Hat sich die Prognose der DIVI, der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, eines starken Anstiegs der Corona-Fallzahlen erfüllt?

TK: Die Prognosen der DIVI sind eingetreten. Die Wirklichkeit scheint die schlimmen Erwartungen, die die DIVI schon vor mehr als einem Monat geäußert hatte, sogar zu übertreffen. Die Zahl der Patienten, die in Deutschland wegen Covid-19 intensivmedizinisch behandelt wird, war vom Gipfel am 3. Januar mit 5.745 bis zum 1. März mit 2.747 auf den niedrigsten Wert in diesem Jahr gesunken. Das war ein Erfolg der Kontaktbeschränkungen, die ab Mitte Dezember galten. Die Einschränkungen wirken stets zeitversetzt. Am 15. April waren es schon wieder 4.679 Patienten.

Seit sechs Wochen also weist die Kurve steil nach oben, und es deutet sich keine Wendung an. Die Vorhersagen der DIVI, deren Prognosemodell sich bisher als sehr zuverlässig erwiesen hat, werden jetzt schon übertroffen. Mitte März hatte die DIVI für Anfang Mai 4.000 bis 5.000 Covid-Patienten auf Intensivplätzen vorhergesagt, wenn bei einer Inzidenz von 150 je 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen konsequent ein Lockdown verhängt würde. Diese Zahl ist schon jetzt, Mitte April, erreicht. Sollte der Lockdown erst bei einer Inzidenz von 300 beginnen, wäre mit 7.000 bis nahezu 8.000 Covid-Patienten auf Intensivplätzen zu rechnen. Sollte die Zahl der schwer erkrankten Covid-Patienten auf insgesamt 8.000 steigen, wären die Kapazitätsgrenzen überschritten. Gegenwärtig steigt die Zahl der Neuinfektionen und die Inzidenz von Tag zu Tag. Im Märkischen Kreis beträgt die Inzidenz aktuell 222, in Lüdenscheid 345. Die Infektionen liegen, wenn sie festgestellt werden, schon Tage zurück. Es ist also mit einer weiter steigenden Inzidenz zu rechnen.

Was heißt das, wenn die Zahl der Intensivpatienten stetig steigt?

TK: Wenn die Zahl der schwer erkrankten Covid-Patienten weiter steigt wie bisher, heißt das: Irgendwann werden die Betten auf den Intensivstationen knapp. Die Zahl der High-Care-Plätze für Erwachsene auf den Intensivstationen gibt die DIVI am 15. April 2021 mit 9.959 in Deutschland an. High-Care-Intensivplätze sind mit Beatmungsgeräten zur invasiven Beatmung ausgestattet. Diese sind deutschlandweit schon zu mehr als 25 Prozent mit Covid-Patienten belegt, dazu setzt das normale Krankheitsgeschehen auch in Zeiten der Pandemie nicht aus. In den Märkischen Kliniken sind gegenwärtig 30 Prozent der High-Care-Intensivbetten mit COVID-Patienten belegt.

Von den zur Verfügung stehenden High-Care-Betten in Deutschland sind aktuell nur noch
2.096 frei. Es gibt etwa 1.200 Krankenhäuser mit Intensivstationen in Deutschland. Das bedeutet, dass aktuell im Durchschnitt nur noch ein bis zwei Betten mit Beatmungsmöglichkeit pro Intensivstation frei sind. Auch bei uns herrscht Bettenknappheit. Aktuell sind alle Intensivplätze belegt. Wir bereiten die letzten Reservebetten vor.

Zudem ändert sich die Struktur der Patienten. Die Patienten werden jünger und bedingt durch schwerere Erkrankungsverläufe, ausgelöst durch die nun dominierende Virusvariante B 1.1.7, dauert die Behandlung länger, so Steffen Weber-Carstens, wissenschaftlicher Leiter des DIVI Intensivregisters.

Schließlich ist das Personal auf den Intensivstationen seit mehr als einem Jahr hoch belastet. Kollegen aus Pflege und Medizin haben sich infiziert und leiden zum Teil an Long-Time-CovidSymptomen. Gernot Marx, Präsident der DIVI, sagt, die Pflegenden hielten aus Pflichtgefühl noch durch, aber er zitiert eine Umfrage, nach der ein Drittel der Intensivkräfte aus dem Beruf aussteigen will.

Welche Konsequenzen sind zu ziehen, um Schlimmeres abzuwenden?

TK: Einen Ausweg aus der Pandemie eröffnet uns nur die Impfung. Hier wird es immer wieder Rückschläge geben. Derzeit wird untersucht, ob der Impfstoff von Johnson & Johnson unerwartete Nebenwirkungen hervorruft. Aber auch diese Tatsache sollte keinen überraschen. Solche Risiken sind normal und deshalb einzukalkulieren. Inzwischen sind aber in Deutschland mehr als 19 Millionen Menschen das erste und zum Teil auch das zweite Mal geimpft. Alle 0,2 Sekunden wird ein Mensch hierzulande geimpft. Vor zwei Wochen war das noch alle 0,3 Sekunden der Fall. Dieser Fortschritt wird den von der DIVI prognostizierten nächsten Pandemiegipfel auf den Intensivstationen, den wir in etwa zwei Wochen erwarten, jedoch nicht abwenden können.

Bis die Impfung im Laufe des Jahres einer genügenden Zahl an Menschen Schutz und die
Ausbreitung des Virus damit eindämmen dürfte, hilft nur die konsequente Beschränkung der Kontakte, um Schlimmeres zu verhindern. Denn das Virus verbreitet sich über Kontakte von Mensch zu Mensch – unmittelbar, aber auch mittelbar über Partikel in der Luft. Um die Übertragung zu reduzieren, braucht es einen Lockdown, der aus einem Bündel von Maßnahmen besteht. Nicht die Ausgangssperre oder die Schulschließung wirken isoliert, sondern alle Einzelmaßnahmen ergänzen sich in einem sinnvollen Zusammenwirken. Dies hat eine schon vor Monaten veröffentlichte Querschnittsstudie der Universität Oxford im renommierten Fachmagazin Science bestätigt.

Es ist gut, dass der Bund einheitliche Regeln für Restriktionen und deren Aufhebung festlegen möchte. Die Regeln sollten einfach und einheitlich sein, damit wir sie uns merken, sie verstehen, nachvollziehen, akzeptieren und ihnen aus Einsicht folgen können. Zu den sinnvollen Regeln können auch Ausgangssperren – als eine von vielen Komponenten – gehören. Denn wo stecken sich die Menschen an? Die Gefahr, sich beim Spaziergehen mit dem Hund oder beim Joggen mit einem Freund anzustecken, ist wahrscheinlich gering, tendiert aber nicht gegen Null. Doch wenn der Ausflug am Abend in eine kleine Gruppe von Freunden und in einen relativ kleinen, schlecht belüfteten Raum führt, um dort Abwechslung zu suchen, steigt das Risiko einer Infektion steil an. Nach der Studie aus Oxford senkt das Verbot von Treffen in Gruppen von bis zu 10 Personen die Verbreitung des Virus im Median um 42 Prozent und damit am deutlichsten. Es folgt die Schließung von Schulen und Universitäten (minus 38 Prozent). Ausgangssperren leisten mit minus 13 Prozent zwar nur einen geringen Beitrag, aber wenn die Sperren die Ansammlung von Menschen in engem Kontakt verhindern, einen großen.

Zwar ist die Ausgangssperre ohne Frage ein harter, juristisch umstrittener Eingriff in die Freiheit. Aber was wiegt aktuell schwerer: Die Freiheit oder das Leben des Einzelnen? Wir haben keine Zeit mehr für weitere Untersuchung ohnehin schon naturwissenschaftlich bekannter und belegter Zusammenhänge. Die Wirksamkeit von Kontaktbeschränkungen – einschließlich der Ausgangssperren – ist erwiesen. Wir müssen jetzt handeln. Bald könnten auch in Deutschland Ärzte vor der Frage stehen: Wen lasse ich überleben, wen lasse ich sterben? Die Notwendigkeit zur Triage droht nicht nur hypothetisch als Möglichkeit, sondern auch ganz praktisch in unseren Krankenhäusern. Bundeskanzlerin Merkel sagte vor einem Jahr: Die Lage ist ernst, nehmen Sie es auch ernst. Sie sagt es jetzt wieder. Nehmen wir S(s)ie ernst?

Über Dr. Thorsten Kehe

Dr. Thorsten Kehe ist Vorsitzender der Geschäftsleitung der Märkischen Kliniken. Foto: Märkische Kliniken

Dr. Thorsten Kehe war viele Jahre als leitender Arzt und Medizinischer Direktor tätig,
bevor er 2014 zum Medizinischen Geschäftsführer und dann zum Vorsitzenden der
Geschäftsführung der Märkische Kliniken GmbH mit Sitz in Lüdenscheid berufen
wurde. Seit 2017 ist er zudem noch Vorsitzender der Märkische Gesundheitsholding
GmbH & Co. KG. Im Impf-Update berichtet er über seine Erfahrungen und Überlegungen aus dem Klinikalltag mit dem Coronavirus.

Zum kommunalen Krankenhausverbund Märkische Kliniken GmbH gehören das Klinikum Lüdenscheid und die Stadtklinik Werdohl. In der Kategorie "Gesundheit Aktuell" präsentieren die Märkischen Kliniken in Zusammenarbeit mit dem TACH! regelmäßig spannende Artikel rund um Gesundheitsthemen.

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