Lüdenscheid. Zohre Esmaeli wollte in Freiheit leben. Dafür musste sie als junges Mädchen gleich zweimal flüchten. Als sie 13 Jahre alt war, verließ sie mit ihrer Familie aus Angst vor den Taliban ihre Heimat Afghanistan. In Deutschland trennte sie sich im Alter von 16 jahren von ihrer Familie. „Mein Vater und meine Brüder verfolgten jeden meiner Schritte, strenger als sie es in Afghanistan getan hätte“, heißt es in ihrem Buch „Meine neue Freiheit – von Kabul über den laufsteg zu mir selbst“. Schülerinnen des Lüdenscheider Bergstadt-Gymnasiums lasen am Mittwochabend im Saal der Stadtbücherei aus der Biografie der 29-Jährigen, die inzwischen als Model international Karriere gemacht hat. Dazu stand die große schlanke Frau mit den ausdrucksvollen mandelförmigen Augen einer interessierten Zuhörerschaft Rede und Antwort.

Gefährliche Flucht

Zohre Esmaeli beantwortete in der Stadtbücherei jede Menge Fragen.
Zohre Esmaeli beantwortete in der Stadtbücherei jede Menge Fragen.

Die Veranstaltung in Kooperation von Bergstadt-Gymnasium Lüdenscheid, Stadtbücherei Lüdenscheid, Volkshochschule Lüdenscheid, Eine-Welt-Netz Lüdenscheid und Unterstützung der Sparkasse Lüdenscheid öffnete dem Publikum den Blick auf eine abenteuerliche und gefährliche Flucht, das Leben von Flüchtlingen und Deutschland und auf eine junge Frau, die ihren eigenen Weg gehen will.

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Mitten im Winter durch acht Länder

Die Flucht, von Schleppern organisiert und pro Kopf 5000 Dollar teuer, war eine Tortur. Der Weg war 10 000 Kilometer lang und führte die Familie auf der sogenannten Balkanroute durch zwei Kontinente und acht Länder – mitten im Winter, zusammengepfercht in Lastwagen und Kleinbussen, versteckt unter alten Decken auf Karren. Doch den größten Teil der Strecke mussten die Flüchtenden zu Fuß bewältigen. Sieben Monate lebte die Familie mit mehr als 60 Personen in einer fensterlosen und verdreckten Baracke. In ihrem Buch schildert Zohre Esmaeli auch eine hochgefährliche Flussüberquerung in der Slowakei. Sie musste sich an einen Lkw-Reifen klammern, um das andere Ufer zu erreichen.

Zohre Esmaeli als Model.
Zohre Esmaeli als Model.

„Es war immer die Angst, die mich angetrieben hat, eine positive Angst“, sagte sie am Mittwochabend. Diese Angst verließ sie auch in Deutschland nicht. Die Taliban waren nun keine Gefahr mehr. Dennoch führt sich die 13-Jährige nicht frei.

Ständige Kontrolle

Sie durfte sie nichts mit anderen Jugendlichen treffen. Ihren Freund verheimlichte sie vor der Familie. Der Vater hatte schon einen Ehemann für sie ausgesucht. „Ich lebte in ständiger Angst davor, mich in Deutschland afghanischen Normen unterwerfen zu müssen“, berichtete Zohre Esmaeli. Und so hielt sie auch geheim, dass ihr die Chance auf eine Modelkarriere eröffnet worden war. Schließlich lief sie von zuhause fort und lebte illegal bei der Familie ihres Freundes in Stuttgart.

„Ich musste meinen eigenen Weg gehen“

Hier begann ihr neues Leben. Der belgische Designer Gerald Watelet wurde auf sie aufmerksam und führte Zohre Esmaeli als Model in die Mode-Metropolen der Welt ein. Sie wurde bekannt als „das Model aus der Burka“. Mit ihrer Familie hat sie sich bei der Hochzeit mit ihren Freund ausgesöhnt. „Inzwischen akzeptieren alle, was ich tue.“ Von ihrem hat sie sich zwei Jahre nach der Hochzeit getrennt. „Ich musste einfach meinen eigenen Weg gehen“, sagte sie am Mittwoch.

Bis heute nicht nach Afghanistan zurückgekehrt

Nach Afghanistan ist sie bis heute nicht zurückgegehrt. „Meine Liebe zur Heimat bewirkt mehr als mein Erscheinen“, glaubt Zohre Esmaeli. Neben ihrer Modelarbeit ist sie als Botschafterin für die Save Society aktiv. Save Society ist eine Organisation die gegen Mobbing, Armut, Diskriminierung und für Integration kämpft. Dazu zählt auch der Einsatz für Frauenrechte in Afghanistan.

Das hat sie mit dem Bergstadt-Gymnasium Lüdenscheid (BGL) gemeinsam. Die Schule unterstützt seit zwölf Jahren die Atefa-Mädchenschule in Estalef/Afghanistan. Darüber und über ihre Arbeit hatte Zohre Esmaeli am Mittwochvormittag mit Schülerinnen und Schülern des BGL gesprochen.

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