Die Suppenküche versorgt die Ärmsten in Bila Zerkwa. Foto: Stephan Gubatij

von Helmut Willnat

Kierspe. Zweimal im Jahr besucht der Verein „Kinder von Tschernobyl e.V.“ seine Partner und seine Projekte vor Ort in der Ukraine in den Städten Wyschgorod und Bila Zerkwa. Bei der ersten Besuchsreise in diesem Jahr wurde Vereinsvorsitzende Gisela Steinbach von sechs weiteren Mitarbeitern des Vereins begleitet. Vier der Teilnehmer stammen aus Marienheide. Sie wollten sich nach ihrem Besuch vor zehn Jahren über die Veränderungen und Entwicklungen informieren, die seitdem in der Ukraine eingetreten sind.

Das Höhlenkloster über den Einsiedlerhöhlen von vor mehr als 1000 Jahren. Foto: Wolfgang Theunissen

Orte in der von Strahlung belasteten Zone

Wyschgorod ist eine Stadt mit knapp 30.000 Einwohnern. Sie liegt etwa 25 Kilometer nördlich von Kiew und gehört noch zur offiziell belasteten Strahlenzone nach dem Tschernobyl-Unglück. Bila Zerkwa ist eine Stadt mit etwa 200.000 Einwohnern, liegt etwa 120 Kilometer südlich von Kiew und zählt ebenfalls zur offiziell noch belasteten Strahlenzone.

Fragen nach dem Sinn des Baubooms

Was den Vereinsmitarbeitern am stärksten ins Auge fiel waren die deutlich verbesserten Straßenverhältnisse, aber auch der Verkehr, der stark zugenommen hat. Die Parkplätze können nicht mit der Zahl der Pkw mithalten. Als nächstes fiel die ungeheure Bautätigkeit ins Auge. Die Skyline von Wyschgorod hat sich völlig verändert. Bereits bei der Annäherung an die Stadt fiel die große Zahl an Hochhäusern ins Auge, die in oft mehr als zwanzig Geschossen Wohnungen anbieten. Allerdings stehen so viele von ihnen leer, dass man sich unweigerlich nach dem Sinn dieses Baubooms fragt.

Das Leben scheint weniger hektisch zu sein

Arbeitssitzung mit dem Partnerverein-2ter von links Theunissen 3te vl Vorsitzende des Partnervereins-re Marita und Wilfried Wasserfuhr aus Marienheide. Foto: Doris Raabe

In der Stadt selbst ist viel für die Optik und die Aufenthaltsqualität getan worden. Viele Spielplätze, parkähnliche Aufenthaltsräume und Denkmäler sind in den letzten zehn Jahren entstanden oder deutlich überarbeitet worden. Sie werden von der Bevölkerung tatsächlich stark frequentiert. Mütter und Väter mit ihren Kindern prägen ein angenehmes Stadtbild. Das Leben in Wyschgorod scheint weniger hektisch zu sein als beim letzten Besuch vor zehn Jahren.

Gastfreundschaft unverändert gut

Eindeutig unverändert ist jedoch die Gastfreundschaft. Die beiden Betreuerinnen Larissa und Natascha, die bereits mehrfach die ukrainische Kindergruppe nach Deutschland begleiteten, hatten sich Urlaub genommen und boten den deutschen Gästen einen interessanten Aufenthalt. Nicht nur, dass sie ihnen bei dem Besuch ihrer ehemaligen Gastkinder als Übersetzerin zur Verfügung stand. Larissa hatte auch für ein Großraumtaxi gesorgt, das für umgerechnet 30 Euro den ganzen Tag zur Verfügung stand.

 

Ein zentraler Spielplatz und Wohnsilos in Wyschgorod. Foto: Helmut Willnat

Lange Wege zu den Gastkindern

So konnten die zum Teil langen Wege zu den Gastkindern und zu Sehenswürdigkeiten in Kiew zurückgelegt werden. Allerdings waren auch Bus- und U-Bahnfahrten mit den zugehörigen steilen und langen Rolltreppen ein Erlebnis. Keine Frage, dass die jungen Leute den älteren Deutschen freundlich und spontan ihren Platz anboten.

Deutsch als erste Fremdsprache

Dass es in den Schulen Klassen gibt, die Deutsch als erste Fremdsprache anbieten, erfuhr die Besuchergruppe, als sie eines der ehemaligen Gastkinder in die Schule begleitete. Dort wurden ihnen deutsche Gedichte vorgetragen und es entwickelte sich ein netter Dialog.

Bei der gemeinsamen Arbeitssitzung mit „Bereginja“, dem Wyschgoroder Partner des hiesigen Vereins, erfuhren die Besucher, dass die Verteilung der Hilfsgüter, die Ende des vergangenen Jahres geliefert worden waren, etwa drei Monate gedauert hatte.

Herren- und Kinderkleidung knapp

Jede Woche wurden an mehreren Abenden Hilfsgüter ausgegeben. In der Rangfolge der benötigten Hilfsgüter stehen ganz vorn Herrenkleidung und Kinderkleidung, weil davon immer am wenigsten geliefert wird. Damenkleidung steht in den Transporten immer ausreichend zur Verfügung. Insgesamt sind die Menschen sehr angetan von der guten Qualität der gespendeten Sachen.

Bus fährt zum Warenlager

Aus einem der entfernten Dörfer wird ein ganzer Bus organisiert, der die Menschen nach Wyschgorod zum Lager bringt, die hier die Kleidung in Empfang nehmen. Leider steht zukünftig das von der Stadt zur Verfügung gestellte Lager nicht mehr zur Verfügung,  so dass „Bereginja“ jetzt bis zum Jahresende ein neues Domizil finden muss. Lena Popowitsch, die Vorsitzende von „Bereginja“ ist aber zuversichtlich, dies zu schaffen.

Pastor Stepan Gubatij und Frau aus Bila Zerkwa (links) mit Wolfgang Theunissen (3. von rechts). Foto: Helmut Willnat

Nachschub für die Armenküche

Die vier mitgereisten Vorstandsmitglieder unternahmen den insgesamt etwa 250 Kilometer langen Abstecher nach Bila Zerkwa zu Stepan Gubatij, der nebenamtlicher Pastor einer kleinen evangelischen Kirchengemeinde ist. Diese Gemeinde betreibt die Armenküche, die der Verein voll finanziert. Die Armenküche wird im Juli wieder den jährlichen Hilfstransport erhalten. Sie versorgt nach wie vor 25-35 Einzelpersonen, die ihre Suppe vor Ort verspeisen und etwa 15 Familien, die die Suppe nach Hause mitnehmen.

Die Menschen dort bedanken sich immer wieder für diese große Hilfe und bitten, ihren Dank an die Deutschen weiterzugeben, die dies ermöglichen.

Bedrückende Erfahrungen

Gisela Steinbach besuchte während dieser Reise mit Antje Krings-Hawlina zwanzig der mehr als dreißig „Medikamentenkinder“, denen der Verein bei der Beschaffung der notwendigen Medikamente und Behandlungen hilft. Erfreulich waren die Besuche, bei denen diese Hilfe erkennbar den Menschen zu einem besseren Leben verhilft. Bedrückend waren die Besuche, bei denen trotz der Hilfe das Leben der Familie schon für die Besucher schwer zu ertragen war, weil Besserung kaum in Sicht ist und die Familien auf Dauer damit leben müssen. Wenn dann noch Behandlungszentren hohe Gelder für eigentlich kostenlos zu liefernde Behandlungen verlangen und die Quittung nur ein mündliches „Danke für die Spende“ ist, dann wächst der innerliche Zorn über das korrupte System.

An der Armut ändert sich nichts

Die Reise zeigte wieder die beiden Seiten der Ukraine. Die eine Seite ist die optisch wahrnehmbare positive Entwicklung und die andere Seite, mit der sich der Verein „Kinder von Tschernobyl e.V.“ beschäftigt, ist die Armut, an der die positive Entwicklung leider vorüber geht.

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