Im Sozialkaufhaus Werkhof gibt's Möbel und mehr für kleines Geld. Foto: privat

Halver. Unruhe nach der Entscheidung des Verwaltungsgerichts Arnsberg: Es hat dem Discounter Lidl erlaubt auf dem Wippermann-Flächen zwischen Bahnhofstraße und Frankfurter Straße ein Lebensmittel-Discount-Geschäft zu errichten. Der Märkische Kreis konnte bislang nicht über die Anfrage entscheiden, da die Stadt Halver ihr Einvernehmen zu dem Vorhaben verweigert.

Sollte sich der Discounter langfristig durchsetzen, könnte das das Aus für das Sozialkaufhaus Werkhof bedeuten – zumindest am aktuellen Standort.

Online-Petition

Dagegen wendet sich unter anderem der Halveraner Axel Ertelt in einer Onlinepetition an Bürgermeister Michael Brosch. Sie wurde inzwischen von 433 Unterstützern (Stand: 27. August, 15.20 Uhr) unterzeichnet. Hier geht’s zur Petition:

https://www.openpetition.de/petition/online/gegen-discounter-lidl-der-will-sozialkaufhaus-werkhof-abreissen-und-dort-selbst-bauen

Auch Klaus Westensee (Gesellschafter der Schleifkottenbahn GmbH) und Friedrich-Wilhelm Kugel (ehemals Geschäftsführer der Schleifkottenbahn GmbH) haben sich zu Wort gemeldet. Sie schreiben:

Als Gesellschafter der SKB GmbH komme ich regelmäßig aus dem hohen Norden nach Halver. Meine Heimatstadt Heide ist als Kreisstadt mit 21.000 Einwohnern von der Größe her in etwa vergleichbar mit Halver – und strotzt im Vergleich zu Halver sowohl als Einkaufszentrum als auch mit vielen interessanten Einzelhandelsgeschäften in der Innenstadt gerade vor Lebendigkeit.

Die Lidl-Pläne gefährden den Standort des Werkhofs. Foto: privat

Viel Leerstand

Doch gehe ich in Halver durch die Innenstadt, sehe ich wenig Menschen und viel zu Leerstand – die Inhaber mussten schlicht aufgeben. Dass dahinter menschliche Schicksale stehen, ist das Kollateralopfer des Turbokapitalismus. Das Schicksal des Sozialkaufhauses und seiner Mitarbeiter ist offensichtlich ebenso einerlei wie die mit Füßen getretenen Möglichkeiten gerade unserer schwächsten Mitbürger, sich ihrerseits kostengünstig versorgen zu können.

Bisher habe ich noch nichts zur Frage gehört, ob der Werkhof endgültig geschlossen wird oder wohin er verlagert werden soll – und ob er seine Funktion als Sozialkaufhaus behält sowie – ganz wichtig – dann auch fußläufig erreichbar ist? Tatsache ist: Lidls Vorhaben stört die Sozialstruktur der Stadt – zugunsten kapitalorientierter Interessen.

Fragwürdiges Verhalten

Ganz allgemein erstaunt mich die Haltung der Verwaltung jedoch immer weniger. Wer solche Vorhaben nicht verhindert, dem gelingt es einfach nicht, das Aussterben seiner Innenstadt in den Griff zu bekommen! Zugegeben – gegen die Verlagerung des Lidl-Marktes hat sich die Stadt – wenn auch erfolglos – gewehrt. Doch warum nutzte sie nicht ihr Vorkaufsrecht? Später vor Gericht zählten nur noch juristische Fakten, nicht menschliche Schicksale – und die Stadt kann sich sogar noch auf das Urteil des verlorenen Verfahrens berufen, um dann selbst als schuldlos am Geschehen zu erscheinen – mehr als fragwürdig.

Zweigeteiltes Halver

Halver wird künftig also zweigeteilt sein: Ein blühendes verkehrsreiches Einkaufszentrum mit diversen Kettenunternehmen – und daneben „die tote Stadt“ (um den Titel der Oper von Kornblum zu zitieren).

Dazu passt, dass dafür Halvers andere große und wahrscheinlich einmalige Chance, zum Standort eines Innovationszentrums für moderne Eisenbahntechnik werden zu können – mit intensiver Verknüpfung zu Hochschulen und Industrie – vollkommen missachtet wurde. Diese großartige Idee wurde von dem leider verstorbenen weitsichtigen Halveraner Unternehmer Werner Turck intensiv mitgetragen und nach Kräften unterstützt. Letztlich war sie vor Ort aber „politisch nicht gewollt“. Das führte zu unumkehrbaren Fehlentscheidungen in Sachen Schienenverkehr mit nachteiligen Folgen für Halver – aber das war politisch gewollt!

Das Bahnhofsgelände ist für Investoren (Lidl) und alle, die auch daran verdienen, eben ein „Filetstück“. Da spielt es keine Rolle, ob der Schienenverkehr im Zeichen ständig zunehmenden und immer mehr überbordenden Autoverkehrs die lebensnotwendige Verknüpfung zur Außenwelt darstellt – nein! Weg damit. Es lockt der kurzfristige Profit; und nur der zählt.

Es war vor über 100 Jahren, als die Eisenbahn zum wirtschaftlichen Aufschwung zum Wohle aller Bürger Halvers einen großen Beitrag geleistet hatte.

Damals war unser Land Preußen eine Monarchie, in dem König Wilhelm II und sein Verkehrsminister darüber entschieden, wann und wo eine Eisenbahn gebaut werden konnte. Amtmann Otto Thomas wurde am 14. Dezember 1903 vom Verkehrsminister Preußens persönlich empfangen.

Heute haben wir formaljuristisch eine Demokratie, und die Bürger können ihre Volksvertreter zwar wählen. Doch weil die Parteien von ihren Großspendern abhängig sind, kann kein Bürgermeister, Landes- und Bundespolitiker etwas in Berlin erreichen.

Kein zusätzliches Leben

Dass in Halver die Schienen dann einem Radweg weichen sollen, passt in dieses Bild. So etwas nützt letztlich nur wenigen, bringt der Stadt kein zusätzliches Leben, wird sie aber in naher Zukunft enorm viel Geld kosten: Stichwort „Verkehrssicherheitspflicht“. Ohne dass hier Einnahmen generiert werden können, laufen die daraus entstehenden Kosten auch weitere 25 Jahre selbst nach einer heute nicht angedachten Schließung des Radweges – wurde diese Tatsache etwa schlicht vergessen?

Kurz zusammengefasst: Auch Halver bietet das Musterbild falscher Entscheidungen – zu Lasten seiner Bürger.

Dagegen wehren sich endlich die Bürger der Stadt. Wenn sie schon nicht durch die Stadtoberen gut vertreten werden können, dann müssen sie die Angelegenheit eben selbst in ihre Hände nehmen.

Gegendruck muss von unten kommen

Dazu kann zum Beispiel auch gehören, dass sich jeder Bürger fragt, wo er zukünftig leben und einkaufen will – und damit seine ideelle Unterstützung auch für die Schwächsten unserer Gesellschaft ausdrückt.

Denn ob es dieser Verwaltung gelingen wird, das Rad zurückzudrehen? Zweifel sind erlaubt!

 

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