Naschhunger
Wie auf dem Amt: Sigrid Sandmann mit Stempelkissen im Vordergrund und Zähler an der Wand. Leider zählt er nicht dreistellig. Die Hamburger Künstlerin hatte bereits am Donnerstagnachmittag mehr als 300 Kontakte. Foto: Wolfgang Teipel

Lüdenscheid. Es gibt Wörter, bei denen selbst die Wortfindungsbeamtin die Bedeutung erst erfragen muss. Bei anderen hat Sigrid Sandmann in ihrem pinken Bauwagen vor der Hauptpost gleich eine Ahnung. Bei „Naschhunger“ ist der Hamburger Künstlerin gleich alles klar, obwohl sie diesen Begriff noch nie gehört hat. Nach kurzer, aber gründlicher Prüfung steht fest: Auch Naschhunger, diese Wortschöpfung, die eine vorübergehende Leidenschaft für Süßes drastisch benennt, wird auf ein Schild gedruckt. So macht der Besuch in der Wortfindungsbehörde Spaß – dem Besucher und der Künstlerin, die vom „Wunderkammer-Team“ für diese einwöchige Kunstaktion eingeladen worden ist.

Leute nehmen die Aktion ernst

„Die Lüdenscheiderinnen und Lüdenscheider nehmen die Aktion an und sie nehmen sie ernst“, sagt Sigrid Sandmann Bis zum Donnerstagnachmittag hatte sie bereits über 300 Wortschöpfungen in ihre Kartei aufgenommen. Darunter befinden sich neben “Naschhunger” solche Monsterbegriffe wie „Magischsauerländischtiefsattgrün“ oder kurz und knapp „Kaputtalismus oder „einsaucen“. Sigrid Sandmann spricht mit allen Antragsstellern wie der Obdachlosen, die sich ein Schild mit dem Wort „Liebesleben“ gewünscht hat. So erfuhr sie, dass die Frau keineswegs an Anspielungen auf sexuelle Vorlieben dachte, sondern eine Liebeserklärung an das Leben meinte.



Was ist bloß “Disqualifinitis”?

Ein sechsjähriger Knirps wollte das Wort „Disqualifinitis“ auf ein Schild gedruckt haben. Die Mutter klärte Sigrid Sandmann auf. Es handelt sich um eine selbsterfundene Krankheit des Jungen. Symptome sind farbige Punkte auf seinem Unterarm, die er jeden Tag mit Filzstift erneuert. Noch Fragen?

Solche persönlichen Worte drucken Sigrid Sandmann und ihre Assistentinnen Birgit Arnold und Johanna Bolkart in ihrer Werkstatt auf Zeit im Museum gerne aus.

Seit über zehn Jahren ist sie mit ihrem pinken Bauwagen in Deutschland unterwegs – lediglich unterbrochen durch die Phase der harten Coronabeschränkungen.

Auch als Lichtkünstlerin bekannt

Die Wortbeamtin berichtet gern von ihrer Kundschaft – beispielsweise von den Migranten aus Albanien, die in ihrer Heimatsprache „Ich liebe Dich für immer“ ausgedruckt haben wollten. „Das fand ich so rührend“, sagt sie. Dass sie außerdem die Begriffe “Bildung” und “Familie” nannten, hat Sigrid Sandmann stark beeindruckt.

Sigrid Sandmann hat sich auch als Lichtkünstlerin einen Namen gemacht. Zudem ist sie an der Fachhochschule Kiel tätig und nimmt immer wieder Lehraufträge zum Themenbereich ästhetische Bildung an.

Naschhunger
Die Arbeit des Wortfindungsamtes hat schon reichlich Spuren in Lüdenscheid hinterlassen. Collage: Wolfgang Teipel

Das Amt hat Spuren hinterlassen

Das Wortfindungsamt am Sonntag (nochmals geöffnet von 14 bis 16 Uhr) mit der Ausgabe der bis dahin nicht abgeholten Schilder.

Schon jetzt hat das Wortfindungsamt in Lüdenscheid seine Spuren hinterlassen. Am Haus Wilhelmstraße 10 prangt beispielsweise das Wort „Renaturierung“. Das wäre an dieser Stelle dringend nötig. Leicht und ohne großen Hintersinn ist dagegen das Schild an den Wasserspielen im Rosengarten. Es lautet schlicht „Quietscheentchen“.

Wer ein Schild ergattert hat, sollte es im öffentlichen Raum anbringen. Auf der Seite https://www.wortfindungsamt.de/ können Schild und Ort hochgeladen werden.

 

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