkennen wir an, dass die Zahl der Geimpften seit Jahresbeginn wächst. Jeden Tag, zunächst nur langsam und kaum merklich, aber dann immer schneller und in der Summe immer beeindruckender.

Machen wir uns das Prognose-Paradoxon bewusst: Im Angesicht einer Prognose, die
Schlimmes erwarten lässt, ändern wir unser Verhalten und wenden das Schlimmste ab. Der Erfolg besteht darin, dass wir zwar unter Restriktionen leben, aber das Schlimmste und schier Unvorstellbare eben nicht erleben müssen. Dass es auch anders geht, haben uns andere vorgemacht. Noch an Weihnachten standen die Krankenwagen in England vor den Krankenhäusern Schlange, weil keiner den Rettungsfahrern die schwer erkrankten Menschen so schnell abgenommen hat.

Ziehen wir die Schlüsse daraus für das Leben im Alltag als Einzelperson und als Familie. Bis auf Weiteres bleibt viel Ungewissheit. Wenn wir überhaupt Urlaub buchen wollen für dieses Jahr, dann nur mit perfekter Stornierungsfunktion. Stellen wir uns darauf ein, dass es noch eine Weile bei Distanz- und Wechselunterricht bleiben, und dass das Homeoffice für einige Menschen der bessere Arbeitsplatz sein wird.

Das Bild von der Brücke, über die wir gehen müssen, bis wir sicheres Terrain erreicht haben werden, ist treffend. Für jeden ist der Weg dorthin jedoch unterschiedlich weit. Viele Großeltern sehen heute schon klarer. Bis deren Enkel aber Schutz und Klarheit dank einer Impfung haben werden, wird es noch länger dauern. Das ist die Wirklichkeit und die ist unabänderlich.

Über Dr. Thorsten Kehe

Dr. Thorsten Kehe ist Vorsitzender der Geschäftsleitung der Märkischen Kliniken. Foto: Märkische Kliniken

Dr. Thorsten Kehe war viele Jahre als leitender Arzt und Medizinischer Direktor tätig,
bevor er 2014 zum Medizinischen Geschäftsführer und dann zum Vorsitzenden der
Geschäftsführung der Märkische Kliniken GmbH mit Sitz in Lüdenscheid berufen
wurde. Seit 2017 ist er zudem noch Vorsitzender der Märkische Gesundheitsholding
GmbH & Co. KG. Im Impf-Update berichtet er über seine Erfahrungen und Überlegungen aus dem Klinikalltag mit dem Coronavirus.

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