Eugen und Käte Löwenthal. Ihre Deportation erfolgte im April 1942 nach Zamość. Bildquelle: Stadtarchiv Plettenberg

Von Martina Wittkopp-Beine (Stadtarchiv Plettenberg)

Plettenberg. Als „Kristallnacht“ oder „Novemberpogrome“ werden die Terrorakte gegen Jüdinnen und Juden bezeichnet, die vor allem in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 im gesamten Deutschen Reich stattfanden. Von der NS-Führung zentral organisiert und gelenkt, wurden die Gewaltaktionen auf lokaler und regionaler Ebene von Angehörigen der SA und der SS durchgeführt. So auch in Plettenberg.

Ausgangspunkt dieser Pogrome war ein eher randständiges Ereignis. Herschel Grynszpan, ein Jude mit polnischer Staatsangehörigkeit, verübte in Paris ein tödliches Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath. Diese Tat diente dem NS-Regime als Vorwand für die Pogrome. Nach dem Bekanntwerden des Todes des Diplomaten, rief Reichspropagandaminister Joseph Goebbels in München in einer hasserfüllten antisemitischen Rede zu Rache und Vergeltung auf. Durch diese Rede fühlten sich führende NS-Schergen zu Aktionen aufgerufen. Sie begannen noch von München aus, wo sie am 9. November dem gescheiterten „Hitler-Putsch“ von 1923 feierlich gedachten, ihren Dienststellen entsprechende Anweisungen zu geben.

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In den Nachtstunden vom 9. auf den 10. November 1938 kam es in ganz Deutschland zu antisemitischen Ausschreitungen. Hunderte von Synagogen und Bethäuser wurden zerstört oder gingen in Flammen auf, rund 7.500 Geschäfte geplündert oder verwüstet, Wohnungen wurden demoliert, Menschen wurden ermordet und annähernd 30.000 Juden verhaftet.

Anweisungen der NS-Führung

Auch in Plettenberg trafen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die von der NS-Führung auf den Weg gebrachten Anweisungen ein. Ein Fernschreiben des Leiters der Geheimen Staatspolizei in Berlin erreichte über die Staatspolizeistelle Dortmund auch die SA- und SS-Einheiten vor Ort: „An alle Stapo Stellen und Stapoleitstellen – An Leiter oder Stellvertreter. Dieses Fernschreiben ist auf schnellstem Wege vorzulegen
1. es werden in kürzester Frist in ganz Deutschland Aktionen gegen Juden insbesondere gegen deren Synagogen stattfinden. Sie sind nicht zu stören. Jedoch ist im Benehmen mit der Ordnungspolizei sicherzustellen, dass Plünderungen und sonstige Ausschreitungen unterbunden werden können.
2. Sofern sich in Synagogen wichtiges Archivmaterial befindet, ist dieses durch sofortige Massnahme sicherzustellen.
3. Es ist vorzubereiten die Festnahme von etwa 20-30000 Juden im Reiche. Es sind auszuwählen vor allem vermögende Juden. Nähere Anordnungen ergehen noch im Laufe dieser Nacht.
4. Sollten bei den kommenden Aktionen Juden im Besitz von Waffen angetroffen werden, so sind die schärfsten Massnahmen durchzuführen. Zu den Gesamtaktionen können herangezogen werden Verfügungstruppen der SS sowie Allgemeine SS. Durch entsprechende Massnahmen ist die Führung der Aktionen durch die Stapo auf jeden Fall sicherzustellen.“

Bürgermeister stellt Schadensliste auf

Die Schäden, die die Judenaktion in Plettenberg am 10. und 11. November verursacht hatte, hat der Bürgermeister Heinrich Brüggemann in einer Liste zusammengestellt. Betroffen waren demnach die drei Konfektionsgeschäfte Witwe Sternberg, Gebrüder Sternberg und Gebrüder Löwenthal mit Schäden bis zu 3.000 Reichsmark pro Geschäft und Wohnung. Betroffen waren auch die Metzgereien von Alex Heilbronn und Julius Lennhoff. Beim Metzer Alex Heilbronn war ein vergleichsweise geringer Schaden in Höhe von 300 Reichsmark entstanden. Bei der Metzgerei Lennhoff jedoch betrug die Schadenshöhe ca. 1.500 Reichsmark, war also fünfmal so hoch wie bei den Heilbronns. Es wurden im Geschäft von Lennhoff u.a. ein Schaufenster, eine Kasse und eine Ladentür verwüstet, in der Wohnung insbesondere zwei Küchenschränke, ein Kleiderschrank, eine Toilette, eine Uhr und ein Spiegel zerstört. Das Wohn- und Geschäftshaus von Julius Bachrach und Hugo Neufeld sparten die Nationalsozialisten bei ihren Verwüstungsaktionen aus. Das Geschäft hatte seit 1937 ein „Arier“ gepachtet, der von den örtlichen Marodeuren verschont wurde.

Repressalien und Folterungen

Am Morgen des 10. Novembers wurden insgesamt 20 jüdische Männer festgenommen. Einige wenige von ihnen wurden aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters direkt wieder freigelassen. Dazu zählten Adolf Sternberg (70 Jahre), Louis Loewenthal (74 Jahre) und Alex Heilbronn (70 Jahre). Die anderen Festgenommenen wurden zunächst in örtlichen Gefängnissen untergebracht, bevor sie am 11. November 1938 von den örtlichen Polizeibehörden in die Steinwache in Dortmund eingeliefert wurden. Anschließend wurden sie in das in der Nähe von Berlin gelegene Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert.
Das Ziel der Inhaftierung der jüdischen Männer war, durch Repressalien und Folterungen die jüdische Bevölkerung zur Auswanderung zu zwingen. Die Inhaftierten sollten physisch und psychisch erniedrigt werden.

Rosa Hesse. Sie und ihr Mann Leo wurden 1941 nach Minsk deportiert. Bildquelle: Stadtarchiv Plettenberg

Zu den Deportierten gehörten auch der Geschäftsmann Eugen Löwenthal und der Viehhändler Leo Hesse. Nach mehrwöchiger Inhaftierung, physischer und psychischer Erniedrigung wurde Eugen Löwenthal am 15.12.1938 aus der Haft entlassen. Leo Hesses Entlassung erfolgte am 22.12.1938. Beide kehrten nach Plettenberg zurück. Die Inhaftierung in Sachsenhausen brachte beiden die eindringliche Gewissheit, dass in Deutschland kein Platz mehr für sie ist und sie ihre Auswanderung systematisch zu betreiben haben. So stellte sie Anfang 1939 für sich und ihre Ehefrauen einen Ausreiseantrag. Die Löwenthals beantragten die Ausreise nach Chile oder Bolivien; Hesses Auswanderungsziel war Frankreich. Beiden Ehepaaren gelang die Ausreise nicht mehr.
Eugen Löwenthal und seine Frau wurden am 30. April 1942 Südbahnhof in Dortmund gebracht, wo sie die Deportation in den Osten nach Zamość erwartete. Eugen Löwenthal war 41 Jahre, seine Frau Käte war 34 Jahre alt, als sie den Zug besteigen mussten, der sie und andere jüdische Mitmenschen ohne Ausnahme dem Vernichtungsprozess der „Endlösung“ zuführte.

Das Ehepaar Leo und Rosa Hesse, die 1941 noch nach Wuppertal umgezogen waren, wurde am 9.11.1941 nach Düsseldorf gebracht und von dort am 10.11.1941 nach Minsk in Weißrußland deportiert. Dort wurden sie ermordet.

Wir haben uns heute nur ganz kurz die bedrückende Geschichte der Ehepaare Eugen und Käte Löwenthal sowie Leo und Rosa Hesse vergegenwärtigt. Wir erinnern uns auch deshalb an sie, um zu dokumentieren, mit welcher unbegreiflichen Radikalität das nationalsozialistische Terrorregime die Ausgrenzung und letztlich die Vernichtung organisierte und umsetzte.

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