Wird Corona derzeit wieder bedrohlicher?

Dr. Kehe: Die Pandemie gewinnt an Fahrt und wird gefährlicher. Die Sieben-Tage-Inzidenz, die Zahl der Neuinfektionen je 100.000 Einwohner, beträgt in Deutschland 115 und im Märkischen Kreis etwa 225. Das ist ein Niveau wie in Italien, den Niederlanden und Österreich. In Estland ist mit einem Wert von knapp 750 die Lage am dramatischsten in Europa. Wir merken auch in den Märkischen Kliniken, dass die Zahl der Corona-Patienten seit Wochen steigt. Dies trifft auf eine Gesamtsituation, in der nahezu alle Bereiche des Klinikums bereits mit schwerkranken Patienten ausgelastet sind, die wir nicht vergessen dürfen.

Um Kapazitäten für die Corona-Patienten zu haben, stimmen wir bereits Verlegungen von Patienten in Landkreise mit einer geringeren Inzidenz ab und reduzieren unseren bereits eingeschränkten Betrieb noch einmal deutlich. Therapien, die verschiebbar sind, werden verschoben. Wir haben die Zahl der Operationen weiter reduziert, um den steigenden Bedarf aufnehmen zu können. Denn das wissen wir nach einem Jahr in der Pandemie: Wenn die Zahl der Neuinfektionen steigt, steigt zwei Wochen später die Zahl der Patienten in den Kliniken. Wir gehen davon, dass wir in den nächsten drei bis vier Wochen in unserer Klinik eine weitere Belastungsprobe erleben werden und bereiten uns, so gut es geht, darauf vor, um unsere Patienten auch unter diesen Bedingungen bestmöglich zu versorgen.

Wenn die Unsicherheit groß ist: Was können wir tun?

Dr. Kehe: Wir sollten uns auf sicheren Boden begeben. Jeder Einzelne von uns kann das tun, was gegen eine Ausbreitung des Virus wirklich wirkt: Abstand halten, Mund-Nasenschutz tragen, Händewaschen, lüften und vor allem im privaten Leben die Nähe und das Treffen mit anderen meiden. Das ist keine frohe Botschaft für die anstehenden Osterfeiertage, aber sie ist aus meiner Sicht offen und ehrlich.

Bis ein Testkonzept in der Praxis installiert und die Impfungen eine relevante Zahl an Menschen geschützt haben werden, kann meine eindringliche Bitte gar nicht anders lauten. Ich unterstütze voll und ganz die Entscheidungen in unserem Landkreis, in Absprache mit dem NRW-Gesundheitsministerium einen Stopp des Präsenzunterrichts an allen Schulen des Märkischen Kreises ab Mittwoch, den 24. März, umzusetzen.

Lüdenscheids Bürgermeister Sebastian Wagemeyer und die weiteren Mitglieder des Stabes für außergewöhnliche Ereignisse der Stadt haben beschlossen, sofort die Notbremse zu ziehen und städtische Einrichtungen ab dem 23. März zu schließen. Das ist bitter, aber konsequent und aus meiner Sicht notwendig und richtig.

Zurückhaltung im öffentlichen und vor allem auch im privaten Umfeld hilft uns, gesund zu bleiben, den Patientenzustrom abzubremsen und die Patientenversorgung weiter sicherzustellen. Meine herzliche Bitte an alle ist: Bitte helfen Sie uns dabei!

Über Dr. Thorsten Kehe:

Dr. Thorsten Kehe ist Vorsitzender der Geschäftsleitung der Märkischen Kliniken. Foto: Märkische Kliniken

Dr. Thorsten Kehe war viele Jahre als leitender Arzt und Medizinischer Direktor tätig, bevor er 2014 zum Medizinischen Geschäftsführer und dann zum Vorsitzenden der Geschäftsführung der Märkische Kliniken GmbH mit Sitz in Lüdenscheid berufen wurde. Seit 2017 ist er zudem noch Vorsitzender der Märkische Gesundheitsholding GmbH & Co. KG. Im Impf-Update berichtet er über seine Erfahrungen und Überlegungen aus dem Klinikalltag mit dem Coronavirus.

Zum kommunalen Krankenhausverbund Märkische Kliniken GmbH gehören das Klinikum Lüdenscheid und die Stadtklinik Werdohl. In der Kategorie "Gesundheit Aktuell" präsentieren die Märkischen Kliniken in Zusammenarbeit mit dem TACH! regelmäßig spannende Artikel rund um Gesundheitsthemen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here