Nancy Siskou. Musikerin, Mechanikerin, Mensch, beeindruckend. Fotos: Kannenberg Design & Kommunikation

Lüdenscheid. Nancy Siskou. Ich traf sie das erste Mal als Teil der „Liga“ in der „Zuccabar“. Die Liga ist eine Band, die sich aus mindesten sechs Nationen zusammensetzt. Junge Künstler, die sich von negativen Umständen nicht beeindrucken lassen und sehr zielstrebig inmitten der Dikussionen über Flüchtlinge, Krise und diverse Ängste einen eigenen, sehr taffen Weg zu den Herzen der Menschen finden.



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Nancy hatte es mir auf den ersten Blick angetan. Warum? Nun, Nancy ist eine junge Frau, die schon durch ihr Äußeres auffällt. Ein apartes Gesicht, ein Akzent, der nicht wirklich einzuordnen ist und eine Stimme, die tiefer ist, als man es bei einer Frau vermutet. Sieht man sie nicht, dann könnte man sie für einen Mezzosopran halten oder sogar für einen Tenor. Eine außergewöhnliche Stimme, sehr akzentuiert, sehr klar, mit einem besonderen Timbre. Eine Stimme, die man nicht so schnell vergißt und die automatisch mehr erwarten lässt.

Rote Mähne, taffer Blick. Nancy ist ein starkes Mädchen.
Rote Mähne, taffer Blick. Nancy ist ein starkes Mädchen.

Außergewöhnliche Stimmen ziehen mich an. Und: Gitarre spielt sie auch noch. Und Klavier. Eigene Songs schreibt sie zudem. Sie ist erst 20 Jahre alt. Aber sie umweht spürbar der Hauch von etwas Besonderem, etwas, das zukunftsweisend ist und doch geerdet.

Das nächste Mal treffe ich sie bei den Singer/Songwritern im Lönneberga, dann im Stock beim Breakfast-Club.

Unsere Wege kreuzen sich stetig. Das kann kein Zufall sein. Mein Interesse ist mehr als geweckt, ich bitte sie um ein Interview. Sie macht mich neugierig.

Wir treffen uns im Lönneberga. Einer der Wirte, nämlich Steffen Schulte-Lippern, im offiziellen Leben Top-Fotograf, steht heute ganz persönlich hinter dem Tresen. Zwei Meter „Smiley“ mit Käppi. Auf dem steht DEUS (Gott). Jow, alles klar. I like it! Er ist an diesem Abend auch tatsächlich der Fels in der Brandung und macht seinem Käppi alle Ehre. Er bewacht später die Tür und passt auf, dass alle sich in dem proppenvollen Lönne benehmen. Drinnen UND draußen. Kein Problem. Ihn zu sehen und sich NICHT zu benehmen ist schwieriger.

Nancy ist schon da, sitzt am Tresen und schreibt mir gerade per Facebook. Ich antworte aus dem „Off“, also direkt hinter ihr. Sie strahlt mich an. „Hej, Iris. Dachte schon, Du kommst nicht!!“ Ich mag Menschen, die pünktlich sind. Ich selbst schaffe das nämlich nie. Und da ist sie wieder. Diese Stimme. Tief. Besonders. Um uns herum ist es laut, sehr laut. Wir verziehen uns mit unserem Bier in eine Ecke. Sie sieht klasse aus. Knallroter Irokese, dunkle Augen, die unter schrägen Brauen hervorblitzen. In Nancy Siskou ist eine Menge Leben. Ganz ohne Zweifel.

Nancy, erzähl mir mal ein bisschen was von Dir. Deutsche bist Du ja nicht, woher kommst Du?

Sie sieht bereits aus wie ein Star. Kann gut sein, dass sei auch das noch schafft.
Sie sieht bereits aus wie ein Star.

Ich komme aus Griechenland, genauer gesagt aus dem nördlichsten Teil von Griechenland, direkt von der griechisch/türkischen Grenze. Aus dem Inland. Da, wo es zuerst knallt, wenns denn mal knallt.

Das wollen wir jetzt aber mal nicht hoffen. Seltsam, als Deutscher denkt man automatisch, dass alle Griechen am Meer wohnen. Aber ja, es gibt auch das Inland. Was hat Dich denn nach Deutschland verschlagen? Die sogenannte „Griechenlandkrise“?

Ja, mehr oder weniger. Meine Eltern waren schon vor mir nach Lüdenscheid gekommen. Um zu arbeiten. Innerhalb der EU ist das ja zum Glück mit wenig Problemen verbunden. Ich selbst habe erst mal die Schule in Griechenland zu Ende gemacht, ich wollte dann studieren. Schon vor der Krise hatte ich mir überlegt, entweder nach England oder Deutschland zu gehen. Letztendlich habe ich mich dann für Deutschland entschieden, einfach, um bei meiner Familie zu sein und auch, weil man als Grieche in Deutschland willkommen ist. Hier ist es nicht so schwer, wie in manch anderen EU-Ländern.

Wie alt warst Du, als Du zu uns kamst? Das muss doch hart gewesen sein für Dich.

Ich war erst 18 Jahre alt. Und ja, es war hart die ersten Monate. Meine Familie und ich mussten ja ganz von vorne anfangen. Zu Beginn bedeutete das das Schlafen auf Matratzen auf dem Boden, die Sprache nicht beherrschen, keine Freunde, alles war fremd. Erschreckend. Furchteinflössend. Ich war einsam. Eine sehr harte Zeit.

Nach ca. sechs Monaten hat es dann aber bei mir „Klick“ gemacht. Ich habe kapiert, das alles seine eigene Zeit braucht, dass man nichts über das Knie brechen sollte, sondern, dass ich mir diese Zeit auch selbst geben muss. Um die Sprache zu lernen, Freundschaften zu schließen, die Stadt und das Land kennenzulernen. Ich wollte einfach auch erfolgreich sein. Nicht abhängig sein von Ämtern oder dem Goodwill anderer. Als ich kapiert hatte, dass das dauert und nicht von einem auf den anderen Tag passiert, da war ich dann irgendwie auch angekommen. Der ständige Druck war raus. Es ging von da an bergauf.

Du sprichst ja sehr gut Deutsch und ich habe das Gefühl, Du hast auch viele Kontakte geknüpft, bist als Musikerin auch auf dem Weg hin zum Erfolg.

Ihr gemeinsamer Auftritt mit Serena im Stock. diesmal am Klavier.
Ihr gemeinsamer Auftritt mit Serena im Stock. Diesmal am Klavier.

Ich hatte natürlich auch die Möglichkeit, die Sprache schnell zu lernen. Heutzutage gibt es einfach viel mehr Möglichkeiten als früher, als Griechen wie ich hierher kamen, um zu arbeiten. Es gibt viele Sprachkurse, gute Angebote. Und der zuständige Sachbearbeiter beim Amt war einfach begeistert, als er merkte, dass ich nicht nur hier abhängen, sondern tatsächlich weiterkommen wollte.

Er hat buchstäblich alles für mich getan, um mir zu helfen, ein Ausbildungsstelle zu bekommen. Deutsch zu lernen.

Meine Erfahrung mit deutschen Ämtern ist die, dass die Leute dort Dir gerne und engagiert helfen, wenn sie den Eindruck haben, dass Du wirklich durchstarten und etwas aus Deinem Leben machen willst.

Ich habe jetzt eine Ausbildungsstelle als Industrie-Mechanikerin. Mache gleichzeitig mein Fachabitur. Das macht Spaß und ist genau das, was ich schon in Griechenland machen wollte.

Erstaunlich diese Kombi aus Ratio und Künstler-Gen. Du bist ja auch mit voller Power Musikerin.

Musikerin wollte ich ebenfalls schon immer werden. In Griechenland war ich mit 14 Jahren in einer Musikschule. Das hat mich begeistert. Gesang, Gitarre, Klavier. Damals war das aber noch klassisch. Ich wollte natürlich lieber rockige Sachen spielen. Pop, Balladen.

Ich bin daher Autodidakt. Alles, was ich jetzt kann und bin habe ich mir selbst beigebracht. Learning by doing.

Du wirkst so selbstbewusst, hast so scheinbar gar keine Angst…

Man muss sich auch einzuschätzen wissen. Und nachdem ich mich hier in einem fremden Land zurechtgefunden habe, scheint mir die Herausforderung, auf einer Bühne zu stehen nicht mehr ganz so groß. Wenn Du so einen Sprung schaffst, dazu noch in so einer kurzen Zeit, dann kannst Du auch mit einer Gitarre in der Hand ganz alleine auf eine Bühne treten. DAS schreckt Dich dann auch nicht mehr.

Wohin gehst Du, Nancy, ich meine musikalisch, aber auch als Mensch. Du bist ja noch sehr jung, hast Ergeiz, willst etwas aus Dir machen.

Sie spielt auch Gitarre.
Sie spielt auch Gitarre.

Nun, ich will meine Ausbildung so gut wie möglich beenden. Vielleicht noch studieren. Parallel dazu mich als Musikerin weiter entwickeln. Ich würde gern noch mehr eigene Songs schreiben, andere Musiker kennenlernen, gemeinsam etwas voran treiben. Erfolgreich sein.

Dabei stehe ich genauso gerne alleine, wie mit einer Band auf der Bühne. Beides macht mir riesig Spaß. Ich bin sehr vielseitig, stehe als Frontfrau vorne, kann mich aber auch genauso zurücknehmen und nahtlos einfügen.

Im Moment schreibe ich meine eigenen Songs noch auf englisch, da ich englisch fast fließend spreche. Aber ich würde auch gern deutsche Songs schreiben, mich auf deutsch lyrisch ausdrücken können. Daran arbeite ich. Ich nehme gerade mit dem Bassisten der Rock-Band „Radionative“, mit Steven Stegnitz, meine erste CD auf. Das ist sehr inspirierend. Und geht gut voran. Überhaupt, mit den hier lebenden Musikern zu arbeiten, macht einfach großen Spaß. Lüdenscheid ist eine sehr, sehr kreative Stadt mit vielen guten Musikern, überhaupt mit sehr vielen guten Künstlern. Ein großes Potenzial. Viele Möglichkeiten.

Hier kann ich mich entwickeln, ohne Druck. Mit Melina Fuhrmann, Nando Andreas oder Koroma zusammenzuspielen, das ist schon etwas, was uns alle begeistert hat. Da fließen auch kulturell so viele besondere Ideen ein. Das macht mir wirklich großen Spaß.

Wie geht es Dir im Moment?

Rote Mähne, taffer Blick. Nancy ist ein starkes Mädchen.
Rote Mähne, taffer Blick. Nancy ist ein starkes Mädchen.

Oh, es geht mir wirklich gut. Es gehen viele Türen auf, meine Familie und ich, wir sind gerne hier. Nie hätte ich gedacht, dass eine kleine Stadt wie Lüdenscheid solche Möglichkeiten bietet. Ich trete auf, wann immer es geht, auch mit meinen gecoverten Songs, lerne interessante Menschen kennen und blicke nach vorne.

Im Moment biete ich meinem Publikum einen breitgefächerten Mix aus gecoverten und eigenen Songs. Bei den Cover-Versionen achte ich darauf, dass auch die authentisch sind, dass sie von Nancy kommen und nicht klingen wie „irgendjemand“. Dadurch werden sie mit meinen eigenen Songs zu einem harmonischen Ganzen. Fließen ineinander über.

Was ist Dein Fazit nach zwei Jahren Deutschland?

Nancy Siskou.
Nancy Siskou.

Mein Fazit? Dass es unheimlich hart ist, sein eigenes Land zu verlassen. Seine Sprache, seine Freunde, seine Kultur. Und dass man das nur schafft, wenn man sich ganz bewusst entschließt, durchzuhalten und das Beste des neue Landes zu suchen. Helfende Hände anzunehmen, die Sprache zu lernen, nach vorn zu schauen.

Man muss die ersten Monate einfach durchhalten. Sich nicht entmutigen lassen. Es wird immer Menschen geben, die einen ablehnen, aber auch immer Menschen, die einem helfen. Dahingehend kann ich nur jedem Mut machen, der aus einem fremdem Land hierhin kommt. Man kann sich hier entwickeln, als Mensch, als Künstler. Man sollte niemals aufgeben. Klar, man hat dunkle Stunden und das Leben scheint niemals besser zu werden. Aber man kann es trotzdem  schaffen.

Halte ein halbes Jahr durch und zeige Deinem Umfeld, dass Du nicht bereit bist, aufzugeben. Dann fügt sich irgendwann doch alles irgendwie zum Guten. Man durchbricht so etwas wie eine innere Schallmauer. Danach wird fast alles besser. Und man wird einfach viel stärker, traut sich mehr zu. Wenn Du das einmal geschafft hast, dann kannst Du fast alles schaffen. Dann ist der Weg offen für mehr.

Nancy steht vor mir. Mittlerweile sind wir VOR dem Lönnberga gelandet. Drinnen war es einfach zu laut. Zwei Dj`s geben gerade alles. Steffen lehnt relaxt an der Tür. „DEUS“ hat alles im Griff. Nancy hat wieder ihre Gitarre auf dem Rücken. Sie strahlt so eine Kraft aus und dabei auch eine große Ruhe. Sie ist in Deutschland angekommen. Ganz Griechin, ganz Deutsche, ganz Europäerin. Dreisprachig, vielseitig begabt, Mechanikerin. Künstlerin. Sie gehört zu einer Generation, die es in sich hat, eine Generation, die zusehends und nicht durch ihre eigene Schuld ihre äußeren Sicherheiten verliert. Die auf sich selbst geworfen ist. Und ihren eigenen Wert und sich selbst in dem findet, was eigentlich wirklich zählt. Liebe, Standhaftigkeit, Selbstachtung, Respekt.

Sie gehört zu einer neuen Generation, die gezwungen wird, ihr Land zu verlassen und sich dennoch zurecht zu finden. Werte für sich selbst zu definieren, gute Werte, die einer Gesellschaft, die sich selbst gerade neu erfinden muss, viel Hoffnung geben könnten. Denn: Junge Menschen wie Nancy bestechen durch ihren Willen, für sich selbst, aber genauso auch für andere einzustehen. Sie haben den Willen, um etwas zu kämpfen und nicht aufzugeben. Aber auch bewusst zurückzugeben, was in sie investiert wurde.

Nancy Siskou wird ihren Weg machen. Sie und ihres Gleichen halten nicht verzweifelt fest. Sie haben gelernt, los zu lassen. Und genau damit, erfolgreich zu sein. Das Konzept der Zukunft? Auf jeden Fall: Bemerkenswert …

 

 

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