Corinna Below hat auch Juan Fränkel und Ilse Smilg porträtiert. Fotos: Tim Hoppe

Meinerzhagen/Volmetal. „Ein Stück Deutschland“, so heißt das multimediale Erinnerungsprojekt der Hamburger Autorin Corinna Below. Sie hat 49 deutsch-jüdisch-argentinische Exilgeschichten erforscht, gesammelt, erzählt, geschrieben und in einem Film dokumentiert. Sie ist auf Einladung der VHS Volmetal in Kooperation mit der Meinerzhagener Initiative Stolpersteine am Freitag, 3. September, um 19.00 Uhr zu Gast in der Stadthalle Meinerzhagen.

Radio- und Fernsehjournalistin

Corinna Below arbeitet als Radio und Fernsehjournalistin beim Norddeutschen Rundfunk in Schleswig-Holstein. Seit 1989 lebt sie in Hamburg. Von 1982 bis 1989 hat sie aber in Kierspe gelebt und ist auf die dortige Gesamtschule gegangen. Jetzt kommt sie in ihre alte Heimat zurück, um in der Stadthalle Meinerzhagen von ihrem Projekt zu erzählen, aus ihrem Buch zu lesen und ihren Kurzfilm zu zeigen. Sie sagt: „Ich möchte die Erinnerung wachhalten. Ein Stück Deutschland ist ein Projekt gegen das Vergessen.“



Erinnerungen an Nazi-Deutschland

Corinna Below arbeitet als Rundfunk- und Fernsehjournalistin beim Norddeutschen Rundfunk in Schleswig-Holstein. Foto: Tim Hoppe

 „Wir können doch nichts dafür. Deutsch ist und bleibt unsere Muttersprache!“ Als er lange nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach Deutschland reist und am Stuttgarter Flughafen ankommt, fragt ihn ein Zollbeamter: „Na, wo kommen Sie denn mit diesen Überseekoffern her?“ Da überkommt ihn plötzlich ein Gefühl der Panik. „Ich habe den SS-Mann wieder vor mir gesehen.“ Juan Fränkel ist Jude und in der Nazizeit mit seiner Familie nach Argentinien geflohen. In „Ein Stück Deutschland“ geht es um Erinnerungen wie diese.

Als kleines Kind Berlin verlassen

Dass sich in ihrem Leben einiges veränderte, merkte die kleine Ilse das erste Mal, als fremde Leute in die schöne große Wohnung in Berlin-Charlottenburg kamen und das Hausmädchen zu ihr sagte: „Die kommen, um sich die Wohnung anzusehen.“ Ilse Smilg erzählt, wie sie schon damals ganz außer sich war. „Wer will in unsere schöne Wohnung?“, hat sie gefragt und hat die Antwort nicht verstanden. Sie konnte nicht verstehen, denn ihre Eltern haben nicht mit ihr über die Umstände und ihre Fluchtpläne gesprochen. So konnte die Veränderung das Kind nicht belasten, mögen sie geglaubt haben. Auch Ilse Smilg musste als Kind ihre Heimat Berlin verlassen. Sie lebt seitdem in Buenos Aires, Argentinien.

Geschichten von Gewalt und Ausgrenzung

Corinna Below erzählt mit dem Erinnerungsprojekt „Ein Stück Deutschland“ die Geschichten von 49 Jüdinnen und Juden, die in der Nazizeit geflohen sind. Ihre Geschichten handeln vom aufkommenden Antisemitismus in Nazideutschland. Es sind Geschichten von Verunsicherung, Ausgrenzung und Spott, von Gewalt und Verstörung. Und es sind Geschichten von der Erkenntnis, dass ihnen keine andere Wahl bleibt, als zu fliehen.

In San Miguel, einem Ort nördlich von Buenos Aires, steht das Hogar Adolfo Hirsch, das Altenheim der Deutsch sprechenden Juden Argentiniens. Ungefähr 170 alte Menschen leben hier. Alle sind Einwanderer der ersten Generation. Sie sind in Deutschland, Österreich oder Ungarn geboren, und ihre Lebensgeschichten sind bis heute eng mit Deutschland verknüpft, mit dem Deutschland der Nazizeit.

Eine Woche Zeit für 49 Interviews

2004 ist Corinna Below mit dem Fotografen Tim Hoppe nach Argentinien geflogen, um Interviews mit diesen Menschen zu  führen. Eine Woche hatten sie Zeit. 49 Interviews. 49 Begegnungen. Auf ihrem Zimmer, im Park des Heimes oder in einer Wohnung in der Stadt. Es galt, in kurzer Zeit sie kennenzulernen und zu erfahren, wie das war, damals in Nazideutschland, bevor sie ein neues Leben in der Fremde beginnen mussten.

Aus diesen Interviews ist 2016 ein Buch entstanden. 2018 dann eine Internetseite in drei Sprachen, mit Audios. 2019 flog sie, finanziert durch Crowdfunding, mit einer befreundeten Kamerafrau nach Buenos Aires, um einen Film mit den noch Lebenden zu drehen. Seit Beginn diesen Jahres produziert sie außerdem einen Podcast zum Projekt.

Der Vortrag mit Film „Ein Stück Deustchland, beginnt am Freitag, dem 3. Sepetmebr um 19 Uhr im großen Saal der Stadthalle Meinerzhagen. Einlass ist um 18.30 Uhr. Für den Besuch gilt die 3-G-Regel, Gäster müssen den Nachweis einer Impfung, einer Genesung oder eines Test mitbringen. Der Eintritt ist frei.

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