Sandra Pawlas, Chefin der Arbeitsagentur Iserlohn, und Volker Riecke, Geschäftsführer des Jobcenters MK, zogen die Jahresbilanz des Arbeitsmarkts. Foto: Kira Muth

Märkischer Kreis. „Der Arbeitsmarkt 2020 stand im Zeichen der Corona-Pandemie: Die Folgen der Lockdown-Phasen wirken nach, das Niveau der Arbeitslosigkeit ist hoch. Durch Kurzarbeit konnte jedoch Beschäftigung gesichert und eine noch höhere Arbeitslosigkeit verhindert werden“, blickt Sandra Pawlas, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Iserlohn, auf die Entwicklung des vergangenen Jahres zurück. Der saisonuntypische Rückgang der Arbeitslosigkeit im Dezember lässt sie mit verhaltenem Optimismus auf die kommenden Monate blicken. Das Pressegespräch zur Jahresbilanz 2020 des Arbeitsmarkts im Märkischen Kreis wurde per Videoschaltung durchgeführt.

Arbeitsmarkt-Kernzahlen 2020

  • Arbeitslosenzahl im Jahresdurchschnitt 2020: 17.265
  • Veränderung gegenüber 2019: +3.156 (+22,4 Prozent)
  • Arbeitslosenquote im Jahresdurchschnitt gegenüber Vorjahr: +1,4 Prozentpunkte auf 7,6 Prozent

Rückgang zum Jahresende

Im Jahr 2020 lag der Jahresdurchschnitt des Arbeitslosenbestandes bei 17.265 Personen. Das sind 22,4 Prozent bzw. 3.156 Personen mehr als im Jahresschnitt 2019. Agenturchefin Sandra Pawlas erklärt: „Der Jahresdurchschnitt des Arbeitslosenbestandes war coronabedingt 2020 deutlich höher als 2019. Saisonuntypisch sank die Arbeitslosigkeit jedoch bis Jahresende wieder.“ Zuletzt sei es im Jahr 2006 der Fall gewesen, dass die Arbeitslosigkeit im Dezember niedriger war als im November, nennt sie diese Tatsache „historisch“. Die Arbeitslosenquote, errechnet auf der Basis aller zivilen Erwerbspersonen, lag im Jahresschnitt 2020 bei 7,6 Prozent und erhöhte sich damit zum Vorjahr um 1,4 Prozentpunkte.

Arbeitslosigkeit war 2009 noch höher

Die Gesamtzahl der Arbeitslosigkeit verteilt sich auf beide Rechtskreise: Die Arbeitsagentur, verantwortlich für Kundinnen und Kunden der Arbeitslosenversicherung im Rechtskreis SGB III, betreute im Schnitt 6.813 arbeitslose Personen, das waren 1.967 Personen mehr als im Jahresdurchschnitt 2019.

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Das Jobcenter Märkischer Kreis (Rechtskreis SGB II) verzeichnete in 2020 einen leichten Anstieg bei der Zahl der Arbeitslosen in der Grundsicherung für Arbeitsuchende um 1.190 auf durchschnittlich 10.452 Personen. Sandra Pawlas erläutert: „Im Jahresverlauf erkennen wir, dass die Arbeitslosigkeit mit Beginn der Eindämmungsmaßnahmen der Pandemie im April 2020 stark gestiegen ist, ab August sank die Arbeitslosigkeit bis zum Jahresende hingegen saisonuntypisch. Insgesamt ist die Arbeitslosigkeit aber in beiden Rechtskreis noch unter dem Krisenniveau von 2009 geblieben.“

Für das Jobcenter Märkischer Kreis startete das Jahr 2020 mit einem konjunkturbedingten Anstieg der Arbeitslosigkeit, welcher aber nicht über den üblichen und saisonal bedingten Zuwachs früherer Jahre hinausging. Statt der einsetzenden Frühjahrsbelebung verzeichnete auch das Jobcenter Märkischer Kreis dann aufgrund der Auswirkungen der Corona-Krise und der ersten Lockdown-Phase ab April 2020 einen deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit im Bereich des SGB II.

Die deutlichste Abweichung gegenüber dem normalen Saisonverlauf der Zahlen im SGB-II-Bereich musste das Jobcenter Märkischer Kreis im Juli 2020 verzeichnen. Mit 11.040 Arbeitslosen waren 1.747 mehr Menschen, die Arbeitslosengeld II erhalten, ohne Arbeit, als im Vorjahresmonat. „Diese Entwicklung bereitete uns zunächst große Sorgen, bedeutete sie doch einen Anstieg um 1.229 Personen und somit um 12,5 Prozent im Vergleich zum Januar 2020“, so Volker Riecke, Geschäftsführer des Jobcenters Märkischer Kreis, rückblickend.

Seit August 2020 nahm die Zahl der Arbeitslosen, welche auf Hilfe des Jobcenters Märkischer Kreis angewiesen waren, dann stetig ab. Der seitdem zu verzeichnende positive Trend setzte sich bis in den Dezember 2020 und somit in die zweite Lockdown-Phase fort. Die Zahl der Arbeitslosengeld-II-Empfänger reduzierte sich gegenüber dem Jahreshöchstwert von Juli um 810 auf nun 10.230 Personen im Dezember 2020 und liegt damit unter dem Niveau zu Beginn der Corona-Krise. Der Januarwert von 9.811 Arbeitslosen wird damit noch um 419 Personen (4,3 Prozent) überschritten.

Im Dezember 2020 betreute das Jobcenter Märkischer Kreis noch 21.671 erwerbsfähige Leistungsberechtigte in 16.061 Bedarfsgemeinschaften. Damit ist bereits wieder das Niveau von März 2020 erreicht.

Beschäftigung relativ stabil

Im vergangenen Jahr (Stand Juni) waren durchschnittlich 160.353 Menschen im Märkischen Kreis sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Das sind rund 2,0% weniger als im Juni des Vorjahres. „Wir erkennen eine leicht rückläufige sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im Vergleich zum Vorjahr, dennoch erweist sie sich als relativ stabil“, erklärt Sandra Pawlas. Beschäftigungsverluste sind vor allem im verarbeitenden Gewerbe zu erkennen, Steigerungen gab es in den sogenannten „systemrelevanten (Wirtschafts-)bereichen“, die unmittelbar medizinisch oder organisatorisch bei der Bekämpfung der Pandemie einbezogen waren. Hierunter fallen u.a. das Gesundheitswesen, die öffentliche Verwaltung oder freiberufliche Dienstleistungen (z.B. Steuerberatungen oder Labore).

Arbeitskräftenachfrage leidet

Insgesamt wurden dem gemeinsamen Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit Iserlohn und des Jobcenters Märkischer Kreis im vergangenen Jahr 10.009 sozialversicherungspflichtige Stellen gemeldet. Das sind 1.675 Stellen oder 14,3 Prozent weniger als im Jahr zuvor. „Die Meldungen neuer Stellen unterlagen dabei deutlichen Schwankungen im Jahresverlauf. Während zu Beginn der Pandemie die Neumeldungen nahezu wegbrachen, suchten ab August wieder mehr Arbeitgeber Personal“, führt Sandra Pawlas aus. Insgesamt sank der Stellenbestand deutlich, lag aber noch über dem Niveau vergangener Jahre

Kurzarbeit erreicht historische Höchstwerte

„Wir spüren die Auswirkungen der Corona-Pandemie in der Kurzarbeit ganz massiv. Uns sind im vergangenen Jahr Anzeigen zu Kurzarbeit aus nahezu jeder Branche zugegangen, anders als zur Zeit der Wirtschafts- und Finanzkrise 2009. Damals war vor allem die Industrie betroffen“, führt Sandra Pawlas aus.

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 5.944 Anzeigen auf Kurzarbeit gestellt, mit 101.748 potentiell betroffenen Personen. „Wie viele Personen gerade tatsächlich in Bezug von Kurzarbeitergeld sind bzw. wie viele Personen in 2020 Kurzarbeitergeld bezogen haben, können wir abschließend noch nicht sagen. Das liegt an der flexiblen Ausgestaltung des Instruments Kurzarbeitergeld. Betriebe müssen Kurzarbeit immer vorsorglich bei der Agentur für Arbeit anzeigen.

Wird dann tatsächlich kurzgearbeitet, kann der Betrieb innerhalb von drei Monaten die erforderliche Abrechnungsliste einreichen. Erst danach haben wir endgültige Daten dazu, wie viele Personen genau kurzgearbeitet haben, in welcher Branche und wie groß der Arbeitsausfall war“, erörtert Sandra Pawlas. „Endgültige Daten liegen uns bis August vor. Wir können erkennen, dass in den Monaten April und Mai in der Spitze rund 40.000 Personen im Märkischen Kreis in Kurzarbeit waren. Das entspricht einer Kurzarbeiter-Quote von 25,1%“, führt Sandra Pawlas aus.

Im August waren 22.818 Personen in Kurzarbeit, die Quote lag bei 14,2 % (NRW: 7,4 %). „In der starken Inanspruchnahme von Kurzarbeit sehen wir das klare Signal unserer heimischen Betriebe, ihr Personal halten und nicht freisetzen zu wollen. Denn es wird auch eine Zeit nach Corona geben, in der Beschäftigte – vor allem Fachkräfte – mehr denn je gebraucht werden. Hier möchten wir auch noch einmal auf die Möglichkeit der Qualifizierung hinweisen: Vor allem die Zeit während Kurzarbeit kann für Qualifizierung genutzt werden. Wir beraten und unterstützen hier jederzeit gern“, ergänzt Sandra Pawlas.

Seit dem sich bereits im Oktober letztens Jahres abzeichnenden Lockdown, sind die Zahl der Anzeigen auf Kurzarbeit wieder gestiegen, liegen aber deutlich unter denen aus Frühjahr 2020.

Zeit für Qualifizierung nutzen

„Der Arbeitsmarkt hat die Folgen der Pandemie bisher verhältnismäßig gut verkraftet“, bilanziert Sandra Pawlas und ergänzt: „Dank der stabilisierenden Wirkung von Kurzarbeit konnte eine noch höhere Arbeitslosigkeit verhindert werden. Es ist daher jetzt wichtig, die Zeit für Qualifizierung zu nutzen, denn es wird auch eine Zeit „nach Corona“ geben, in der Fachkräfte gesucht werden.“

Für die vergleichsweise geringen Auswirkungen der Corona-Krise auf die Entwicklung der Arbeitslosigkeit im SGB II-Bereich nennt Jobcenter-Geschäftsführer Volker Riecke zwei Gründe: „Der Rückgang der Arbeitslosigkeit im Bereich des SGB II seit August 2020 ist darauf zurückzuführen, dass die Verlängerung der Arbeitslosengeld I-Ansprüche durch die gesetzlichen Maßnahmen der Bundesregierung zu deutlich niedrigeren Zugängen in das Jobcenter aus dem Bereich der Agentur für Arbeit geführt hat. Außerdem hat die seit dem Sommer zu verzeichnende leichte konjunkturelle Erholung zu steigenden Integrationserfolgen in den ersten Arbeitsmarkt geführt. Welche weitere Entwicklung die Arbeitslosenzahlen und die Zahlen der Bedarfsgemeinschaften im Bereich des SGB II unter dem Einfluss der Corona-Pandemie nehmen werden, lässt sich nur schwer einschätzen.

„Unabhängig davon werden die Arbeitslosenzahlen im Bereich des SGB II im Jahresverlauf aber wieder ansteigen. Bei vielen Arbeitslosengeld-I-Empfängern werden deren Leistungsansprüche enden, so dass sie danach Arbeitslosengeld II beantragen müssen,“ so die Prognose von Volker Riecke.

Pawlas und Riecke sind sich einig: „Zunächst ist abzuwarten, inwieweit sich durch die aktuelle Lockdown-Phase Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt ergeben. Wir blicken daher vorsichtig optimistisch in Richtung Frühjahr.“

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