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Die Plettenberger Familie Heldenmuh bestieg im Mai 1939 in Hamburg ein Schiff, um nach Kuba auszuwandern. Nach einer wochenlangen Odyssee fanden sie schließlich Asyl in England. Bildquelle: United States Holocaust Memorial Museum

Plettenberg. Die Ausstellung “Geschlossene Grenzen – Die Internationale Flüchtlingskonferenz von Évian” ist zurzeit im Ratssaal zu sehen. Die Beschlüsse dieser Konferenz hatten dramatische Auswirkungen für die Juden, die aus Nazi-Deutschland flüchten wollten. Stadtarchivarin Martina Wittkopp-Beine verdeutlicht dies am Beispiel der Plettenberger Familie Heldenmuth.

Vom 6. bis 15. Juli 1938 trafen sich Vertreter von 32 Staaten im mondänen Badeort Évian-les-Bains am französischen Ufer des Genfer Sees. Anlass war eine von US-Präsident Roosevelt einberufene Konferenz zur Flüchtlingskrise in Europa. Ausgelöst worden war sie durch die nationalsozialistische Politik der Diskriminierung der ehemaligen jüdischen Mitbürger. Symptomatisch war: „Die Szenen im Niemandsland zwischen den Schlagbäumen sind Ausdruck hoffnungslosen Elends. Derweil bilden sich vor den ausländischen Botschaften und Konsulaten lange Schlangen …“

Die Konferenzteilnehmer bekundeten zwar ihr Mitgefühl mit den Geflüchteten, lehnten die Aufnahme zusätzlicher Flüchtlinge jedoch aus unterschiedlichen Gründen ab. Zudem vermieden sie es, das NS-Regime als Verantwortlichen der Flüchtlingskrise und die Juden als deren Hauptbetroffene zu benennen. Damit wurde die Konferenz von Évian zu einem Symbol dafür, wie die dringend auf Zuflucht angewiesenen Juden von der internationalen Staatengemeinschaft weitgehend im Stich gelassen wurden.
Diese Haltung „„Verfolgte Juden aufnehmen? Nicht bei uns“ hatte fatale Folgen. Auch die jüdische Familie Heldenmuth aus Plettenberg gehörte zu den Menschen, die darunter massiv zu leiden hatten.

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Trügerische Hoffnung

Vor fast 80 Jahren, im Mai 1939 verließ die MS St. Louis, ein Schiff der Hamburger Reederei HAPAG, den Hamburger Hafen. An Bord waren 937 jüdische Flüchtlinge, unter ihnen die Plettenberger Familie Heldenmuth. Sie alle hofften, nach Havanna auf Kuba zu gelangen. Ihre Hoffnung jedoch trog.

Es war der 13. Mai 1939, ein Samstag, als Alfred Heldenmuth mit seiner Frau Selma und Tochter Lilo über eine Bordleiter den Luxusliner MS St. Louis betraten. Es war erst vier Tage her, als die Familie die Nachricht bekommen hatte, dass sie mit der MS St. Louis würde reisen können. Heldenmuths wirkten nicht gerade glücklich, eher ernst und angespannt. Kein Wunder, denn die Schiffsreise bedeutete keine Ferienreise. Im Gegenteil. Diese Schiffsreise war für die Heldenmuths wahrscheinlich die letzte Chance, Nazi-Deutschland zu entkommen und in die Freiheit zu gelangen. Alfred und Selma Heldenmuth hatten sich entschlossen, diese Chance zu ergreifen. Spätestens nach der Inhaftierung von Alfred Heldenmuth im Konzentrationslager Sachsenhausen, er war dort infolge der Reichspogromnacht (9./10.11.1938) zusammen mit anderen Plettenberger jüdischen Männern für ein paar Wochen inhaftiert und gequält worden, war dem Ehepaar klar geworden, dass für sie in Plettenberg bzw. Deutschland kein Platz mehr war. Die einzige Lösung für sie konnte nur heißen: Alles, d.h. Freunde, Haus und Hab und Gut, in Plettenberg zurückzulassen und auszureisen.

Gute Stimmung an Bord

Das Schiff legte schließlich ab und stach in See. Den Flüchtlingen fiel vermutlich ein Stein vom Herzen, sie wähnten sich nun in Sicherheit. Denn die kubanische Regierung hatte sich bereit erklärt, den Flüchtlingen Asyl zu gewähren, bis sie in die USA übersiedeln konnten. Das Schiff nahm am 15. Mai im französischen Cherbourg weitere 38 Passagiere auf. Die Stimmung an Bord war sehr gut. Es gab ein Schwimmbad an Bord, ein Kino, es gab Deckspiele, der Festsaal wurde für Gottesdienste genutzt, die Speisen wurden nach jüdischen Riten bereitet. Aus den Flüchtlingen Heldenmuths waren Passagiere eines Luxusliners geworden. Die Reise ging weiter Richtung Kuba. Was zu diesem Zeitpunkt noch keiner wusste war, dass der kubanische Präsident die Landeerlaubnis für ungültig erklärt hatte.

Abweisung in Kuba

Am 27. Mai warf die “St. Louis” vor Havanna Anker. Das Schiff durfte nicht anlegen, die die Passagiere durften nicht von Bord. Polizei verhinderte das. Es folgten tagelange Verhandlungen, jedoch ohne Ergebnis. Die Stimmung an Bord kippte. Einige Passagiere hielten den Druck nicht aus, versuchten sich das Leben zu nehmen. Trotz allem: Die kubanische Regierung blieb hart.

Am 2. Juni lichtete die “St. Louis” die Anker und fährt in Richtung Florida. Alle Hoffnungen lagen nun auf der Einreise in die USA. Die amerikanische Regierung hatte allerdings schon signalisiert, dass sie „außer der Reihe“ keine Flüchtlinge aufnehmen würde. Der Kapitän versuchte noch, mit Rettungsbooten nachts Passagiere an Land zu bringen. Er scheiterte jedoch, die Küstenwache hinderte ihn daran und forderte ihn auf, die Küstengewässer zu verlassen. Trotz gültiger Einwanderungspapiere, die alle Passagiere besaßen, wurde die St. Louis von den USA abgewiesen.

Befehl zur Rückkehr nach Hamburg

Der Kapitän kreuzte dennoch weiter vor der Küste, versuchte, Zeit für Verhandlungen zu gewinnen. Am 6. Juni jedoch kam von der Hamburger Reederei der Befehl zur sofortigen Rückkehr nach Deutschland. Das bedeutete für alle Passagiere an Bord: Zurück nach Nazi-Deutschland, Rückkehr in die Konzentrationslager. Mehr als 300 Passagiere waren vor ihrer Abreise dort interniert gewesen. Die MS St. Louis nahm nun Kurs auf Europa. Es folgten Tage der Ungewissheit, der Verzweiflung, der Angst. Dennoch feierten Alfred und Selma Heldenmuth am 9. Juni den ersten Geburtstag ihrer Tochter Lilo, unwissend, wie ihre eigene und wie die Zukunft ihre Tochter aussehen würde.

Die Lage des Schiffs spitzte sich zu. Treibstoff, Frischwasser und Verpflegung wurden knapp. An Bord herrschte Verzweiflung. Angesichts des Elends beschloss der Kapitän, das Schiff vor der englischen Küste auf Grund laufen zu lassen. Doch dazu kam es nicht. In letzter Minute erklärten Belgien, Holland, Frankreich und England sich bereit, dank der Bemühungen des „Zwischenstaatlichen Komitees“, das auf der Konferenz von Évian ins Leben gerufen worden war, die Flüchtlinge aufzunehmen. Für die Menschen an Bord bedeutete das: Erlösung, Erleichterung, Entspannung und Freudentaumel. Die St. Louis steuerte Antwerpen an. Von dort wurden die Passagiere in vier Gruppen aufgeteilt. Großbritannien nahm 287 Flüchtlinge auf, darunter befanden sich auch die Heldenmuths. Da sie Verwandte und Bekannte in England hatten, erhielten sie dort Asyl. Der HAPAG- Frachter Rhakotis brachte sie nach Southhampton.

Schwieriges Leben im Krieg

Die Heldenmuths waren gerettet, aber das Leben im Krieg war auch in England schwierig. Selma Heldenmuth arbeitete als Putzfrau, Alfred Heldenmuth war Kofferträger am Bahnhof oder er räumte unter Lebensgefahr fehlgezündete Bomben. Als Zuverdienst stellten sie in Heimarbeit Ledergürtel her. Zu allem Überfluss wurde Alfred Heldenmuth zwischenzeitlich, wie alle erwachsenen, jüdischen Männer aus Deutschland, als „feindlicher Ausländer“ auf der Isle of Man interniert. Die Bombardierungen machten vor allem Tochter Lilo sehr zu schaffen. Für sie war es ein Albtraum. Mutter und Tochter verließen schließlich London in Richtung Wales, wo entfernte Cousins lebten.

Fast alle St. Louis-Flüchtlinge, die in Großbritannien Asyl fanden, überlebten den Krieg. Von denjenigen, die nach Kontinentaleuropa zurückkehrten, wurden 254 in Konzentrationslagern ermordet.

Direkt nach dem Krieg kehrten Heldenmuths Europa den Rücken. Sie wanderten in die USA aus. Lilo besuchte später die High School und studierte Biologie und Chemie. Alfred Heldenmuth kehrte zweimal nach Plettenberg zurück. Sein Haus wurde ihm wieder zugesprochen. Er verkaufte es und starb 1972 in Miami. Selma Heldenmuth hat die Erlebnisse ihrer Verfolgung nie verwinden können. Sie nahm sich am 11. Juli 1955 in New York das Leben.

Ein kurzes Fazit: Die restriktive Flüchtlingspolitik, die auf der Konferenz von Évian beschlossen wurde, hat auch der Plettenberger Familie Heldenmuth arg zugesetzt. Kuba und die USA verweigerten der Familie und vielen anderen Flüchtlingen letztlich die Aufnahme. Trotzdem hatte die Plettenberger Familie Glück im Unglück, denn die britische Regierung gewährte ihr nach einer Odyssee die Aufnahme und somit die Rettung ihres Lebens.

Die Ausstellung „Geschlossene Grenzen- Die Internationale Flüchtlingskonferenz von Évian“ ist im Ratssaal zu sehen.

Öffnungszeiten: Mo – Do. 9.00 – 12.00 Uhr, 14.00 – 16.00 Uhr, Fr. 9.00 – 12.00 Uhr.
 Am 27.1.2019 ist die Ausstellung von 11.30 – 17.00 Uhr geöffnet.

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