Michael Wirth, der Leiter der Flüchtlingsberatungstelle in Lüdenscheid. Fotos: Kannenberg

Lüdenscheid. Michael Wirth kenne ich schon relativ lange. Ihn genau zu beschreiben würde sicher ein Buch füllen, weil er so ein facettenreiches Leben führt. Er ist nicht nur der Leiter der Flüchtlingsberatungsstelle des Diakonischen Werkes des Evangelischen Kirchenkreises Lüdenscheid, sondern auch ein begabter Künstler, Teil einer Firma, die Videos jeder Kuleur anbietet und er ist schon sehr lange als Musiker mit Bands wie „Jamis“ oder ganz früher „Eden“ unterwegs. Als Schlagzeuger. Zudem ist er Buchautor und hat ein Buch geschrieben zum Thema „Flüchtlinge“.

Er fällt auf, groß, schlohweiße mittellange Haare und ein sehr sympathisches, freundliches Gesicht. Michael ist 59 Jahre alt und verheiratet und schon Großvater. Von neun (!) Enkeln, was ihn selbst zu Staunen bringt. Er erzählt mir mit einem Augenzwinkern, dass er manchmal selbst nicht mehr alle Namen seiner Enkel weiß und dass immer das Leben pur bei ihm zu Hause tobt.

Michael ist auch Musiker. Hier mit Jamis im Kulturhaus Lüdenscheid.
Michael ist auch Musiker. Hier mit Jamis im Kulturhaus Lüdenscheid.

Er ist ein Mann, zu dem man Vertrauen fasst, sobald er die Tür aufmacht. Dabei aber immer ein wenig neben der Spur. Er ist niemand, den man in eine Schublade stecken kann. Aus der würde er spätestens nach fünf Minuten herausspringen, weil ihm gerade eingefallen ist, dass er irgendwo irgendwas vergessen hat, das noch dringend zu erledigen ist.

Michael ist schon über 30 Jahre lang Leiter der Flüchtlingsberatung des Diakonischen Werks. Als bekennender Christ, geht es ihm bei seiner Arbeit im Kern um Matthäus, Kapitel 25 („Ich war fremd – und ihr habt mich aufgenommen“). Nach 30 Jahren Arbeit mit Flüchtlingen aus aller Welt, aktuell aus etwa 35 Nationen und mit über 300 Fällen, sieht Michael die Beratungsstelle als „einen Ort des Schutzes“.

„Ich bin ein gläubiger Mensch“, sagt er von sich, und der Schlüsselsatz, „ich war Fremder – ihr habt mich aufgenommen“ sei der erste und wichtigste Schritt bei der Begegnung mit den Schutzsuchenden, die in die Flüchtlingsberatungsstelle an der Graf-von-Galen-Straße kommen. “ Er liest die Bibel, vorzugsweise in englisch, kennt sich aber auch im Koran aus, denn viele seiner Schützlinge sind Muslime oder ganz anderer Glaubensrichtungen.

Hier ging es um eine Syrische Flüchtlingsfamilie der durch ein Konzert gemeinsam mit der Christusgemeinde und der Kreispolizeibehörde Märkischer Kreis und der Band IJAZZ geholfen wurde nach Deutschland einzureisen.
Hier ging es um eine syrische Flüchtlingsfamilie, der durch ein Konzert gemeinsam mit der Christusgemeinde und der Kreispolizeibehörde Märkischer Kreis sowie dem Rotary-Club und der Band IJAZZ geholfen wurde, nach Deutschland einzureisen. Foto: Z.V.gestellt von Michael Wirth

Er ist da völlig vorurteilsfrei. Muss er auch sein, denn die, die zu ihm kommen, haben oft schon eine Odyssee hinter sich, die ihnen jede Kraft und Hoffnung genommen hat. Hier noch nach dem „richtigen Glauben“ zu fragen, erübrigt sich zweifelsohne in dem Moment, in dem diese Menschen den Raum betreten. Als ich in die Flüchtlingshilfe komme, ist sie voller Menschen unterschiedlichster Hautfarben. Sie schauen mich alle mit großen Augen an, manche ängstlich. „Was will die Frau mit der Kamera? Freund oder Feind?“
Man spürt, dass sie alle gelernt haben, diese Frage als erste zu stellen, wenn sie jemandem begegnen, den sie nicht kennen.
Freund oder Feind? Freund, bitte!

Michael holt mich ab in in sein Büro, das voll gestopft ist mit Erinnerungen an Einsätze und kleinen Mitbringseln daher, Bildern von Flüchtlingen und Büchern, Büchern, Büchern. Wir trinken Kaffee.

Michael, danke, dass Du Zeit hast für „Unser Lünsche“. Ich bin ja gerade quasi schon mitten durch Dein Aufgabengebiet hindurch gegangen. Flüchtlinge. Menschen. So viele wie 2014 sind schon lange nicht mehr nach Deutschland gekommen. Und 2015 fließt der Flüchtlingsstrom unvermindert weiter. Überall in Afrika und im Nahen Osten sind Bürgerkriege. ISIS, BOKU HARAM, HAMAS etc. schaffen grausame Fakten. Wie gehst Du mit diesem Strom an Menschen um?

Die Unterlagen der Flüchtlingsfamilie, für die Spenden gesammelt wurden (s.o.)
Die Unterlagen der Flüchtlingsfamilie, für die Spenden gesammelt wurden (s.o.)

Ja, da hast Du recht. So viele Menschen, wie im Moment sind schon lange nicht mehr auf der Flucht gewesen. Hier geht es eigentlich nur noch ganz vorurteilsfrei darum, ihnen zu helfen und jeden Menschen ganz persönlich wahr- und ernstzunehmen. Wie würden wir uns fühlen, was würden wir uns erhoffen, wenn wir ausgebombt, verarmt und verzweifelt in einem fremden Land Zuflucht suchen müssten?

Ist es richtig, dass eine besondere Tragik der Flüchtlingswelle darin besteht, dass Frauen oft ganz alleine unterwegs sind oder nur mit ihren Kindern, weil man die Männer getötet hat oder verschleppt?

Das stimmt. Gerade die Flüchtlinge aus Nigeria, die vor Boku Haram flüchten, oder die aus dem Irak und Syrien, wo ISIS wütet, sind oft Frauen oder junge Mädchen. Sie haben alles verloren, haben oft mit ansehen müssen, wie ihre Männer vor ihren Augen getötet wurden, zusammen mit ihren Kindern. Sie kommen auf den abenteuerlichsten Wegen nach Deutschland. Wie durch ein Wunder. Und sind hier dann schwer traumatisiert.

Es gibt aber auch die anderen Fälle, und die werden immer häufiger: Banden entführen die Frauen aus ihren Familien. Dann erpressen sie die Familie mit Videos und Fotos, auf denen gezeigt wird, wie die Frauen vergewaltigt und gefoltert werden. Die Familien sind verzweifelt und kratzen alles Geld zusammen, um die Frauen freizukaufen. Oft gelingt es ihnen nicht, die Frauen überleben die Folter nicht. Wenn sie es tun, versuchen sie das Land zu verlassen, denn oft kommen die Banden zurück und holen sich dasselbe Mädchen noch einmal. Ich habe gerade hier so einen Fall, da hat man der jungen Frau eine brennend Flüssigkeit über den Rücken gegossen und das Video davon der Familie geschickt. Der Rücken ist total vernarbt, das Narbengewebe ist schlecht verheilt und entzündet sich überall. Sie wird jetzt hier in Hellersen behandelt. Man fragt sich oft, wie jemand so etwas überhaupt überleben kann.

Ich bin echt geschockt. Man hört das ja immer wieder, aber das täglich vor Augen zu haben, damit umgehen zu müssen …

"Bunt ist Kult" im Museum der Stadt Lüdenscheid. Hier die vorläufige Abschlussveranstaltung des 3-jährigen Integrationsprojektes.
„Bunt ist Kult“ im Museum der Stadt Lüdenscheid. Hier die vorläufige Abschlussveranstaltung des 3-jährigen Integrationsprojektes.

Ich mache das ja schon sehr lange. Es gab ja immer wieder große Flüchtlingswellen, die bei uns ins Land schwappten. Wobei ich nicht groß unterscheide zwischen Wirtschafts- und Politikflüchtlingen. Ob Du verfolgt wirst oder verhungerst, Du versuchst, Dein Leben zu retten. Da eine Unterscheidung zu machen, ist etwas, das ich nicht nachvollziehen kann. Einmal ganz davon abgesehen, dass sich jede Flüchtlingswelle bisher als Segen für unsere Stadt entpuppt hat. So wäre der wirtschaftliche Aufschwung von Lüdenscheid unmöglich gewesen ohne die sogenannten „Gastarbeiter“ der 60er und 70er Jahre. Die Italiener, Spanier, Griechen, die heute unser städtisches Leben um soviel reicher machen. Aber auch die Eriträer, Tamilen, Russen oder Iraner, Iraker, die bei uns sind, bringen soviel Gutes mit in unsere Gesellschaft, sind oft hochqualifizierte, fleißige Leute, die einfach eine Chance brauchten und brauchen, um zu zeigen, was sie können. Wir schmeißen sie oft alle in einen Topf, aber dass hinter jedem Flüchtling ein Schicksal steht, vergessen wir dabei gerne.

Es sind ja gerade im Moment oft die gebildeten Menschen, die aus Ländern wie dem Irak fliehen müssen. Einfach nur ihres Glaubens wegen. Oder weil sie „zu westlich“ denken, also demokratische Werte haben. Und weil es ja Tendenzen gibt, einzelne Länder wieder ins Mittelalter zurückzukatapultieren. Mit Hilfe von Internet, Handy und co. selbstverständlich. Und hochtechnologischen Waffen.

Anita S. – MENSCH! Das Plakat an der Wand ist Programm für Michael.
Anita S. – MENSCH! Das Plakat an der Wand ist Programm für Michael.

Ja, wir haben immer wieder Ärzte, Ingenieure, Agrarwissenschaftler, aber auch viele Künstler, Musiker, Schriftsteller und Journalisten unter den derzeitigen Flüchtlingen. Da verlieren Länder gerade ihre komplette geistige Elite und natürlich auch ihre Kulturträger.

Wobei das aber nicht relevant ist, welche Berufe die Menschen haben, da jeder Mensch kostbar ist und jedem geholfen werden sollte, der Hilfe braucht. Wichtig wäre es nur, dass es diesen Menschen noch einfacher gemacht werden würde, direkt hier zu arbeiten, sich zu integrieren. Sie wollen sich integrieren. Was nicht heißt, dass sie ihre Identität aufgeben sollen. Die gehört zu ihnen, ihr ethnisches Erbe. Ihre Kultur. Aber die meisten wollen doch so schnell es geht, unserer Gesellschaft etwas zurückgeben, also sich eingliedern, arbeiten, sich selbst unterhalten. Unabhängig sein. Jemand, der im Irak eine Klinik geleitet hat, hat wenig Lust, hier untätig herumzustehen. Es ist schon viel passiert von Seiten der Bundesregierung, um den Einstieg ins Arbeitsleben zu erleichtern, aber es kann noch soviel mehr getan werden.

Wahrscheinlich wären dann auch die Vorbehalte gegen Flüchtlinge nicht so groß.

Tatsächlich ist es eines unserer erklärten Ziele, Integration voranzutreiben. Getthoisierung entgegenzutreten. Und das mit Erfolg. Mittlerweile geht die Tendenz, diese Menschen unterzubringen eher dahin, sie in ganz normalen Wohnungen in ganz normalen Häusern unterzubringen. EINE irakische Familie in einer Straße fällt nicht auf, niemand stört sich daran, sie sind willkommen und haben den Frieden, sich einzuleben und Fuß zu fassen. Die Politik, Asylanten in Asylantenheime zu pferchen, in winzig kleine Zimmer zu vier oder fünf Fremden, manchmal Jahre lang, ist ein Auslaufmodell. Das schafft nur Aggressionen in den Heimen und außerhalb und regt die Bevölkerung auf, die um das Asylantenheim herum wohnt. Konflikte sind da ja quasi vorprogrammiert. Nein, wir versuchen aktiv zu helfen und auch in der Politik ein Bewusstsein zu schaffen, dafür, dass man Brandherde nicht extra schaffen sollte sondern Konfliktpotenzial durchaus auf ein Minimum reduzieren kann.

Wie geht ihr denn mit so einem Flüchtling um, wenn er zu euch kommt?

Hier ist er mit Jamis Records unterwergs. Für Kultbühne, einer Initiative auf dem Stadtfest des vereins KultStädte e.V., den er mit gegründet hat.
Hier ist er für die Kultbühne unterwegs. Einer Initiative auf dem Stadtfest des Vereins KultStädte e.V., den er mit gegründet hat. Foto: Isabel Siliakus

Nun, wir schauen erst einmal, ob wir uns überhaupt verständigen können. Wenn dies nicht möglich ist, kümmern wir uns um einen Dolmetscher.Mit seiner Hilfe finden wir heraus, was der Person oder ganzen Familie widerfahren ist. Wie wir helfen können. Und helfen können wir z.B., indem wir versuchen Angehörige zu finden, die auch geflüchtet sind.

Viele Ankommende wissen nicht, was aus ihren Familien geworden ist, manche Familien sind in alle vier Himmelsrichtungen geflohen. Wir haben hier in Deutschland ganz feste Beziehungen in den Flüchtlichshilfen der einzelnen Städte untereinander und können uns so auch bei dieser speziellen Problematik helfen.

Auch über das DRK oder die Kirchen gibt es viel Hilfe, auch diese Einrichtung hier ist ja eine Einrichtung der Evangelischen Kirche. Wir schicken die Menschen dann auch zu ärztlichen Untersuchungen, da viele ja gefoltert wurden und schreckliche Wunden haben oder einfach völlig mangelernährt sind. Und oft sehr erschöpft. Ich muss da auch noch einmal ausdrücklich den Ärzten unserer umliegenden Kliniken danken und so vielen niedergelassenen Ärzten, die uns mit Rat und Tat vorbildlich zu Seite stehen. Sie finden immer eine Weg und sind immer da, wenn wir sie brauchen. Wirklich eine gute Zusammenarbeit.

Aber auch die Behörden tun ihr Bestes. Die Städte und Länder. Es ist Hilfe da. Ohne Wenn und Aber.

Aber es gibt ja auch viel Widerstand aus der Bevölkerung.

Auch ein gelungenes Integrationsprojekt. Der Internationale Frauentag wurde mit vielen Frauen der unterschiedlichsten Nationen im Rathaus gefeiert.
Auch ein gelungenes Integrationsprojekt. Der Internationale Frauentag wurde mit vielen Frauen der unterschiedlichsten Nationen im Rathaus gefeiert.

Den gibt es eigentlich nur, wenn man sie außen vor lässt. Wenn man die Bevölkerung integriert, wird sehr schnell klar, dass die meisten sehr gerne helfen, wenn man ihnen nur die Möglichkeit gibt, zu partizipieren.

Die Deutschen sind nicht umsonst die spendenfreudigste Nation der Welt. Wir haben ein großes Herz. Aber man muss schon verstehen können, warum die Stadt 3 Millionen Euro für Asylanten übrig hat und kein Geld für eine neue Straße oder eine Kita. Wenn man dann aber die Möglichkeit hat, diese anonymen Flüchtlinge einmal selber kennenzulernen und die Schicksale hinter den Gesichtern zu erfassen, verzichten die meisten sicher gern auf eine neue Straße, um dann lieber ein Menschenleben zu retten.

In dem Moment, wo man begreift, dass es sich hier um MENSCHEN handelt, und das man selbst einer von ihnen sein könnte, ändert sich die innere Haltung bei den meisten schlagartig. Ein Prozess, den wir auch gezielt anstoßen, durch die vielen Integrationsprogramme, die wir bieten, deren Ziel es ist, die hier lebende Bevölkerung und die Neuankömmlinge zusammenzubringen.

Wie genau macht ihr das denn?

Wir beteiligen uns an Initiativen z.B. wie „Bunt ist Kult“ einem Intergrationsprogramm von Bund, Ländern und EU, bei dem gemeinsam multikulturelle Feste gefeiert werden, Kunst und Musik gemacht, gemeinsam Ausflüge angeboten werden, gekocht wird und vieles mehr. Dann arbeiten wir eng mit den Vereinen mit Integrationsauftrag wie „Wir hier Lüdenscheid“, sowie dem Alevitischen und dem Tamilischen Kulturverein, den griechischen, italienischen, serbischen, spanischen Kulturvereinen, die alleine oder auch mit uns zusammen hervorragende Arbeit leisten, zusammen. Oder Vereinen wie Kultstädte e.V., den ich auch mitgegründet habe, die sich der musikalischen Förderung von Jugendlichen, besonders auch deren mit Migrationshintergrund verschrieben haben.

Er schreibt gerne. Hier ein Drehbuch für Jamis Records. Aber er schreibt auch Bücher über Flüchtlinge.
Er schreibt gerne. Hier ein Drehbuch. Aber er schreibt auch Bücher über Flüchtlinge. Foto: Z.V. gestellt von Michael Wirth

Viele Kirchen haben besondere Programme für Flüchtlinge, unterstützen sie bei der Wohnungssuche, Arztbesuchen etc.. Aber auch Institutionen wie der Stadtjugendring oder das Jugendkulturbüro sind mittlerweile Instanzen, die wertvolle Arbeit hier in der Stadt besonders auch für die Intergration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund leisten.

Ihr arbeitet gut zusammen oder?

Ja, zum Glück gibt es in Lüdenscheid sehr viele engagierte Menschen, denen egal ist, woher jemand kommt. Und die über das normal Maß hinaus helfen, wo sie können.

Aber jeder kann etwas tun, nur dadurch, dass er sich informiert und nicht einfach ins pauschale Urteilen verfällt. Auch das ist Teil der Flüchtlingsberatung. Die Menschen da draußen zu informieren, Brücke zu sein, zwischen dem Fremden und dem, der hier schon lange lebt.

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„Bunt ist Kult“ im Museeum. Im Vordergrund: Bürgermeister und Landrat.

Michael, eure Hilfstätigkeiten beschränken sich ja nicht nur auf Hilfe vor Ort. Ihr fahrt ja auch in die betroffenen Länder, um gezielt Hilfsgüter in die Flüchtlingslager zu bringen. So habe ich Dich mal wegen eines Problems mit einem Video angerufen und Dich in Jordanien erreicht. Das war schon irgendwie krass.

Ja, wir bringen regelmäßig Hilfsgüter in die Krisenregionen. Um uns ein Bild von der Situation zu machen und damit die Hilfgüter auch tatsächlich ankommen, müssen wir persönlich anwesend sein. So waren wir in Jordanien und an der Grenze zu Syrien, als Du mich damals angerufen hats. Das ist eine spannende und gefährliche Angelegenheit. Oft werden ja mittlerweile auch die Helfer gekidnappt oder angegriffen. Immer wieder auch getötet. Wenn Du da unten bist in so einem Land, musst Du schon eine Menge Gottvertrauen mitbringen.

Wenn wir unterwegs sind, haben wir meistens Dolmetscher dabei, die die Landessprache beherrschen. Auf die muss man sich dann mehr oder weniger verlassen. Ich hatte aber auch die Situation, dass ich ganz alleine vom Hotel mit dem Taxi zu dem Lager fahren musste, in dem wir gearbeitet haben. Ich sprach kein Arabisch, die kein Englisch. Also hat mir der Hotelangehörige das Ziel für den Taxifahrer auf arabisch auf einen Zettel geschrieben und den habe ich dann dem Taxifahrer gezeigt.

Einfach sehr sympathisch und sehr engagiert: Michael Wirth.
Einfach sehr sympathisch und sehr engagiert: Michael Wirth.

Da lernst Du dann wirklich das beten, weil Du nie weißt, ob der Taxifahrer Dich zum Lager fährt oder irgendwohin, wohin Du ganz sicher nicht willst. Aber bisher ist immer alles gut gegangen.

Und wenn Du wirklich einen Blick bekommen willst für die Situation vor Ort und ein Herz für diese Menschen, dann machte es Sinn, einmal dort gewesen zu sein. Das verändert jede Perspektive, die Du bisher gehabt hast. Du wirst dankbar für Dein eigenes Leben. Ich habe ja schon meine neun Enkel, und bin einfach sehr, sehr dankbar, dass sie hier bei uns groß werden dürfen und nicht in einem Flüchtlingslager. Wir haben manchmal Mütter mit fünf oder noch mehr Kindern dort angetroffen, deren Männer getötet wurden und die buchstäblich NICHTS mehr besitzen.

Ich bin sehr berührt, über das, was er mir hier erzählt hat und hoffe, unseren Lesern geht es ebenso. Die zwei Stunden hier in der Flüchtlingsberatung mit Michael Wirth zusammen, haben mich noch einmal ganz neu dafür sensibilisiert, dass es sich bei jedem Asylanten, der bei uns an die Tür klopft, um einen Menschen handelt. Einen Menschen, der nicht einfach so zum Spaß seine Sprache, sein Land, seine Familie, seine Freunde und seinen Job aufgegeben hat, um quer durch Afrika und Europa zu uns zu flüchten. Jeder, der das geschafft hat, ist allein schon ein Wunder für sich. Und ist es wert, ihn freundlich aufzunehmen und zu schützen. Immer in der Hoffnung, dass uns niemals das gleiche widerfährt. Wir sollten einfach dankbar sein …

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