Matthias Ortmann, seine Liebe gilt seinen Chören und der A-cappella Musik. Fotos: Kannenberg

Lüdenscheid/Halver. Matthias Ortmann ist der Mann der vielen Chöre. Sieben sind es im Augenblick. Zwei davon in Oberbrügge (Halver) und einer ist geplant in Lüdenscheid. Matthias habe ich in einem Musikcafé in Lüdenscheids Oberstadt kennengelernt. Da saß er auf einmal neben mir am Klavier und spielte einfach drauf los. Aber nicht irgendwas. Sondern einen Jazz-Standard nach dem anderen. Dann Musical, ein bisschen Gospel, wieder Jazz. Und sang dabei. Die Stimme war außergewöhnlich. Ausgebildet. Besonders. So kamen wir ins Gespräch. Er war mit seiner Freundin Nadine da, als die beiden sich später verabschiedeten, hatten die Café-Inhaber bereits einen Termin für ein Konzert mit ihm gemacht. So jemanden lassen sie sich nicht entgehen.

Matthias und Nadine. Hier will der Kontrabass von Max Jalaly bearbeitet werden. Er kam mit dem Leben davon;-)
Matthias und Nadine. Hier will der Kontrabass von Max Jalaly bearbeitet werden. Er kam mit dem Leben davon;-)

Von da an sah ich die beiden öfter, Nadine und ihn. Und wollte mehr über ihn wissen. Er sieht jung aus, anfangs schätzte ich ihn auf Mitte zwanzig. Er ist aber schon 38 Jahre alt, hat zwei Kinder, lebt getrennt von deren Mutter. Was ihn nicht daran hindert, sich zu kümmern und auch ganz schön stolz auf die beiden Kids zu sein. Und er ist ein Vollprofi. Er überlässt wirklich gar nichts dem Zufall. Alles, was er tut, hat Hand und Fuß.

Keiner, der sich als Person in den Vordergrund drängt, sondern jemand, der sich eher zurück nimmt. Der seine musikalische Begabung für sich sprechen lässt. Wenn er am Klavier sitzt. Oder einen Chor dirigiert. Oder singt. A-Capella vorzugsweise. Mit seiner Formation „Add one“ z.B. Dann wird schnell klar, dass er wirklich was drauf hat.

Matthias entdeckte schon als Kind den Gesang für sich und brachte es nach dem ersten Kinderchor auf ca. 12 weitere, von Gospel über Jazz bis Barbershop. Chöre sind eben seit seiner Kindheit seine Leidenschaft.

Dies ging dann 2002 zur Chorleitung über, heute u.a. von „The Albert Singers“ (Halver) oder “Confidence” (Alpen/Niederrhein). Masterclasses für Gesang absolvierte er u.a. bei Mark Murphy, Deborah Brown, Maria de Fatima, den New York Voices und der Real Group. A cappella im Ensemble ließ ihn seit ersten Versuchen mit 17 und während des Studiums Jazz/Pop-Gesang und Gesangspädagogik (ArtEZ Conservatorium Enschede) nicht mehr los. „Yellow and green“ und bis dato „6-Zylinder“ aus Münster gehörten ebenfalls zu seinen Stationen.

Auch als Solosänger unterwegs. Hier im Karolinas an der Werdohler Straße.
Auch als Solosänger unterwegs.

Matthias Ortmann ist Berufsmusiker und leitet nicht nur einen Chor. Er ist auch Sänger, Arrangeur und Vocal Coach. Bietet Arrangements und Kompositionen für Chöre, Vokalensembles und Bands an, gibt Gesangsunterricht, trainert Sänger und Musiker in speziellen Workshops und fördert mit „JeKiSS“ ganz junge Nachwuchssänger.

Z.Z. absolviert er zudem noch eine Zusatzausbildung als „Chorleitung für Pop und Jazz der Stufe B“ an der „Bundesakademie für Kulturelle Bildung“ in Wolfenbüttel. Und er schreibt eigene Songs, die es in sich haben. Seine ganz besondere Liebe gilt dem Jazz. Für den schlägt sein Herz.

Demnächst geht er als musikalischer Leiter für 3 Monate auf ein Schiff der Superklasse. Auf das TUI-Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff“, die sich sicher nicht umsonst unter den vielen Mitbewerbern Matthias ausgesucht haben.

Ich treffe mich mit ihm in Lüdenscheids Oberstadt zum Frühstück. Ich probiere das vegetarische Frühstück im Café Weßling, Matthias isst ein halbes trockenes Brötchen. Er bestellt einen Kakao. Der macht ihn angeblich immer so satt. Ich wundere mich, sage aber noch nichts. „Special“ eben, der Matthias. Ich würde mich nicht wundern, wenn er mir gleich erzählte, dass seine Mutter vom Planeten „Betageuze“ stammt und mit ihrem Raumschiff zufällig auf der Erde gelandet ist. „Per Anhalter durch die Galaxis“, das würde zu ihm passen.

Matthias, wie war das Konzert in Lüdenscheid? Da bist Du ja ganz allein aufgetreten. Ohne Chor oder A-cappella Formation, sondern nur Du, Deine Stimme und Dein Klavier. Du trittst ja sonst vor viel, viel mehr Publikum auf, bist erfolgreich mit „Add one“ und Deinen Chören. Du hattest aber auch an diesem Abend ein ganz schön großes Aufgebot von Fans dabei.

Die "Albert-Singers" fast vollständig bei seinem Solokonzert versammelt.
Die „Albert-Singers“ fast vollständig bei seinem Solokonzert versammelt.

Das war einer meiner Chöre, die „Albert Singers“ aus Halver-Oberbrügge. Zwar nicht alle, wir sind über 40 Leute. Aber doch ganz schön viele von ihnen. Es hat Spaß gemacht, mal wieder alleine aufzutreten, einfach auch, um mal zu sehen, wo ich da stehe. Der Abend war gut.

Ja, alle hatten Fun und wollten Dich gar nicht mehr weglassen. Du bist ja musikalisch auch ziemlich vielseitig aufgestellt. Langweilig wurde es nicht.

Unterschiedliche Dinge zu tun und dabei immer wieder vor neuen Herausforderungen zu stehen macht mir einfach Spaß. Ich habe in Maastricht Jazz studiert, ein Jahr lang. Leider hat es mich da nicht wirklich umgehauen. Denn dort war genau das das Problem. Es war langweilig und wenig motivierend. Der Unterricht fiel so oft aus. Man wurde relativ klein gehalten, wenig gefördert. Ich habe dann nach einem Jahr dort aufgehört.

Ich wollte meine Zeit nicht mehr investieren in Projekte, die nichts bringen außer einem hohlen Gefühl. Nach einem Versuch, etwas Solides zu tun, nämlich Lehramt zu studieren, musste ich mir eingestehen, dass ich für SO viel Solides auch nicht geschaffen bin. Es war dann nicht so einfach für mich, eine Uni zu finden, an der ich Jazz und Pop im Bereich Gesang studieren konnte. Glücklicherweise habe ich dann von Enschede gehört. Wieder Niederlande.

Da habe ich mich dann beworben und es hat auf Anhieb geklappt. Dort bin ich bis zu meinem Abschluss geblieben und habe Gesang daher richtig und mit Diplom studiert. Jazz hätte dort noch mehr im Focus stehen können, das war dann doch nicht ganz so ausgeprägt, wie ich es mir erhofft habe. Aber die Zeit für Experimente war da erst mal vorbei. Ich habe das durchgezogen.

Wie bist Du dazu gekommen, Gesang zu studieren. Viele würden das als mutig bezeichnen. Wo bleibt da das sogenannte Sicherheitsdenken?

Ich habe als Kind schon gesungen und getrommelt, bin früh in den im Chorgesang eingestiegen und habe dann zusätzlich Klavier gespielt, um mich gesanglich begleiten zu können. Gesang ist einfach mein Ding, meine Leidenschaft, meine Passion. Klar, ich habe vor dem Abitur hin und her überlegt, wegen Sicherheit und so. Aber mein Weg ist wohl ein anderer. Ich kann mit Sicherheit nicht viel anfangen, mit Musik aber schon. Living for music. Ich will nichts anderes machen. Zudem habe ich schon früh eine große Leidenschaft für A-cappella Musik entwickelt.

Seine A-capella Truppe. Add one.
Seine A-cappella Truppe. Add one. Foto: Z.V. gestellt von Matthias Ortmann.

Wo liegt Dein musikalischer Schwerpunkt?

Gesang ist ganz generell meine Stärke und daher auch mein Schwerpunkt. Klavier kam eher so dazu. In die Chorarbeit bin ich fast organisch hineingewachsen. Als ausgebildeter Sänger wurde mir irgendwann die Frage gestellt, ob ich nicht andere Menschen in diesem Bereich ausbilden könnte.

Wo kommst Du eigentlich her und wie hat es Dich ins Sauerland verschlagen?

Ich komme ursprünglich aus dem Ruhrpott und wohne gerade in Dortmund. Hatte aber immer irgendwie eine Beziehung zum Sauerland, die sich gerade immer mehr festigt. Die Menschen hier gefallen mir. Viele Individualisten. Wie ich. Ich bin mittlerweile sehr regelmäßig in Halver. Wegen der Chöre. Aber ich bin auch gerne in Lüdenscheid unterwegs. Hier gibt es interessante Entwicklungen in der Musikszene.

Wie passt denn Gospel und Jazz eigentlich in Deine Liebe zum A-cappella? Mit „Add one“ bist Du da ja erfolgreich unterwegs. Man hat ja eh gerade das Gefühl, dass auch dieser Musikstil seine Renaissance feiert.

Manchmal auch nachdenklich. Er macht sich viele Gedanken. Läßt das Leben nicht einfach nur an sich vorrüberziehen.
Manchmal auch nachdenklich. Er macht sich viele Gedanken. Läßt das Leben nicht einfach nur an sich vorrüberziehen.

Man kann ja jedes Instrument mit der Stimme imitieren. Man kann alles A-cappella singen, gerade das ist ja die Herausforderung und erzeugt oft einen besonderen Überraschungsmoment. Wenn man einen Song bringt, den das Publikum in einer A-cappella Version absolut nicht erwartet. Mir ist es dabei generell wichtig, dass es grooved. Ich bin kein Singer/Songwriter. Da fehlt mir etwas. Ich liebe den Rhythmus von Jazz, Funk, Soul. Es muss grooven. Der Rhythmus muss mich ansprechen. Muss mein Herz berühren.

Was bei mir zudem stimmen muss, sind die Harmonien. Es muss Harmonie in der Musik sein. Das gefällt mir eben so gut an der Chorarbeit. Diese Mehrstimmigkeit und die Spannung, die sie erzeugt reizt mich. Abwechslung ist Trumpf.

Hast Du schon eigene CD´s produziert?

Ja, meinem meinem ehemaligen Ensemble „6-Zylinder“, mit „Add one“ und zwei CD´s für einen Verlag für Seniorenhilfe. Da habe ich eine CD mit Volks- und Wanderliedern und letztes Jahr eine Weihnachts-CD produziert. Ziel dabei ist es, die CD mitsingen zu können. Das heißt die Songs sind noch einmal als Playback eingespielt. Das ganze dient einem therapeutischen Zweck. In der Demenzhilfe z.B., da die Musik an sich die Fähigkeit besitzt, sehr lange im Gedächtnis zu bleiben und durch Erinnerung neue Neuronen-Bahnen zu bilden, also regenerativ ins Gehirn einzugreifen. Besonders die Lieder aus der Kindheit sind plötzlich wieder da, deshalb auch die Ausrichtung auf die Volks- und Weihnachtslieder. Liedgut aus der Kindheit der betroffenen Senioren. Von daher sind die CDs in ihrer Anwendung sehr erfolgreich.

Würdest Du Dich für einen seltsamen Typ halten?

Ja, definitiv! Von aussen gesehen sicher. Das bringt mein Beruf mit sich. Ich könnte keinen normalen Beruf ausüben. Ich brauche ständig neuen Input kreativer Natur.

Ich kämpfe nicht mehr solange um Dinge, die sich nicht lohnen, von denen kein Feedback kommt. Ich investiere mich lieber da, wo mir Interesse entgegen schlägt. Und Respekt. Wo es sich lohnt, meine Kraft zu investieren. Alles andere halte ich für verlorene Zeit, die einem niemand mehr zurück geben wird. Wenn ich die Chance habe, etwas Interessantes zu tun, das mich glücklich macht, aber mit Risiko verbunden ist, dann ergreife ich das. Nichts ist schlimmer, als vielleicht nach Jahren zu merken, dass man seine Kraft ganz umsonst investiert hat und die guten Dinge an einem vorbeigezogen sind. DAS will ich nicht für mein Leben. Und das habe ich ziemlich früh begriffen.

Wo siehst Du Dich in zehn Jahren?

Hier sitzt er in der vordersten Reihe bei den Proben für das Luther-Pop-Oratorium, die mit 3000 Sängern in der Westfalenhalle statt fand.
Hier sitzt er in der vordersten Reihe bei der Probe für das Luther-Pop-Oratorium, die mit 3000 Sängern in der Westfalenhalle statt fand.

Ich sehe mich in zehn Jahren auf dem gleichen beruflichen Weg wie jetzt. Dieser Mix aus vielen unterschiedlichen Herausforderungen reizt mich. Ich fühle mich inspiriert von der Vielseitigkeit, in der ich lebe.

Du hast ja auch durchaus Entertainer-Qualitäten, bist witzig und hast Dein Publikum voll im Griff. Kannst es motivieren, dass es Dir zuhört. Und möglicherweise nicht nur unterhalten wird, sondern sogar noch etwas lernt.

Ich lerne gerade, das im Moment noch zu vertiefen. In der Chorleiterausbildung in Wolfenbüttel, die ich ja noch zusätzlich mache. Die Ausbildung dauert zwei Jahre bis zum Diplom im Bereich „Chorleiter für Jazz- und Popmusik der Stufe B“. Dort lerne ich noch mal ganz anders, mit den Menschen umzugehen, die ja die Hauptherausforderung sind im Leben. Diese vielen unterschiedlichen Charaktere zu einem Chor zu machen, ist schon eine besonders spannende Aufgabe und auch eine große Freude. Ich kann diesen Lehrgang nur empfehlen. Wer schon Chorleitererfahrung hat, sollte die Bundesakademie für sich entdecken. Es lohnt sich wirklich, man lernt sehr, sehr viel und gewinnt noch einmal ein neues Verständnis für die Chorarbeit.

Deine Stimme ist erstaunlich variabel.

Ja, ich habe ein sehr große Bandbreite in der Stimme. Eigentlich Bariton, kann ich jede Stimme im Chor vorsingen. Ich gehe ja jetzt auf das Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff“ als musikalischer Leiter. Da ist es von Vorteil, wenn man sich ganz generell auf eine große Bandbreite in diesem Job berufen kann. Ich bin sehr gespannt auf mein Aufgabengebiet, auf die Künstler dort. Auf einem Schiff war ich bisher noch nicht. Wir werden jedenfalls singend und spielend auf dem Mittelmeer herumschippern.

Das wäre nichts für mich, ich werde selbst auf einem Trampelboot leicht seekrank. Aber ein Kreuzfahrtschiff ist da schon eine ganz andere Nummer. Apropos spielen. Du spielst ja auch sehr gern mit Worten.

Ja, und da sehr assoziativ. Ich bin ein Wortjongleur. Was mir beim Texten meiner Lieder natürlich sehr hilft. So fällt mir zu Deinem Namen z.B. folgendes ein: Wer einen Kannenberg hat, muss wohl auch alle Tassen im Schrank haben. Bildreiche Worte setzen in mir neue Bilder frei.

Ich fall kurz um vor Lachen. Guter Spruch. Muss ich mir merken.

Wie bist Du denn eigentlich zu den „Albert Singers“ gekommen? Dortmund – Oberbrügge ist ja nicht gerade der Weg, den man sich für sich selbst so ausdenkt.

Erwischt. Mit Nadine, kurz bevor es losging.
Erwischt. Mit Nadine, kurz bevor es losging.

Per Annonce, ganz profan. Das wurde ein Chorleiter gesucht für die „Albert-Singers“ und den Oberbrügger Männerchor.

Ich habe mich beworben und wurde genommen. Und bin echt gerne hier. Meine Großeltern haben bereits im Sauerland gewohnt. Ich war da oft und fand schon den Dialekt sehr cool, den die hatten. Ich fühl mich wohl im Sauerland und habe viel Spaß mit meinen Chören hier. Der Spirit stimmt und die Musikrichtung Gospel spricht mich einfach an. Wir sind ein gutes Team, haben gute Auftritte und verstehen uns gut. Mir ist wichtig, dass wir uns gemeinsam weiter entwickeln. Aber das gilt für jede musikalische Arbeit. Stillstand macht einfach keinen Sinn, wenn Du gute Musik machen willst.

Matthias ist ein ungewöhnlicher Mensch. Er passt in keine noch so große Schublade. Jetzt geht er erst mal auf sein Schiff. Eine neue Herausforderung – die mag er ja. Ganz nebenbei erfahre ich, dass er beim Luther-Pop-Oratorium mitsingt. Mit dem gesamten „Albert-Singers“-Chor. Auch eine sehr spannende Sache. Ein Mega-Chor mit 3000 Sänger, gebildet aus 85 Chören und über 700 Einzelsängern. Und Oberbrügge und Lüdenscheid sind mittendrin.

Jetzt geht er erst einmal auf das Kreuzfahrtschiff "Mein Schiff". Als musikalischer Leiter.
Jetzt geht er erst einmal auf das Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff“. Als musikalischer Leiter.

Man sollte die Sauerländer nicht unterschätzen, besonders, wenn ihr Chorleiter Matthias Ortmann heißt. Dann wird es eben nie langweilig. Die Uraufführung ist am 31.10. in der Westfalenhalle.

Matthias denkt groß. Hat einen weiten Blick, ist innovativ und zielgerichtet. Man kann von seiner Art zu Denken, und das Leben für sich zu erobern einiges lernen.

Und gleichzeitig ist er eben auch vom Planeten „Betageuze“. Nicht so ganz richtig von dieser Welt. Sein Blick richtet sich immer in die Ferne. Zu neuen Herausforderungen. Und er muss jetzt weg, ist auf dem Sprung. Sein Schiff wartet. Das nächste Projekt auch. Denn wenn er zurück ist, will er eine neue Band gründen. Oder einen neuen Chor. Oder beides …

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